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15:48 28.09.2017
Von Ronald Meyer-Arlt
Masken als Symbol für korrupte Politiker. Eine Demonstration gegen Korruption in Brasilien – über das beim Symposium auch diskutiert wird. Quelle: Eraldo Peres

Markus Pohlmann vom Max-Weber-Institut für Soziologie an der Universität Heidelberg gehört zu den Organisatoren des Symposiums. Er eröffnet die Veranstaltung am Donnerstag, 5. Oktober, mit einem Vortrag, in dem er Gründe für organisiertes Fehlverhalten nennt.

Herr Pohlmann, Organisationssoziologie ist meist nicht so spannend. Bei Ihnen aber anscheinend doch. Sie veranstalten im Schloss Herrenhausen ein Symposium über Korruption, Skandale und organisierte Kriminalität. Und einige Teilnehmer stehen unter Polizeischutz. Wird die Veranstaltung bewacht?

Weil wir uns auch mit der organisierten Kriminalität beschäftigen wollen, haben wir auch den bekannten Mafiajäger Roberto Scarpinato eingeladen. Auch Petra Reski, die viel Kritisches über die Mafia gesagt hat, wird dabei sein. So kam die Frage des Polizeischutzes auf.

Wahrscheinlich werden die beiden eine spannende Beschreibung der Verhältnisse präsentieren. Was werden die Soziologen damit anfangen?

Unser Ziel ist es, auch die Praktiker in diesem Bereich zu Wort kommen zu lassen. In dem Symposium wollen wir herausfinden, wie man Formen organisierter Kriminalität erklären kann und wie Korruption und andere Formen der Unternehmenskriminalität zustande kommen. Auf der anderen Seite interessieren uns auch Lösungsansätze: Wie kann man Straftaten im Bereich der Unternehmenskriminalität erkennen und verhindern?

Es gibt neue Methoden der Überwachung, viele Unternehmen haben Compliance-Abteilungen, aber trotzdem folgt ein Skandal dem anderen. Warum hilft das alles nicht?

Das Problem ist, dass höhere Strafen und verschärfte Regeln auf der Organisationsebene wenig bringen. Mehr Regeln bewirken oft nur höhere Anstrengungen, Regeln zu umgehen. Bei Unternehmenskriminalität, die zum Nutzen des Unternehmens geschieht, sind es oft hochkarätige Insider, die bestimmte dunkle Wege nutzen und von Regeln abweichen.

Jetzt sind wir beim Diesel-Skandal. Bei Volkswagen hatte der Einzelne ja kaum einen persönlichen Vorteil von seinem Fehlverhalten. Warum haben die Verantwortlichen trotzdem mitgemacht?

Das ist für die Soziologie natürlich sehr interessant. Wie kommt Fehlverhalten zustande, wenn der persönliche Nutzen eher gering, das Risiko aber sehr hoch ist? Da sehen wir, dass Unternehmenskulturen mit ihren ungeschriebenen Regeln eine sehr große Rolle spielen. Wir haben festgestellt, dass bei solchen Formen der Abweichung von Regeln und Gesetzen vorrangig erfahrene langjährige Insider ins Spiel kommen. Es sind alles Leute, die im Unternehmen sozialisiert worden sind und loyal zum Unternehmen stehen. Sie haben gelernt, wie man das Spiel spielt - auch wenn man dabei Regeln umgehen muss.

Ist der Volkswagen-Skandal ein besonderes Ereignis? Oder sind Sie in Ihrer Forschung auf viele derartige Skandale gestoßen?

Die Manipulation der Abgassysteme hat eine lange Tradition. Wir bewegen uns hier in einer Branche, die wir Soziologen devianzanfällig, also anfällig für abweichendes, nicht regelkonformes Verhalten nennen. Volkswagen selbst hat schon beim Käfer in den Siebzigerjahren Temperatursensoren eingesetzt und dafür eine Strafe gezahlt. Manipulationen gab es auch bei Honda, Chrysler und vielen anderen. 2004 hat Audi angefangen, deaktivierende Software einzubauen. Ein Grund dafür ist, dass es in Europa dafür nur sehr laxe Regeln gibt und dass die Paragrafen sehr dehnbar sind.

Sie haben sich auch mit Fehlverhalten in anderen Branchen beschäftigt. Etwa mit den Skandalen in der Transplantationsmedizin. Gibt es eigentlich Branchen, die nicht oder kaum devianzanfällig sind?

Nicht alle Branchen sind gleich anfällig. Es gibt durchaus Unterschiede. Aber wir sagen immer: Jede Organisation braucht ein Stück weit Devianz. Man braucht Abweichung von den Regeln, damit die Organisation funktionieren kann. Was ohne Regelabweichung geschieht, kann man sehr schön an der Streikform Dienst nach Vorschrift beobachten. Wenn man sich genau an die Regeln hält, legt man früher oder später jede Organisation lahm.

Regeln fördern also Devianz?

Das kann man so sagen. In vielen Unternehmen gibt es so etwas wie Umgehungsrationalität. Es entstehen Trampelpfade, um Regeln zu umgehen. Wir können auch beobachten, dass in Unternehmensbereichen, in denen Insider lange zusammenarbeiten und in denen Karrieresysteme nur Insider befördern, die Wahrscheinlichkeit wächst, dass es zur Devianz kommt.

Können Sie sich eine devianzfreie Wirtschaft überhaupt vorstellen?

Das wird es nicht geben, weil es immer die Bereitschaft geben wird, zum Nutzen des Unternehmens gegen Regeln zu verstoßen. Diese Bereitschaft, gegen Regeln zu verstoßen, ist ein Begleitphänomen jeder Organisation.

Die Konferenz, die Sie im Schloss Herrenhausen veranstalten, ist international ausgerichtet. Welche Länder nehmen Sie besonders in den Blick?

In der Konferenz werden auch Brasilien und China eigene Sessions gewidmet sein.

Nimmt Korruption weltweit zu?

Das kann man so nicht sagen. Weil die Antikorruptionspolitik weltweit verschärft wird, werden mehr Fälle aufgedeckt und die Dunkelziffer sinkt. Ob dadurch langfristig die Kriminalitätsneigung von Unternehmen abnimmt - darüber lässt sich nur spekulieren.

Das Symposium

Kriminologen, Soziologen, Juristen, Politiker, Journalisten und NGO-Vertreter diskutieren vom 5. bis 7. Oktober im Schloss Herrenhausen über Korruption, Geldwäsche, Betrug und organisierte Kriminalität – und wie man sie möglicherweise eindämmen kann. Die Teilnehmer setzten sich mit der Mafia (und ihrem Vordringen in Deutschland), mit institutioneller Kriminalität und Korruption in Brasilien und China und auch mit Skandalen und Manipulationen im Sport auseinander. Für das Symposium „Bribery, Fraud, Cheating – How to Explain and to Avoid Organizational Wrongdoing“ gibt es noch wenige freie Plätze.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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