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Kultur Iranisches Theater spricht zwischen den Zeilen
Nachrichten Kultur Iranisches Theater spricht zwischen den Zeilen
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14:55 02.07.2011
Szenenbild aus dem Theaterstück "Wo warst Du am 8. Januar?" Quelle: dpa
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Hannover

Der Atomstreit und die Attacken gegen Israel haben den Iran tief in die Isolation getrieben. Sanktionen lasten auf dem Land und nach dem Niederschlagen der Proteste gegen den Wahlausgang vor zwei Jahren sind die Beziehungen zum Westen noch weiter abgekühlt. Diese Abschottung will die Bundeszentrale für politische Bildung mit ihrem diesjährigen Schwerpunkt „Fokus Iran“ durchbrechen. Dazu gehörte die Deutschlandpremiere einer iranischen Theaterproduktion am Wochenende in Hannover. Die Uraufführung war trotz staatlicher Zensur in Teheran - um ein Gespür für Zwänge und Sorgen in der modernen iranischen Gesellschaft zu bekommen, müssen die Zuschauer zwischen den Zeilen lesen.

„Wo warst Du am 8. Januar?“ unter der Regie von Amir Reza Koohestani, der mit seiner Mehr Theatre Group bereits mit etlichen Produktionen im Westen war, lässt die Atmosphäre von Unsicherheit und Überwachung spüren, der die junge Generation im Iran entkommen möchte. Nach einem Treffen junger Leute ist die Waffe eines Wehrpflichtigen verschwunden. Das Stück besteht überwiegend aus Telefondialogen, in denen der Soldat versucht, den Verbleib der Waffe zu klären und die übrigen jungen Leute die konspirative Weitergabe der gestohlenen Pistole koordinieren, die jeder der vier zu einem anderen Zweck für sich einsetzen will.

Vier Sitzbänke bilden das einzige Dekor auf der Bühne, auf der die sechs Schauspieler telefonierend umherlaufen und dabei wenig aussprechen, aber vieles andeuten. Regisseur Koohestani entzieht sich damit nicht nur einer Zensur - er gibt in dem persischsprachigen Stück mit deutschen Übertiteln Telefongespräche aus einem Land authentisch wieder, in der die Sorge abgehört zu werden nicht unbegründet ist. In den Telefonaten wird die Angst spürbar, aufzufallen, überwacht, verhört oder gar hingerichtet zu werden. Zugleich wird eine Atmosphäre von Misstrauen, Verdächtigungen und Lügen spürbar, die sich in einer Gesellschaft voller falscher Fassaden zwischen den Menschen einschleicht.

Ziel ist es, das Freund-Feind-Denken in Bezug auf den Iran zu durchbrechen

Wer sich von dem iranischen Theaterstück plakativen Protest oder exotische Inszenierungen verschleierter Schauspielerinnen verspricht, wird von Koohestani enttäuscht. Auf der Bühne kleiden die jungen Frauen sich so, wie sie sich in ihrer Heimat millionenfach mit den Bekleidungsvorschriften arrangieren - mit einem locker um den Kopf geworfenen Schal und einer kurzen Jeansjacke über dem obligatorischen hüftlangen Mantel. Einen Aufruf zu Protest oder Revolte gibt es ebenso wenig, eher ein Gefühl von Beklemmung, Aussichtslosigkeit und Scheitern. Auf der Bühne zurück bleibt am Ende eine große Blutlache - einer der Protagonisten hat sich mit der Waffe erschossen, es ertönt das Besetztzeichen.

Ein Ziel von „Fokus Iran“ sei es, das Freund-Feind-Denken in Bezug auf den Iran zu durchbrechen, sagt der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, nach der Aufführung. Mit dem Theaterstück und anderen Aktivitäten solle der schablonenhafte Blick auf das islamische Land durch ein facettenreicheres Bild ersetzt werden. In insgesamt 20 Iran-Projekte investiert die Zentrale in diesem Jahr 600.000 Euro - die Resonanz sei bisher groß.

Unterstützung für den kulturellen Dialog gibt es auch vom Pionier des Theateraustausches mit dem Iran, dem Intendanten des Theaters an der Ruhr in Mülheim, Roberto Ciulli. 1999 gastierte das Ensemble als erstes westliches Theater seit der Revolution im Iran. „Ich bin dafür, dass trotz aller Kritik an dem, was im Iran passiert, das Fenster, das wir geöffnet haben vor 15 Jahren, offen bleibt“.

„Es ist wichtig, dass iranische Theatermacher Kontakt nach außen haben und das der Dialog aufrechterhalten bleibt“, sagte Ciulli der dpa. Als Land mit einer der höchststehenden Kulturen in Asien hätten Irans Theatermacher dem Westen viel zu bieten. „Sie können keine direkte Sprache wählen sondern finden eine eigene Sprache hinter der Realität, die mit Träumen und Visionen arbeitet, um die Zensur zu umgehen.“

dpa

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