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„So hat man Hannover noch nie gesehen“

Interview mit Michael Kranixfeld und Verena Lobert „So hat man Hannover noch nie gesehen“

Zeitgenössisches Theater will oft ausgesessen werden. Das freie Theaterkollektiv Fräulein Wunder AG aus Hannover hat für den August eine Produktion angekündigt, die dem Publikum fünfeinhalb Stunden abverlangt. Allerdings nicht im Sitzen. „Wegefreiheit“ ist eine gemeinsame Zwölf-Kilometer-Wanderung quer durch Hannover.

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Spiel mit Stadtbildern: Michael Kranixfeld im Conti-Hochhaus am Königsworther Platz, einer Station von „Wegefreiheit“. Foto: Samantha Franson

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Es geht um den Wandel von Arbeit und Freizeit. Und darum, was dieser mit unseren Lebensentwürfen anstellt. Die Theatermacher Verena Lobert und Michael Kranixfeld erklären, was es mit diesem Theaterspaziergang auf sich hat. Verena Lobert gehörte vor zwölf Jahren zu den Gründerinnen der Fräulein Wunder AG. Michael Kranixfeld ist als Gast an „Wegefreiheit“ beteiligt. Er befasst sich nicht nur mit Theater, sondern hat sich auch im Rahmen seines Zweitstudiums „Urban Design“ an der Hafen City Universität Hamburg mit Stadträumen auseinandergesetzt. Ein Interview mit den beiden.

Sie wollen mit Ihrem Publikum in fünfeinhalb Stunden zwölf Kilometer durch die Stadt wandern. Warum sollte Ihnen jemand so lange folgen wollen?

Lobert: Wir machen eine Tour mit Zuschauern für Zuschauer. Das soll kein konsumierbares Stationentheater werden, keinem erwartbaren Ablauf folgen. Es geht uns um eine gemeinsame, außerordentliche Erfahrung. Eine Zäsur im Alltag. Das erfordert die Bereitschaft, sich einzulassen. Und Mut. Und den Einsatz von Zeit.

Mit welchen Strategien werden Sie fremde Menschen zu einer Gruppe vereinen, die eine solche Strapaze gemeinsam durchsteht?

Kranixfeld: Wir beziehen in unsere Dramaturgie auch Langeweile und Leerstellen mit ein. Wir versuchen Momente zu schaffen, in denen das Publikum von selbst aktiv wird, in denen die Zuschauer miteinander ins Gespräch kommen. Manchmal ist das angeleitet. Aber manchmal müssen sich Dinge einfach ergeben. Dafür brauchen wir viel Zeit.

Ist jede Tour also anders, je nach Publikum?

Lobert: Wir arbeiten mit Modulen, die ganz kleinen Workshops entsprechen. Wir geben Impulse für Gedanken oder Bewegungen, für Beobachtungen, zu denen dann ein Austausch stattfinden kann.

Kranixfeld: Man kann zwar mit einer Gruppe nicht wirklich flanieren. Wir wollen aber Momente schaffen, in denen diese Art der kontemplativen Wahrnehmung von Raum anklingt.

Die Fräulein Wunder AG baut ja seit Jahren in ihren Projekten unterschiedlichste Arten von Erfahrungsräumen. Ist dies der erste mobile?

Lobert: Es ist bereits der zweite Versuch, den wir mit dem Format Wanderung unternehmen. Der erste fand in Oldenburg statt, als Bürgertheaterprojekt. Wir haben dort Menschen eingeladen, sich mit ihrem jeweiligen Bezug zum Thema Arbeit in der Stadt zu verorten. Auch da haben wir schon gefragt, was es eigentlich bedeutet, zu gehen. Das ist ja Alltagspraxis und pragmatische Notwendigkeit als Zweibeiner einerseits. Andererseits gibt es uralte Auseinandersetzungen darüber, ob das Gehen das Denken beeinflusst und wie es die Wahrnehmung verändert.

Welche Rolle spielt die Stadt in Ihrer Reflexion über Arbeit und Freizeit?

Kranixfeld: Wir haben in Hannover nach Räumen und Menschen gesucht, die versuchen, neue Zusammenhänge zwischen beiden Bezugspunkten herzustellen. Wir haben dazu auch Orte in der Stadt recherchiert. Viele fragen sich heute: Warum soll ich Jahrzehnte lang nur arbeiten, um dann am Ende meines Lebens noch einen kleinen Rest Freizeit genießen zu können? Warum nicht lieber jetzt schon beides möglichst gut vereinen?

