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Nachruf auf Umberto Eco Alles ein Zeichen

Ein Weltweiser mit Lust am Fabulieren: Der italienische Gelehrte Umberto Eco ist im Alter von 84 Jahren in seinem Haus in Mailand gestorben. Sein bekanntestes Werk "Der Name der Rose" hat sich weltweit mehr als 50 Millionen mal verkauft. Ein Nachruf von Simon Benne.

 

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Umberto Eco ist im Alter von 84 Jahren gestorben.

Quelle: dpa

Rom. Das Böse kann auf ziemlich banale Weise in die Welt gelangen. Fragte man Umberto Eco, wie er dazu gekommen sei, seinen Roman „Der Name der Rose“ zu schreiben, setzte er ein sinistres Lächeln auf: „Ich hatte einfach Lust, einen Mönch zu ermorden“, sagte er dann süffisant. Jetzt ist Eco, einer der wichtigsten Gelehrten und erfolgreichsten Schriftsteller Europas, im Alter von 84 Jahren in Mailand gestorben.

Eco, geboren 1932 in der piemontesischen Kleinstadt Alessandria, ging bereits auf die 50 zu, als der Mittelalter-Krimi 1980 seinen Weltruhm als Romanautor begründete. Der Franziskaner William von Baskerville, in der Verfilmung grandios verkörpert von Sean Connery, klärt in „Der Name der Rose“ als medievaler Sherlock Holmes eine grausige Mordserie in einer düsteren Benediktinerabtei auf. Dabei untermauert Bruder William seine Ermittlungen nicht nur mit allerlei Thomas-von-Aquin-Zitaten – er bekehrt sich gewissermaßen auch zum modernen Skeptiker: „Ich bin wie ein Besessener hinter einem Anschein von Ordnung hergelaufen, während ich doch hätte wissen müssen, dass es in der Welt keine Ordnung gibt“, lässt Eco ihn am Ende sagen.

"Der Name der Rose"

Mit dem Bestseller „Der Name der Rose“, der sich 50 Millionen Mal verkaufte und von einem Heer an Exegeten auf tausendfache Weise gedeutet wurde, fand Eco ganz zu sich selbst: Souverän schöpfte der Gelehrte, der 1956 sein erstes Buch über die „Ästhetik des Heiligen Thomas“ veröffentlicht hatte, aus dem kulturellen Reservoir des alten Europa – und zugleich dekonstruierte er vertraute Ordnungen.

Historiker, Theologie und Philosoph

Eco belehrte seine Leser kraft seines schier enzyklopädischen Wissens, doch zugleich unterhielt er sie. Und wenn der begnadete Erzähler den Schatz seiner umfassenden historischen, theologischen und philosophischen Bildung vor dem staunenden Publikum ausbreitete, spürte man stets, wie viel Lust das Fabulieren ihm selbst bereiten musste. Umso peinlicher war es ihm, wenn er Fehler machte: So kam in den ersten Ausgaben von „Der Namen der Rose“ ein Kürbis vor – obwohl es im mittelalterlichen Europa gar keine Kürbisse gab. Diskret ließ Eco den ahistorischen Schnitzer in späteren Auflagen korrigieren.

Professur für Semiotik

Eco, der in Turin studiert hatte, arbeitete für Verlage und fürs italienische Fernsehen, ehe er 1971 eine Professur für Semiotik übernahm. Für Zeichenlehre also. Und da ja alles für ein Zeichen gehalten werden kann, hatte er damit einen Freibrief, sich praktisch mit allem zu beschäftigen. Das kam dem massigen Barockmenschen, der zwischen den Seminaren an der Uni Bologna bei seinen Studenten Zigaretten schnorrte und mit ihnen über Gott und die Welt redete, sehr gelegen: Der große Kulturtheoretiker konnte in einer einzigen Vorlesung Comics und Wim-Wenders-Filme, die Romane von Zola und das Schönheitsideal des Mittelalters  besprechen – und zeigen, wie im Abendland alles mit allem zusammenhängt.

