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Kultur "Das Problem sind wir Musiker"
Nachrichten Kultur "Das Problem sind wir Musiker"
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16:37 06.06.2017
Von Stefan Arndt

Herr Grubinger, Sie sind in Hannover einer der populärsten klassischen Musiker - obwohl Sie nicht Klavier oder Geige spielen, sondern Schlagzeug. Wie kann das sein?

Ich habe ja schon eine längere Geschichte mit dem Publikum in Hannover: Das erste Konzert ist mehr als zehn Jahre her. Da entsteht eine gewisse Beziehung. Und das Schlagzeug ist ein vergleichsweise neues Instrument. Es ist anders als die herkömmlichen klassischen Soloinstrumente, es hat ein anderes Repertoire. Es ist exotisch und multikulturell.

Mal ehrlich: Sind das nicht eher alles Nachteile? Man sagt doch oft, das Publikum höre am liebsten, was es schon kennt.

Das Problem ist nicht das Publikum, dem man immer unterstellt, es würde Neue Musik nicht verstehen. Das Problem sind wir Musiker. Wir müssen mit den Zuhörern auf Augenhöhe kommunizieren und nicht von oben herab sagen, jetzt hört auch das halt an und stellt keine Fragen. Wir Musiker müssen endlich die Verantwortung dafür übernehmen, so etwas wirklich mit Haut und Haar zu spielen. Wir müssen das Publikum überzeugen. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum die Leute in unsere Schlagzeug-Konzerte kommen: Sie wissen, dass wir alles geben werden, um die Musik mit Emotionen ausfüllen.

Ist das Schlagzeug dafür besonders gut geeignet, weil man die Spieler hart arbeiten sieht?

Das stimmt schon. Aber überlegen Sie mal, mit welchen großen Könnern man in Kontakt kommt, wenn man ein Sibelius-Violinkonzert hören will. Da sieht man große Musiker, die das mit völliger Hingabe spielen. Natürlich auswendig. Aber wenn dieselben Leute einmal, ein neues Werk in Auftrag geben und das auch spielen, dann haben sie den Notenständer vor der Nase stehen. Das ist schon mal eine Barriere mehr. Man spielt es halt, aber man geht nicht richtig auf darin. Wir müssen als Musiker unsere Fähigkeiten einbringen.

Machen Geiger so etwas grundsätzlich seltener als Schlagzeuger?

Nein, natürlich nicht. Nehmen Sie Anne-Sophie Mutter: Sie steht für eine ganz große Tradition. Und doch spielt sie die Violinkonzerte von Rihm und Gubaidulina mit derselben Begeisterung und Professionalität wie das von Beethoven. Man spürt, dass ihr das ein echtes Herzensanliegen ist. Das gilt auch für den Dirigenten Christoph Eschenbach, der auch in fortgeschrittenem Alter noch immer viel mehr Herzblut in das Emotionalisieren von neuen Stücken investiert als viele junge Dirigenten.

Auf breiter Front sehen Sie solche Musiker aber noch nicht?

Ich denke, es gibt ein Problem, das schon in der Ausbildung beginnt. Gerade bei Dirigenten, die nur lernen, wie sie ihren Mozart oder ihren Strauss richtig interpretieren. Es müsste vielmehr die Neugier geweckt und deutlich gemacht werden, dass es ihre Aufgabe ist, die Fackel weiterzutragen. Wenn man auf die anderen Künste schaut, ob das nun die Literatur oder die Bildende Kunst ist: Überall ist es weitergegangen. Und sie haben ihr Publikum auf Augenhöhe mitgenommen. In der Musik haben wir das verschlafen.

Warum eigentlich? Es kann ja schon helfen, das Publikum nur anzusprechen. Warum reden so wenig Musiker mit ihrem Publikum?

Wenn ich das wüsste! Schon durch die Begrüßung entsteht eine gute Chemie zwischen Musiker und Publikum. Man darf nicht nur einfach rausgehen, spielen und wieder gehen. Wir müssen in Kommunikation treten. Wir müssen das Publikum mitnehmen.

Wenn Sie dabei jeden Abend alles geben: Können Sie das mit 60 auch noch machen?

Leider nicht, das ist ja allein ein physischen Problem beim Schlagzeug. Mir hilft bei dem ganzen Einsatz immer wieder, dass ich spüre, was für ein zartes Pflänzchen das Schlagzeug ist. Ich möchte aber auf keinen Fall den Moment übersehen, an dem das nicht mehr richtig geht. Und schon jetzt gibt so viele junge Schlagzeuger, dass das Projekt nicht mehr allein an mir hängt. Das Schlagzeug ist nicht mehr zu stoppen.

Zur Person

Martin Grubinger ist 1983 in Salzburg als Sohn eines Schlagzeugers geboren. Als einer der erfolgreichsten klassischen Musiker ist er regelmäßig in den großen Konzerthallen und auf Festivals zu Gast. In Hannover beendet er am Sonnabend, 17. Juni, die Pro-Musika-Saison mit einem Auftritt seines Percussive Planet Ensembles im Funkhaus. Kartentelefon: (0511) 12 12 33 33.

Interview: Stefan Arndt

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