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"Die Grundstimmung der Zeit ist Hilflosigkeit"

Interview mit Peter Sloterdijk "Die Grundstimmung der Zeit ist Hilflosigkeit"

Peter Sloterdijk war Gast des Literaturfestivals Lit:Potsdam, das sich vor allem dem Thema Bildung widmete. Im HAZ-Interview spricht der Philosoph und Schriftsteller über Populismus, die Fußball-EM und die Demokratietauglichkeit der Völker.

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"In diesen Zeiten sind EM und WM Trainingslager für ansonsten nicht mehr gebrauchte Gefühle": der Philosoph und Schriftsteller Peter Sloterdijk.

Quelle: Andreas Gebert/dpa

Herr Sloterdijk, wir sitzen hier auf Schloss Reckahn bei Brandenburg/Havel, eben haben Sie beim Festival „Lit:Potsdam“ über Martin Luther und das Ende der Einheitskirche gesprochen. Stehen wir seit dem Brexit auch vor dem Ende der EU, die gerade in West-Europa zunehmend als gängelnde, dogmatische Einheitskirche begriffen wird?

Europa war nie eine Kirche, Europa hat seit 1945, in einigen Ländern schon länger, die Struktur eines Verfassungsraumes. Seit der Implosion im Jahr 1990 der osteuropäischen Zwangsstaatengruppe sind einige dazugekommen. Das Spezifikum des europäischen Raumes ist das Leben unter Verfassungen. Das ist etwas, das viele Menschen gar nicht als eigenständigen Sachverhalt verstehen, weil man immer noch den ganzen Qualm von Ideologien, Konfessionen, Religionen oder sogar Weltanschauungen hat. Für ein Leben unter einer Verfassung hat man hingegen immer noch kein griffiges Instrumentarium. Das ist eigentlich die exakte Definition dessen, was man heute als Populismus bezeichnen muss: Das Nichtbegriffenhaben, was das Leben unter einer Verfassung bedeutet.

Zur Person

Peter Sloterdijk, geboren am 26. Juni 1947 ist Philosoph und Schriftsteller. Zehn Jahre lang moderierte er zusammen mit Rüdiger Safranski die Sendung „Das philosophische Quartett“. Zu fast allen wichtigen Debatte in Deutschland hat Sloterdijk seinen Beitrag abgegeben. Heute stellt der Philosoph in Berlin seinen neuen Roman „Das Schelling Projekt“ vor.

Da Sie vom Populismus sprechen: Hat sich seit dem Brexit der Volksentscheid als Mittel des Populismus und der Marktschreier ins Abseits gestellt?

Er sollte diskreditiert sein, finde ich. Und zwar deswegen, weil sich gezeigt hat, dass selbst die älteste politische Kultur Europas, nämlich die britische, gegen die primitivste Form von Verhetzung nicht immun ist. Es erweist sich, dass große, politisch erfahrene Nationen verhetzbar und verführbar sind. Bei Nationen der ersten Generation, die erst seit 10 oder 20 Jahren Demokratieerfahrung haben, wäre das nicht überraschend. Fast alle diese Staaten sind Diktaturen, wie überhaupt knapp 140 von weltweit 200 Nationen. Wenn aber eine Nation wie England, eine Demokratie zehnter Generation, sich als eine solche agitierbare Masse darstellt, wo zwei ignorante Snobs sich wie Halbwüchsige ein selbstmörderisches nächtliches Autorennen liefern, ohne Rücksicht auf zufällige Passanten, dann muss man sich nicht nur um die Verfassung, sondern allgemein um die Demokratietauglichkeit der Völker ernste Sorgen machen.

Wenn wir auf den Brexit und die knappe Präsidentenwahl in Österreich schauen, die jetzt wiederholt werden muss, sehen wir in elementaren Fragen haarscharfe Entscheidungen - zwei Stimmgruppen, die sich nahezu gleich stark gegenüberstehen. Leben wir in einer neuen Zeit der Unversöhnlichkeit und des Zankes?

Die Grundstimmung der Zeit ist Hilflosigkeit. Hilflosigkeit zeigt sich unter anderem darin, dass man sich nicht leisten kann, großzügig zu sein. Das kann man derzeit in Österreich sehr deutlich studieren. Man merkt es auch auf dem neudeutschen, national-konservativen Flügel. Das sind ja arme Teufel, die werden eher von der Linken organisiert und von ihnen vertreten. Das typische AfD-Publikum sind Leute, die sich für gefährdet halten, und sich aus der Hilflosigkeit heraus für Politik interessieren. So gesehen ist es Ausdruck einer Zeitstimmung, weil Ohnmacht nie sehr populär ist, und sich ein Ventil sucht. Früher hat man Ohnmacht durch imperiale Projektionen zu kompensieren versucht und hat einen Diktator angehimmelt. Das waren personenkultische Varianten der Ohnmacht, die kann man derzeit in Europa fast nirgendwo durchsetzen. Also bleibt nur die vulgär-populistische Ermächtigung auf der Ebene der Fantasie.

Haben wir bei der Europameisterschaft gerade ein Spiegelbild der politischen Stimmungen erlebt? England scheidet früh aus, die Wirtschaft der sportlich erfolgreichen Isländer hingegen brummt. Kann man das ins Verhältnis setzen?

Das glaube ich nicht. Länderspiele sind die Ausnahme, der Fußball ist vor allem auf Vereinsebene organisiert. Es ist eine sportindustrielle Unternehmung. Mit nationalen Interessen hat das in der Regel nichts mehr zu tun. Europameisterschaften und Weltmeisterschaften sind organisierte Regressionen für das Bedürfnis, sich zu identifizieren. Wo könnte man sich heute sonst noch mit seinem Land identifizieren? Die Parteien bieten dafür keine Gelegenheit mehr: Dort soll der niedrige Intelligenzquotient selbst zu einem Machtfaktor geformt werden. Diese organisierten Regressionen haben immerhin die Tugend, dass sie Emotionen trainieren, die sonst nicht mehr gebraucht werden. Man kann sich mit der eigenen, der sogenannten eigenen Mannschaft identifizieren. Identifizierung ist ein knappes Gut geworden. Denn unsere Zeit ist auf Departizipation und auf Desidentifikation getrimmt, auf wechselnde Beziehungen, auf schwache Bindungen. In diesen Zeiten sind EM und WM Trainingslager für ansonsten nicht mehr gebrauchte Gefühle.

Interview: Lars Grote

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