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Ist denn diese Welt noch zu retten?

Staatsoper Hannover: Der fliegende Holländer von Richard Wagner Ist denn diese Welt noch zu retten?

Tiefgründige Seelenporträts: Regisseur Bernd Mottl entdeckt in Richard Wagners romantischer Oper Der fliegende Holländer große Einzelschicksale und zentrale Fragen

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Trägt die Katastrophe in sich:
der fliegende Holländer.

Quelle: thomas m. jauk

Hannover. Mit seiner „Romantischen Oper“ „Der fliegende Holländer“ schlug Richard Wagner einen neuen Weg in seinem Schaffen ein – und legte gleichzeitig den Grundstein für seinen nachhaltigen Ruhm als Musiktheaterkomponist, der ihn zugleich zu einem der einflussreichsten des 19. Jahrhunderts machen sollte. Bereits 1911 erkannte Max Graf – ein Forscher der damals noch jungen Disziplin der Psychologie – Parallelen zwischen dem „fliegenden Holländer“ Wagners und Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“: In beiden zeige sich der jeweilige Autor mit seiner künstlerischen Sprache zum ersten Mal in vollem Umfang.

„Der fliegende Holländer“ ist damit also die mehr als passende Grundlage für weitere „Erstlinge“: Für Hannovers neuen Generalmusikdirektor Ivan Repuši ist es die erste eigene Einstudierung eines Werks von Richard Wagner, ebenso wie es für Bernd Mottl die erste Regie eines Werkes des späteren Bayreuther Meisters ist. Falls man an Vorsehung glauben mag: Ist es wirklich ein Zufall, dass Mottl in Hannover zuletzt in Jules Massenets Opernversion von „Werther“ die inneren Konflikte der Figuren, ihr Eingesperrtsein in ihrem Schicksal eindrücklich auf die Bühne des Opernhauses gebracht hat?

Die Vorsehung jedenfalls ist zweifellos eine treibende Kraft in Richard Wagners „fliegendem Holländer“: Zeitlebens träumt sich Senta einen Mann wie den mythischen fliegenden Holländer herbei, der der sinnentleerten Monotonie ihres Daseins etwas entgegensetzen kann – einen Mann, wie es der Jäger Erik niemals sein kann. In der Figur des Holländers sieht sie einen Menschen, der sich einst in die Stürme geworfen und sich über das menschlich Mögliche erhoben, das Schicksal, die Natur und Gott herausgefordert hat. Der Lohn für seine Hybris: ein Fluch, der es ihm nur noch alle sieben Jahre gestattet, an Land zu gehen, bis eine Frau einen Schwur ewiger Treue leistet und auch einlöst. Erst dann wird der Holländer Erlösung finden – und Senta fragt sich, ob sie jene Frau sein könne.

Diese Obsession psychologisch zu deuten als Folge eines Traumas wie zum Beispiel eines Missbrauchs sei leicht, so Regisseur Mottl – greife aber letztlich zu kurz: „Für mich ist das Stück nach wie vor ein Märchen. Senta hat einen ziemlich starken Willen; sie leidet darunter, dass sie von Menschen umgeben ist, die dem Reiz des Oberflächlichen, des Materiellen erlegen sind. Sie weiß, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist, sondern dass es darüber hinaus noch eine Kraft gibt, die stärker ist.“ Diese Kraft sieht Mottl in der Natur, genauer gesagt in der See, die von Anbeginn der Oper eine entscheidende Rolle spielt. Richard Wagners Ouvertüre zur Oper ruft vor dem inneren Auge haushohe Wellen hervor, man hört den peitschenden Wind, den seefahrenden Menschen, der Katastrophe hilflos ausgeliefert.

Das Vorbild für dieses gewaltige Meeresporträt mag aus Wagners eigener Biografie stammen: Vor Gläubigern floh er per Schiff via England nach Paris – und geriet in Seenot. So hielt er später fest: „Diese Seefahrt wird mir ewig unvergesslich bleiben; sie dauerte drei und eine halbe Woche und war reich an Unfällen. Dreimal litten wir von heftigstem Sturme, und einmal sah sich der Kapitän genötigt, in einem norwegischen Hafen einzulaufen. Die Sage vom fliegenden Holländer, wie ich sie aus dem Munde der Matrosen bestätigt erhielt, gewann in mir eine bestimmte, eigentümliche Farbe, die ihr nur die von mir erlebten Seeabenteuer verleihen konnten.“ „Indem er sich gegen Gott aufgelehnt hat“, so Mottl, „ist der Holländer Teil dieser Zerstörungskraft der See geworden, Teil geworden dieses Irrationalen, mit dem sich der Mensch auseinandersetzen muss.“

Aber nicht nur in dieser mythischen Figur rauscht der Klang der Katastrophe – auch die übrigen Figuren des Stücks tragen ihn in sich, so wie wir Menschen heute letztlich auch: „Es gibt eine Reihe >>von sehr ernst zu nehmenden Forschern, die vom Zeitalter des Anthropozän sprechen, in dem der Mensch sich nicht mehr an den Planeten anpasst, sondern er die Natur bestimmt durch Industrie, Mobilität, Handel und Massenkonsum. Warum schaffen wir es trotz katastrophaler Folgen nicht, innezuhalten und uns selbst zur Verantwortung ziehen?“

In Mottls Deutung treten in Richard Wagners musikalischer Sage – die der Komponist ursprünglich eine „dramatische Ballade“ nennen wollte – in tiefgründigen Seelenporträts und eindrucksvollen Naturbeschreibungen sowie durch die bewegenden Einzelschicksale von Senta und „ihrem“ Holländer, von Seefahrern und Landbewohnern auch die großen Fragen unserer Zeit auf: Kann die Menschheit sich noch rechtzeitig auf Werte und Ideale besinnen, um sich und ihre Welt zu retten?

Christopher Baumann

Musikalische Leitung: Ivan Repušic, Inszenierung: Bernd Mottl, Bühne: Friedrich Eggert, Kostüme: Doey Lüthi, Licht: Elana Siberski, Choreografie: Anastasiya Bobrykova, Choreinstudierung: Dan Ratiu, Dramaturgie: Christopher Baumann Daland: Shavleg Armasi/Tobias Schabel, Senta: Karine Babajanyan/Kelly God, Erik: Robert Künzli/Eric Laporte, Mary: Khatuna Mikaberidze/Julie-Marie Sundal, Der Holländer: Stefan Adam/Bjørn Waag, Der Steuermann: Pawel Brozek/Edward Mout

Chor und Extrachor der Staatsoper Hannover,

Niedersächsisches Staats-orchester Hannover

Der fliegende Holländer

Romantische Oper in drei Aufzügen (1843/60)

Dichtung vom Komponisten nach Heinrich Heines „Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“ (1834)

Einführungsmatinee Sonntag, 5. Februar, 11 Uhr, Laves-Foyer

Öffentliche Generalprobe Donnerstag, 9. Februar, 18.30 Uhr Premiere

Sonnabend, 11. Februar, 19.30 Uhr

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