Also geht es eher um aktuelle als um historische Annäherungen an das Thema Arbeit?

Lobert: Wir sind immer wieder auf die Frage gestoßen, was uns als prekarisierte Kulturarbeiter mit der historischen Arbeiterbewegung zum Beispiel in Linden verbindet.

Kranixfeld: Die Freizeit spielte in den Anfängen der Arbeiterbewegung eine große Rolle. Weil sie in der Industrialisierung nicht vorgesehen war. Weil die Arbeiter sie sich erkämpfen mussten. Kleingärten, die wir heute vielleicht als spießbürgerlichen Rückzugsort wahrnehmen, könnte man in ihrem Ursprung als Protestform sehen, eine Intervention in eine Gesellschaft, die nur auf Produktivität ausgerichtet war. Wir versuchen, das auf die heutige Gesellschaft zu übertragen. Welche Art von Innehalten, Rückzug oder Zweckfreiheit wäre heute notwendig und möglich?

Hat die Produktion auch etwas mit Ihren eigenen Biografien zu tun?

Lobert: Unsere Projekte sind immer auch deshalb entstanden, weil wir nicht aufhören wollten, etwas zu lernen. Wir haben uns selbst eine Form geschaffen, in der wir uns projektorientiert auf Themen einlassen und all unseren Fragen freien Lauf lassen können. Dabei geht es nicht immer um Lösungen, sondern eher um Denkprozesse, die uns weiterbringen. Und andere vielleicht dann auch.

Kranixfeld: In diesem Projekt entwickelt sich der Input mit jeder Aufführung weiter. Wir bieten ein Gedankenexperiment mit verschiedenen Settings an. Und dann kommen all die Teilnehmer mit ihren individuellen Arbeits- und Freizeitbiografien. Mit kritischen Fragen zu unseren Fragen. Mit eigenen Ideen und Utopien und Wünschen. Deshalb laden wir auch zu Testaufführungen ein. Bei diesem Format sind wir mit einem völlig neuen Probenprozess konfrontiert. Wir können nur mit Publikum proben, mit fremden Perspektiven, die auf unsere Inputs reagieren.

Werden Menschen, die schon lange in Hannover leben, mit Ihnen noch neue Orte entdecken können? Oder gehen die dann fünfeinhalb Stunden durch eine Stadt, die sie auswendig kennen?

Lobert: In Oldenburg war ich erstaunt, wie viel Neues man Menschen in ihrer Stadt zeigen kann.

Kranixfeld: Ich glaube, so hat man Hannover noch nie gesehen. Wir blicken ja alleine durch unsere Themensetzung anders auf bestimmte Orte. Es geht uns nicht um eine Stadtführung mit Fakten, die historisch akkurat dargestellt wären. Wir überformen die Orte, denken sie weiter, ändern Richtungen, bringen unsere fremden Blicke mit und machen dadurch Bekanntes anders erlebbar. Und durch die Dauer unserer Wanderung vergessen die Teilnehmer eben auch manchmal ganz, dass es um Beobachten, Begreifen oder Wissen geht. Vielleicht gelingt es eben, in kleinen Momenten den Müßiggang herzustellen.

Welches Publikum wünschen Sie sich?

Lobert: Ein möglichst heterogenes, was Herkunft und Alter angeht. Darüber hinaus ist Neugierde wichtig. Und die Bereitschaft, eine Wanderung zu wagen, ohne vorher schon eine Karte studiert zu haben. Wichtig ist, Kontrolle abgeben zu können.

Wie anstrengend wird es wirklich?

Lobert: Wir sind keine Extremsportler. Und es gibt Pausen und Verpflegung. Wir könnten das Format auch „Betreuten Halbtagsausflug“ nennen.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Für die Proben-Wanderungen am 30. Juli um 15 Uhr, am 6. August um 12 Uhr und am 11. August um 15 Uhr werden noch Teilnehmer gesucht. Kontakt unter wegefreiheit@fraeuleinwunderag.net oder (0151) 56074090. Die Premiere am 13. August beginnt um 15 Uhr am Pavillon.

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