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„Uns interessieren Grenzüberschreitungen“

Interview zum Tanzkongress „Uns interessieren Grenzüberschreitungen“

Was bewegt der Tanzkongress? Im HAZ-Interview sprechen die Organisatorinnen Sabine Gehm und Katharina von Wilcke über das Programm des Kongresses, über expressive Künstler und Trends im zeitgenössischen Tanz.

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Ausdrucksstark – aus der Performance von Boris Charmatz. 

Quelle: Boris Charmatz

Hannover hat bei der Bewerbung um den Tanzkongress den Zuschlag erhalten. Warum eigentlich?

Sabine Gehm: Zunächst einmal hat es mit der Infrastruktur in Hannover zu tun. Die Oper und das Schauspiel bieten viele Bühnen, Probe- und Versammlungsräume für Performances, Diskussionen und Workshops. Alles liegt so nah beieinander, dass ein Kongresszentrum und damit ein zentraler Treffpunkt für die Teilnehmer entstehen kann, was für diese Austauschplattform sehr wichtig ist.

Katharina von Wilcke: Hinzu kommt, dass das Staatsballett großes Engagement gezeigt hat, um den Kongress nach Hannover zu holen.

Sabine Gehm: Das hat letztlich auch dazu geführt, dass der Kongress erstmals in einem Staatstheater stattfindet. Bislang waren wir immer an Spielstätten der freien Szene zu Gast.

Steht dadurch jetzt mehr der Tanz an festen Bühnen im Vordergrund? Zur Schlussveranstaltung „Update“, die einen Überblick über aktuelle Produktionen bieten will, sind nur Kompanien von Stadt- und Staatstheatern eingeladen.

Katharina von Wilcke: Das Programm richtet sich generell an alle Tanzschaffenden, denn wir suchen nach relevanten Themen, die die Künstler der freien Szene und die des Staatstheaters gleichermaßen beschäftigen. Wir freuen uns jedoch, dass Hannover gesagt hat: „Wir möchten als spektakulären Abschluss eine Gala mit Ausschnitten aktueller Tanzproduktionen der Stadt- und Staatstheaterensembles zeigen.“ Es dürfte auch gerade für das hannoversche Publikum ein besonderer Höhepunkt sein, dass sich in ihrer Stadt die Spitzenkräfte des Bühnentanzes präsentieren.

Mit Boris Charmatz eröffnet ein sehr expressiver Künstler den Kongress. Warum fiel die Wahl auf ihn?

Sabine Gehm: Uns interessieren Grenzüberschreitungen. Boris Charmatz hebt die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum auf und geht auf das Publikum zu. Etwa mit seinem „Public Warm-up“ zur Eröffnung des Kongresses auf dem Opernplatz, zu dem jeder eingeladen ist, der Spaß an Bewegung hat. Auch seine Idee, mit „20 Dancers for the XX. Century“ das gesamte Opernhaus mit all seinen Räumen und Foyers zu einem Tanzmuseum zu machen, durch das die Zuschauer flanieren und verschiedenste choreografische Handschriften entdecken können, hebt die Distanz zwischen Publikum und Tänzern auf.

Katharina von Wilcke: Charmatz nennt sein Ensemble „Musée de la Danse“. Tanz wird zugänglich über die Körper und wird zu einem gemeinschaftlichen Erlebnis. Das wiederum entspricht auch dem Motto des Kongresses „Zeitgenoss*in sein“. Genossenschaft ist ein anderes Wort für Gemeinschaft.

Neben den Aufführungen gibt es 70 Vorträge und Workshops mit 180 Referenten. Ist das nicht etwas viel Theorie?

Katharina von Wilcke: Nein. Da steckt viel Bewegung drin – im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht dabei vor allem um praktische Fragen. Aber auch um Tanz im gesellschaftlichen und politischen Kontext. Der Themenbereich „Border Effects“ etwa beschäftigt sich mit Aus- und Eingrenzung, fragt nach der Handlungsmacht des Körpers und untersucht, auf welche Weise Tanz und Choreografie Wissen und Erfahrung liefern können, um sich mit Grenzen und Grenzziehungsprozessen auseinanderzusetzen.