Mehr als 30 Ehrendoktortitel

Als einer der wirkmächtigsten Intellektuellen Europas half Eco wie wenige andere, den allgemeinen Kulturbegriff zu weiten: In Trickfilmen konnte er ein Stück Hochkultur erkennen, und in den geistvollen Glossen, die er selbst regelmäßig im Magazin „L’Espresso“ veröffentlichte, gelang es ihm, das Schwere leicht zu machen und scheinbar Oberflächliches in der Tiefe auszuleuchten. Mehr als 30 Ehrendoktortitel sammelte er in seinem Leben ein. Den Literaturnobelpreis bekam er nie.

Leben als Schriftsteller

Als Schriftsteller meldete Eco sich alle paar Jahre mit einem neuen Werk zurück, zuletzt vor wenigen Monaten mit seinem Roman „Nullnummer“, in dem es um Medien im modernen Italien geht. Gerne breitete Eco – wie in seinem Mittelalterroman „Baudolino“ (2000) ganze Epochen vor seinen Lesern aus. Ein literarisches Lebensthema fand er im Verlust jeglicher Gewissheiten: So verstricken sich seine Helden in „Das Focaultsche Pendel“ (1988) ebenso wie in „Der Friedhof in Prag“ (2011) in den Wirren von Verschwörungstheorien und in der Halbwelt der Geheimbünde. Sie verlieren sich selbst in einer Welt, in der Realität und Fiktion untrennbar verwoben sind.

Der Aufklärer Eco setzte so auf seine eigene Art Zeichen gegen Leichtgläubigkeit, einfache Erklärungen und Fanatismus. Obwohl der Linksliberale, der auch für das linke Blatt „Il Manifesto“ schrieb, immer wieder gegen Italiens reaktionären Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi Stellung bezog und gegen digitale Massenüberwachung kämpfte, war Eco nicht die klassische Verkörperung des Public Intellectual, des Gelehrten, der atemlos von Talkshow zu Talkshow hetzt und die Tagespolitik mit seinen Weisheiten überformt. Wenn er sich zu Politik äußerte, dann eher grundsätzlich, tiefgründig und abstrakt.

„Und nicht nur die, und nicht nur die“

Im Elfenbeinturm wollte er gleichwohl nie hocken – obwohl Eco, der seit 1962 mit der Deutschen Renate Ramge verheiratet war, mehr als 50.000 Bücher in seiner privaten Bibliothek hortete. Fragten ihn Besucher, ob er die alle gelesen habe, legte er seine Stirn in Falten: „Und nicht nur die, und nicht nur die“, sagt er dann. Mit dem Buchmenschen Eco ist nun ein Gelehrter gestorben, der von der Kraft des Denkens überzeugt war. Und von sich selbst. Fast könnte man sagen: einer wie der franziskanische Detektiv William von Baskerville.

Umberto Eco im Steckbrief: Ein Leben im Zeichen des Zeichens

Der italienische Schriftsteller und Zeichentheoretiker Umberto Eco galt als einer der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Die wichtigsten Eckdaten seiner Vita:

- Geboren wurde er am 5. Januar 1932 in Alessandria in der italienischen Region Piemont.

- Bis 1954 studiert Eco Philosophie und Literatur in Turin. Seine Doktorarbeit schreibt er über Thomas von Aquin.

- Eco arbeitet bis 1959 beim italienischen Rundfunksender RAI, dann als Lektor im Verlag Bompiani.

- Ab den 70er Jahren ist Eco Professor für Semiotik (Zeichentheorie) an der Universität Bologna.

- 1982 erscheint der Roman "Der Name der Rose" auf Deutsch (im italienischen Original 1980). Das Buch, vordergründig ein mittelalterlicher Kriminalroman - bei genauem Lesen eine Collage aus Hunderten Zitaten, Anspielungen, Symbolen -, wird zu einem modernen Klassiker. Mehr als 50 Millionen Exemplare werden weltweit verkauft.

- 1986 kommt die gleichnamige Verfilmung von "Der Name der Rose" mit Sean Connery in der Hauptrolle ins Kino.

- Neben wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Werken verfasst Eco rund ein Dutzend Romane und Kinderbücher, darunter "Das Foucaultsche Pendel", "Baudolino" und "Der Friedhof in Prag".

- Im Laufe seines Lebens erhält Eco mehr als 40 Ehrendoktorwürden.

- Eco stirbt mit 84 Jahren am 19. Februar 2016 in seinem Haus in Mailand.

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