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Igor Levit: „An diesen Stücken hängt mein Leben“

Interview mit Star-Pianist Igor Levit: „An diesen Stücken hängt mein Leben“

Warum Weltklasse-Pianist Igor Levit in Hannover bald seine persönlichsten Konzerte geben wird und an welchen Stücken sein Leben hängt, erzählt der Musiker  im Interview mit Stefan Arndt.

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Pianist Igor Levit.

Quelle: Kutter

Herr Levit, ich habe gerade das Violinkonzert von Beethoven gehört. Das ist doch das schönste Stück, das es gibt, oder?

Einverstanden.

Andererseits gibt es ja viele schönste Stücke – man kann sich kaum entscheiden. Sie müssen Ihre Konzerte weit im Voraus planen: Wie sorgen Sie eigentlich jetzt schon dafür, dass Sie im Oktober 2018 das richtige Programm spielen?

Das ist tatsächlich ein Problem. Es kann schon passieren, dass mir zwei Monate vor einem Auftritt ein viel besseres Programm einfällt, als das, das angekündigt ist. Manchmal werden es dann eben 14 verschiedene Programme pro Saison. Es gibt sicher Künstler, die da einfacher sind als ich. Bei Stücken wie den Variationen, die jetzt in Hannover zu hören sein werden, ist das aber nicht nötig: Die spiele ich immer sehr gern.

Warum sind Sie sich da so sicher?

Keine Werkgruppe in meinem Repertoire, vielleicht mit der Ausnahme der Beethoven-Sonaten, hat mich persönlich und musikalisch so geprägt wie diese drei Werke: Bachs „Goldberg-Variationen“, Beethovens „Diabelli-Variationen“ und „The People United Will Never Be Defeated!“ von Frederic Rzewski. Bei diesen Stücken gibt es bei mir keinen Verschleiß. Allerdings ist es auch nicht ganz leicht, sie im Konzert zu spielen – gerade hier in Hannover.

Woran liegt das?

Die Stücke haben mich persönlich geprägt – also haben sie natürlich mit meinem Privatleben zu tun. Und das war in den letzten zwanzig Jahren nun einmal hier. Ich habe „People United“ zum Beispiel schon einmal vor drei Jahren in Hannover gespielt. Damals war mein engster Freund Hannes Malte Mahler Pate des Konzertes. Und jetzt ist er tot: Klar denke ich daran, wenn ich das jetzt spiele. Das macht es auch wahnsinnig wertvoll. Vielleicht muss ich mitten im Konzert abbrechen und anfangen zu heulen. Wahrscheinlich aber eher nicht: Ich bin überzeugt, dass das ein sehr besonderes Wochenende wird. Es ist jedoch ganz sicher so, dass ich diese beiden Abende auch für Hannes spiele. Er fehlt mir sehr.

Der Komponist Frederic Rzewski und sein Stück sind recht ungewöhnlich. Wie sind Sie auf diese Musik gestoßen?

In Pianistenkreisen sind die „People United“ nicht unbekannt. Ich habe das Stück in der Bibliothek der Musikhochschule kennengelernt, als ich im ersten oder zweiten Semester war: Im CD-Regal stand die Aufnahme von Marc-André Hamelin. Da bin ich zur Bibliothekarin gegangen und habe gefragt, ob sie diese Noten für mich bestellen kann.

Und: Haben Sie die Noten schon zurückgegeben?

Ich habe alle meine Noten zurückgegeben. Klar! Ich habe das Stück gehört und gedacht: Das ist es. Aufgeführt habe ich es erst vier Jahre später. Ich habe aber Frederic gleich angemailt und ihn gefragt, ob er in der Zwischenzeit etwas Neues für mich schreiben würde. Er hat geantwortet, wenn ich jemanden finde, der das bezahlt, macht er das. Da bin ich zu meinem Professor Andreas Boettger gegangen, der damals die hannoversche Gesellschaft für Neue Musik geleitet hat. Und der hat es ermöglicht.

Was ist mit den anderen Stücken?

Nehmen wir die „Goldberg-Variationen“: Ich säße ohne meinen Lehrer Lajos Rovatkay so nicht hier – natürlich haben wir viel gearbeitet und über Bachs Musik gesprochen. Genauso die „Diabelli-Variationen“, die habe ich zum ersten Mal hier an der Hochschule gespielt, wo sie später mein Abschlussstück wurden. Meine Jugend und mein Heranwachsen sind mit diesen drei Werken verbunden: An ihnen hängt mein Leben.