Richten sich denn all die Vorträge und Workshops nur an ein Fachpublikum?

Sabine Gehm: Nein. Grundsätzlich richtet sich der Kongress an alle, die sich für Tanz interessieren. Besonders die Veranstaltungen, die auf den Bühnen des Schauspiels oder der Oper stattfinden, sind sicherlich für viele interessant. Zudem bietet sich mit dem abendlichen Tanzprogramm die einmalige Gelegenheit, in einem kurzen Zeitraum viele verschiedene Handschriften spannender Choreografen kennenzulernen.

Zur Person: Sabine Gehm und Katharina von Wilcke

Sabine Gehm leitet zum vierten Mal (nach 2006, 2009 und 2013) gemeinsam mit Katharina von Wilcke (links)den von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Tanzkongress. Sie ist frei arbeitende Kuratorin und Kulturmanagerin sowie seit 2004 künstlerische Leiterin des internationalen Festivals Tanz Bremen.

Katharina von Wilcke ist freie Kulturmanagerin und unter anderem seit 2013 im Mentoringprogramm des Performing Arts Programm Berlin tätig.

Gibt es aktuelle Trends im zeitgenössischen Tanz?

Sabine Gehm: Der Tanz ist so vielfältig wie seine Akteure. Inhaltlich ist eine Zunahme an politischen Themen zu beobachten. Auch Gefühle, Poesie und viel Bewegung spielen nach der „Konzepttanzwelle“ vor rund zehn Jahren wieder eine größere Rolle.

Wo steht Deutschland als Tanzstandort im internationalen Vergleich?

Katharina von Wilcke: Weit oben. Im letzten Jahrzehnt gab es eine sehr starke Entwicklung von Strukturen für den Tanz. Die Szene wird hierzulande auch immer internationaler, weil Tänzer und Choreografen aus dem Ausland die Fördermöglichkeiten schätzen, die allerdings dringend zu verbessern sind, um diese talentierten und engagierten Künstler langfristig halten zu können. Vor allem Berlin hat mit dem Aufbau des Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz ein großes künstlerisches Potenzial versammelt. Auch Nordrhein-Westfalen ist ein starkes Tanzland. Generell profitiert der Tanz in Deutschland auch von der weltweit wohl einzigartigen Stadt- und Staatstheaterlandschaft.

An denen jedoch auch gerade im Bereich Tanz in der Vergangenheit viel gespart und gestrichen wurde.

Sabine Gehm: Das stimmt. Andererseits haben die Tanzensembles an den Mehrspartenhäusern oftmals eine hohe Zuschauerresonanz und erzielen beste Einnahmeergebnisse. Das zeigt, dass Tanz durchaus stark im öffentlichen Bewusstsein verankert ist und auch neue und jüngere Publikumsschichten anzieht. Darauf reagieren mittlerweile auch viele Intendanten und auch die Politik. Es gibt viele neue Modelle, um die Sparte Tanz zu halten: Zusammenschlüsse mit anderen Häusern oder die Einladung von Gastchoreografen.

Tanz gilt ja als flüchtigste aller Kunstformen. Was wird vom Kongress bleiben?

Katharina von Wilcke: Der Kongress wirkt sich insofern nachhaltig aus, als dass er die Sparte Tanz auf vielfältige Weise einmal mehr ins Licht der Öffentlichkeit rückt und aufzeigt, wie reichhaltig und durchlässig diese Kunstform ist. Für Hannover ist der Kongress im besten Fall eine Chance, um hier noch stärker eine Szene zu etablieren – zum Beispiel mit der Wiedereinführung eines Studiengangs Tanz an der Hochschule für Musik, Theater und Medien.

Interview: Kerstin Hergt

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