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„Hannover schreitet bei Raubkunstrückgabe voran“

Interview mit Annette Baumann „Hannover schreitet bei Raubkunstrückgabe voran“

Annette Baumann war nach dem Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und Alten Geschichte und einer Doktorarbeit über Paul Klee zunächst Assistentin am Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern. Im Interview spricht Hannovers Provenienzexpertin über ihre Forschung und den fairen Umgang mit Rückgabeforderungen.

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Provenienzexpertin Annette Baumann.

Quelle: Michael Thomas

Nach Kriegsende fehlten vielen Museen Ausstellungsstücke. Zum einen, weil vieles als „entartet“ verbannt, zum anderen, weil durch Krieg und Plünderung vieles zerstört oder geraubt worden war. Hannover hat um 1950 in großem Stil Kunst gekauft. Ein geschickter Schachzug?
Die Stadt wollte ihre Bestände ergänzen, die ihnen durch die Aktion „Entartete Kunst“ verloren gegangen sind, um in ihren Museen attraktive Werke zeigen zu können. Das war zu jener Zeit auf jeden Fall ein weitsichtiges und kulturbewusstes Vorgehen, weil man damit an vormalige Sammlungsstrategien anschloss. Hannover war vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein wichtiges Zentrum für das Sammeln von und für die Auseinandersetzung mit moderner und zeitgenössischer Kunst. Man denke nur an die Ausstellungen der Kestnergesellschaft oder die Einrichtung des Abstrakten Kabinetts von El Lissitzky im ehemals so benannten Provinzialmuseum Hannover in den 1920er- Jahren.

Allein 1949 hat Hannover 114 Werke gekauft, darunter auch vormals verfemte Künstler wie Kirchner, Nolde, Klee, Rohlfs, Liebermann, Corinth und Slevogt. Bei diesem von Ferdinand Stuttmann, dem damaligen Direktor des Landesmuseums, vermittelten Kauf stammten alle Werke von Conrad Doebbeke, bei keinem Werk wurde ein Herkunftsnachweis verlangt. Wie beurteilen Sie das damalige Vorgehen der Stadt?
Während des Ankaufsvorganges wurde die Herkunft der Einzelwerke von den Verantwortlichen tatsächlich nicht hinterfragt. Man beurteilte allein die Qualität der Werke, und es genügte vielen die Auskunft, dass es sich bei dem Anbieter um einen Sammler moderner Kunst aus Berlin handelte. So etwas wäre heute nicht denkbar. Wenn ich die akribisch geführten NS-Akten und die Verfolgungsschicksale sehe, ist das natürlich sehr berührend. Heute erscheint ein solches Verhalten, gar nicht nach der Herkunft der Werke zu fragen, befremdlich. Stuttmann hat für den Ankauf nach Kriegsende einen günstigen Moment gewählt, die Herkunftsfrage war aber nach dem erfolgten Ankauf durchaus ein Thema, schließlich hat Stuttmann bisweilen Doebbeke darauf angesprochen.

Von Doebbeke ist der Rat überliefert, man möge das eine oder andere Werk besser nicht vorm Verjährungsverstrich zeigen, weil sonst „irgendein Herr Silberstein es wiederhaben will“. Was war Doebbeke für eine Figur?
Als Wissenschaftlerin ist es ist nicht meine Aufgabe, Doebbekes Rolle zu bewerten, vielmehr Archivalien aufzufinden, Hintergründe zu erforschen und darzulegen. Doebbeke agierte vermutlich dem Zeitgeist entsprechend, er war vermögend, war in mehreren Galerien als Kunde vermerkt, meldete 1946 selbst offiziell eine Galerie in Hannover an. Mit Wiedereröffnung des Landesmuseums 1950 wurde die große Neuerwerbung dennoch öffentlich präsentiert, nachfolgend mehrfach publiziert. Die Einzelwerke tourten in den großen Nachkriegs-Retrospektiven zu Max Liebermann und Lovis Corinth in mehreren Städten und standen der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung.

Manche sagen, er habe als Sammler aus düsteren Quellen geschöpft, sich vielleicht bei „Arisierungen“ bereichert …
Das wird allgemein bisher so formuliert. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es zu früh, sich dazu abschließend zu äußern.

