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Ist das der neue Skandal-Roman von Kracht?

"Die Toten" Ist das der neue Skandal-Roman von Kracht?

Nach seinem Skandal-Roman "Imperium" war Christian Kracht 2012 in aller Munde. Am Donnerstag erscheint nun sein neues Buch "Die Toten". Und die Erwartungen sind groß. Christian Kracht nimmt die Leser mit auf eine Reise ins Jahr 1933. Und seine Darstellung ist nichts für schwache Nerven.  Eine Rezension von Nina May.

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Es geht um die „Allegorie des kommenden Grauens“: Der Schriftsteller Christian Kracht.

Quelle: Steffen Schmidt/epa

Hannover. Es ist die wohl mit den größten Erwartungen verknüpfte Neuerscheinung des Herbstes: Christian Krachts Roman „Die Toten“, der am Donnerstag erscheint. Wird es wieder einen Skandal geben wie beim Vorgänger „Imperium“ im Jahr 2012? Der „Spiegel“ hatte dem Autor des historisierenden Kolonialistenromans damals eine „rassistische Weltsicht“ attestiert und damit auch eine Debatte über die Grenzen der Literaturkritik ausgelöst.

Eine gewisse Faszination fürs Totalitäre und die deutsche Vergangenheit zieht sich durch Krachts Werk, schon in seinem Debüt „Faserland“ (1995) machte sich der junge Ich-Erzähler einen Spaß daraus, jeden zweiten Deutschen als Nazi zu bezeichnen. Auch in seinem jüngsten Werk unternimmt Kracht einen Ausflug ins Herz der Finsternis. Die Geschichte spielt 1933, in jenem Jahr, als die Goldenen Zwanziger samt Glamour und Kreativität noch nachklingen und die Moderne in die Kunst einzieht, doch der Horror des anbrechenden Nazi-Regimes sich ankündigt. Der Autor malt dieses morbide Zwischenreich mit einem Pathos wie aus einer Wagneroper lustvoll aus.

Das Buch

Christian Kracht: Die Toten, Kiepenheuer und Witsch. 212 Seiten; 20 Euro

Ein Zwischenreich der anderen Art bewohnen Krachts Protagonisten, denen der Titel gewidmet ist. „Die Toten“ sind Regisseure, Schauspielerinnen und Drehbuchschreiber. Sie fristen ihr Dasein im „Totenreich, jener Zwischenwelt, in der Traum, Film und Erinnerung sich gegenseitig heimsuchen“. Diese vampireske Untotenromantik im Stil der Gothic Novel entwickelt einen besonderen Reiz, wenn man den Roman vor dem Hintergrund des „Imperium“-Skandal liest und interpretiert: Durch die Kamera lässt der Autor seine Zwischenwesen auf das Weltgeschehen blicken, hält es so auf Distanz und somit indirekt den Verdacht von sich fern, selbst im Bann des Bösen zu stehen. Die Vermutung, der Autor vertrete ähnliche Ansichten wie seine Figuren, stand schließlich am Anfang des Skandals um den „Imperium“-Roman.

Die Handlung springt zwischen Japan und Deutschland hin und her, Kulturpessimist Kracht beschreibt eine Allianz der beiden Länder gegen den „US-amerikanischen Kulturimperialismus“. Eine der beiden Hauptfiguren ist der japanische Kulturbeamte Masahiko Amakasus, der mit Gedichten Heinrich Heines aufwuchs. Er lädt den Regisseur Emil Nägeli ein, in Japan einen Gruselfilm zu drehen, als „Allegorie des kommenden Grauens“ und geht dafür einen faustischen Pakt mit dem linientreuen UFA-Chef Alfred Hugenberg ein. Nägeli sieht auch noch ein bisschen so aus wie der Autor, „ihm gingen die hellblonden Haare aus, sowohl über der Stirn als auch am Hinterkopf; er hatte begonnen, sich eine langgewachsene Strähne von der Schläfe her seitwärts über die so verleugnete Glatze herüberzukämmen“.

Ein Meister der Metaebene

Kracht beweist sich erneut als Meister der Metaebene. Die verschiedenen Schichten offen zu legen, bereitet ein erhebliches Lesevergnügen. Auch mit kulturellen Anspielungen geizt Kracht nicht. „Die Toten“ verweist etwa auf das japanische No-Theater und lässt die Filmtheoretiker und Kritiker Siegfried Kracauer und Lotte Eisner sowie den Regisseur Fritz Lang auf ihrer Flucht aus Deutschland im Zug nach Paris sich betrinken. Weitere Zeitgenossen treten auf, wie Charlie Chaplin, der wie von Kracht geschildert tatsächlich 1932 einem Attentatsversuch in Japan entging. Im Roman wird Chaplin überraschend zum Mörder.

Von Krachts Anfängen als Popliterrat ist kaum noch etwas zu spüren. Der Ich-Erzähler, der in „Faserland“ mit durch die Partyszene der Republik zog, ist einem auktorialen Erzähler gewichen, der Stil ist weniger schnoddrig. Dennoch lässt sich eine Verbindung ziehen: Der Erzähler aus „Faserland“, der deutsche Romantiker Engelhardt aus „Imperium“ und die Toten: Sie alle sind Flüchtende, besessen von dem naiven Glauben, anderswo wäre es besser. So wie die unbekannte Schauspielerin, die in Krafts jüngstem Roman hoffnungsfroh nach Hollywood reist und sich vom „H“ des bekannten Schriftzuges stürzt.

Was bei Quentin Tarantino längst Gewohnheit ist - die ironische Ästhetisierung des Schreckens - löst beim Lesen Beklemmung aus. „Die Toten“ beginnt mit einem Seppuku, einem ritualisierten Selbstmord mit einem Dolch. Da spritzen die Eingeweide auf eine „unendlich zart getuschte“ Bildrolle. Dieser süßliche Stil passt zum Sujet, ist aber manchmal nur schwer zu ertragen. Vielleicht stand solch eine Irritation auch am Anfang der Aufregung um „Imperium“.

Von Nina May

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