Für Ihre Aufnahme dieser Stücke haben Sie inzwischen viele wichtige Musikpreise bekommen. Wie fühlt es sich an, wenn so etwas Persönliches Ehrung von außen erfährt?

Ich denke, es ist jetzt schwer, so etwas zu wiederholen. Es ist aber vielleicht auch gar nicht nötig: Mit den Variationen hat viel begonnen, es ist aber auch etwas zu Ende gegangen.

Wie lange haben Sie eigentlich gebraucht, um die Plattenfirma von dem verrückten Projekt zu überzeugen, drei so unterschiedliche und so umfangreiche Variationswerke auf einmal zu veröffentlichen?

Nicht mal zehn Prozent eines Gesprächs. Ich habe ein Umfeld, das mir sehr wertvoll ist. Wir haben alle hoch enthusiastisch an diesem Projekt gearbeitet. Und die Aufnahmen haben fast ein ganzes Jahr gedauert.

Spätestens seit die drei CDs erschienen sind, gelten Sie als einer der beiden wichtigsten Pianisten Ihrer Generation. Der andere ist Daniil Trifonow. Und beide stammen sie aus Nischni Nowgorod.

Das stimmt, aber wir sind uns leider noch nie richtig begegnet. So fantastisch ich ihn finde, ich habe ihn noch nicht live gehört.

Nicht jeder Pianist interessiert sich dafür, was seine Kollegen tun. Ist das bei Ihnen anders?

Natürlich, mich interessiert das brennend.

Sie haben einmal beschrieben, wie sehr Sie eine Aufführung von Beethovens „Hammerklaviersonate“ mit Grigory Sokolov fasziniert hat – weil sie gar nichts mit seiner Interpretation anfangen konnten.

Ich gehe ja nicht ins Konzert, um meine CDs zu hören. Und Sokolov ist so sehr zu bewundern! Dann war da diese Sonate, die plötzlich auf mich gewirkt hat wie eine Fremdsprache. Ich dachte, ich erkenne sie gar nicht. Das war ein Glücksmoment! Je fremder, desto besser. Als ich 16 war, habe ich Sokolov einmal vorgespielt. Er hat mich auseinandergenommen mit Haut und Haaren. Unterm Strich hat er mir gesagt: „Fang mal an zu arbeiten.“ Und recht hat er gehabt. Er ist auf eine großartige Weise gnadenlos, wenn es um Musik geht. Leider habe ich ihn länger nicht mehr im Konzert gesehen.

Sie sind vor einem halben Jahr von Hannover nach Berlin gezogen. Dort haben Sie doch sicher öfter Gelegenheit, interessante Konzerte zu besuchen.

Ich lasse auf Hannover gar nichts kommen. Das Musikleben muss sich hinter keiner anderen Stadt verstecken. Vor allem im Bereich des Fundaments, der Ausbildung. Ich habe hier an der Musikhochschule ein Studium genießen dürfen, das in meinen Augen seinesgleichen sucht. Hier ist ein unfassbarer Brainpool. Wir haben ganz viele Chöre, mehrere Barockorchester, die Kunstfestspiele, die Radiophilharmonie, die Oper, mehrere Laienorchester. Es gibt Altstadtkonzerte, die Kammermusikgemeinde und, und, und. In dieser Konzentration, auf diesem Niveau muss man sich hier wirklich nicht klein fühlen. Vor niemandem auf der Welt.

Interview: Stefan Arndt

Igor Levit ist 1987 in Nischni Nowgorod geboren. 1995 zog er mit seiner Familie nach Hannover, um an der Musikhochschule zu studieren. Er lebt in Berlin. Am Freitag,
21. Oktober, spielt er im NDR-Funkhaus Variationswerke von Beethoven und Rzewski, am Sonntag, 23. Oktober, 17 Uhr, Bachs „Goldberg-Variationen“. Außerdem ist Levit im Literarischen Salon der Leibniz Universität zu Gast. Titel des Abends am Montag,
14. Oktober: „Mit Beethoven reden“. Kartentelefon für die Konzerte: (05 11) 363817.

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