Wie agiert Hannover denn heute bei Rückgabeforderungen?
Als Beispiel lässt sich der Fall des Werks „Römische Campagna“ von Lovis Corinth nennen …

… gleichfalls 1949 bei Doebbeke gekauft.
Das Gemälde hat die Stadt Hannover 2007 an die Erben des Sammlers Curt Glaser restituiert, obwohl dieser seine Sammlung bereits im Mai 1933 verkauft und indirekt eine Verkaufsabsicht schon Ende 1932 in einem Brief an Edvard Munch kundgetan hatte. Man hätte daher durchaus darüber streiten können, ob es sich hier überhaupt um einen verfolgungsbedingten Entzug und damit um einen Raubkunstfall handelt, der zu einer Restitution verpflichtet. Hannover ist hier bei der Restituierung vorangeschritten, andernorts hat es ähnliche Schritte erst später gegeben.

Sie forschen ja seit 2009 vor allem über die Käufe von Doebbeke. Gibt es da aktuell weitere Restitutionsbegehren und auch Rückgabekandidaten?
Nein. Viele Fälle sind einfach noch nicht eindeutig nachvollziehbar. Nehmen wir das Bild „Ottchen mit Mutter“, gleichfalls von Corinth. Das war 1926 für die große Corinth-Gedächtnisausstellung in Berlin von der Berliner Sammlerin Margarethe Hamburger ausgeliehen worden und wurde 1949 von Doebbeke an die Stadt Hannover verkauft. Wir wissen aber noch nicht, wann es den Besitzer gewechselt hat und ob es für die 1941 verstorbene Frau Hamburger eine Verfolgungssituation gab, aus der heraus sie das Bild verkaufen musste. Die von der Bundesregierung, den Ländern und kommunalen Spitzenverbänden verabschiedete Handreichung bietet für die Prüfung solcher Umstände einen Leitfaden zur Umsetzung der Washingtoner Erklärung. Da wir noch nicht eindeutig feststellen konnten, unter welchen Umständen oder über welche Zwischenhändler das Werk in das Eigentum Conrad Doebbekes gelangte, dauern die Recherchen aktuell an.

Wie gehen Sie dabei vor?
Provenienzforschung ist neben der Expertise am Objekt vor allem Aktenstudium, Recherche in Archiven, Leihverkehrsverzeichnissen, Kunstkatalogen, Zollunterlagen in Deutschland oder im Ausland, wie der Schweiz. Man sichtet Akten der Oberfinanzpräsidien, weil darin Beschlagnahmen verzeichnet sind, die auf verfolgungsbedingten Entzug hindeuten. Man sichtet Restitutionsakten der Fünfzigerjahre, weil daraus Ansprüche und frühere Aufenthaltsorte von Werken rekonstruierbar sind. Auch Städte wie New York müssten stärker in die Provenienzforschung einbezogen werden, weil die Stadt wie zuvor Amsterdam Emigrationsziel vieler Sammler und Kunsthändler war, wie von Justin Thannhauser, Karl Buchholz oder Karl Nierendorf. Wir hoffen aber jetzt auf neue Impulse durch die angedachte fachliche Vernetzung des Zentrums für Kulturgutverluste in Magdeburg.

Das klingt nach einem sehr umfassenden Forschungsansatz. Oder gibt es weitere Maßnahmen, die Sie im Dienste der Provenienzforschung treffen könnten?
Ich hoffe auf einen verstärkten inhaltlichen Austausch im Verbund zu detaillierteren Fragen des während der NS-Zeit ins Ausland verlagerten Kunsthandels und zu Biografien von Sammlern, die uns heute nicht mehr so sehr präsent sind. Zu diesem Zweck hat sich der Arbeitskreis für Provenienzforschung neu konstituiert, unser gewählter Vorstand ist nun im Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste vertreten. Auch das über das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur initiierte Netzwerk „Provenienzforschung in Niedersachsen“ wird unsere fachlichen Anliegen unterstützen.

Sie hatten ja schon für 2014 eine Publikation über Ihre Arbeit geplant. Warum ist es bisher nicht dazu gekommen?
Es gab nach der Entdeckung des Münchner Kunstschatzes von Cornelius Gurlitt so viele neue Ergebnisse und Forschungsfelder, dass wir einen Schnellschuss vermeiden wollten. Wir hoffen wie andere Forscher auch auf eine Offenlegung von Ergebnissen aus der Taskforce Schwabinger Kunstfund und weiteren Quellenfunden.

Wann wird es denn eine Publikation über Ihre Doebbeke-Forschung geben?
Wir planen die Publikation in naher Zukunft, freuen uns, dass wir uns personell verstärken konnten, um noch gezielter zu Verfolgungsschicksalen und Biografien vermutlicher ehemaliger Vorbesitzer unserer Werke forschen können.

Interview: Daniel Alexander Schacht

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