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"Für Klassik braucht man Zeit und Geld"

James Ehnes im Interview "Für Klassik braucht man Zeit und Geld"

Auftritt für Live Music Now: Der Geiger James Ehnes mag ältere Zuhörer – und will doch das Publikum von morgen begeistern.

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„David Garrett hat seine Herangehensweise – ich habe eine andere“: James Ehnes ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Geiger.

Quelle: Ealovega

Herr Ehnes, Sie werden Ende September Beethovens Violinkonzert mit der NDR Radiophilharmonie unter Andrew Manze in Hannover spielen. Es ist eines der am häufigsten aufgeführten Stücke. Wird das nicht irgendwann langweilig?

Nein. Es wird für mich nie langweilig. Das Beethoven-Konzert ist vielleicht das Violinkonzert, das ich am meisten gespielt habe, aber es bleibt für mich immer eine Ehre, es zu spielen und ein inspirierendes Werk. Für mich war es der Grund, warum ich Geiger werden wollte. Und dieses Stück zu spielen bleibt jedes Mal spannend, denn es ist immer anders, je nachdem, mit welchem Orchester und Dirigenten man auftritt.

Sie sind mit der NDR Radiophilharmonie schon einmal aufgetreten. Wie würden Sie den Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Orchestern beschreiben?

Man hört den Unterschied, aber es ist schwierig, ihn in Worte zu fassen. Das Interessante ist: Das letzte Mal habe ich mit der NDR Radiophilharmonie das Violinkonzert von Edward Elgar gespielt, ein Stück, das das Orchester noch nicht so oft im Programm hatte. Und nun wird es Beethoven sein. Ein Komponist, der Teil der deutschen Musikkultur ist. Diese Werke haben die Musiker verinnerlicht. Es ist Teil ihres Lebens, ihrer Geschichte. Und das wird sehr interessant. Ich habe letztes Mal eine schöne Beziehung zu dem Orchester aufgebaut und hoffe, dass wir daran anknüpfen können.

Ihr Geigenton hat etwas von den alten Meistern des Geigenspiels. Die Phrasierung ist immer sehr klar, und Sie neigen nicht zu Übertreibungen. Man hat Sie bereits mit Jascha Heifetz verglichen. Inwieweit fühlen Sie sich mit ihm verbunden?

Es ist natürlich ein tolles Kompliment. Ich habe Heifetz immer sehr bewundert. Was ich an seinem Spiel mochte, war die Klarheit und Stringenz seiner musikalischen Aussage. Es gab nie einen Zweifel daran, was er einem mit der Musik sagen wollte. Auch wenn ich denke, dass wir beide unterschiedliche Ansätze haben, hoffe ich, dass man diese Klarheit auch in meinen Interpretationen hören kann.

Wie wichtig sind Vorbilder wie Heifetz für die nachwachsenden Musiker?

Wir leben in einer Zeit, in der viele Aufnahmen zugänglich sind. Und ich hoffe, dass die jungen Musiker sich die Zeit nehmen, um sich mit den großen Musikern aus der Vergangenheit vertraut zu machen. Man geht als junger Künstler ja auch immer durch die Phase, in der man wie bestimmte große Meister klingen will und sie imitiert. Man kann natürlich nie wie jemand anderes spielen. Aber durch die Imitation gewinnt das eigene Spiel an Flexibilität, und es kann ein Schritt auf dem Weg sein, seine eigene musikalische Stimme zu entwickeln.

Die Tendenz von bekannten Geigern wie David Garrett ist es, sich als Popmusiker zu präsentieren. Kann das dazu führen, dass junge Leute sich wieder mehr für klassische Musik interessieren?

Ich weiß nicht, ob irgendjemand darauf eine Antwort hat. Ich zumindest habe sie nicht. Es ist wichtig, dass man versucht, Menschen für die klassische Musik zu interessieren. Aber man muss auch wissen: Um klassische Musik anerkennen zu können, braucht man viel Zeit und auch etwas Geld. Und das haben junge Leute in dem Maße nicht so viel oder wollen es nicht haben. Es ist wichtig, ein junges Publikum aufzubauen, aber andererseits sollte man nicht so besorgt sein, dass das Publikum älter ist. Ältere Menschen haben eben mehr Zeit und Geld, und klassische Musik gewinnt im Laufe des Lebens für viele auch an Bedeutung. Aber es ist wichtig, dass junge Leute überhaupt mal Kontakt zur klassischen Musik haben. Um diesen Kontakt aufzubauen, gibt es verschiedene Ansätze. David Garrett hat seine Herangehensweise, es gibt aber auch andere. Und auf lange Sicht werden all diese Dinge mehr helfen als schaden.

Berührt Sie die Popularisierung der klassischen Musik in Ihrer alltäglichen Arbeit als klassischer Geiger?

Nein. Es ist ein Unterschied, wie Musik verkauft wird und wie sie tatsächlich ist. Wenn ich irgendwo auftrete und ich in einer bestimmten Art und Weise vermarktet werde, beeinflusst das nicht die Art, wie ich an die Musik herantrete. Ich habe vor Kurzem mit meinem Quartett in Korea bei einem Festival gespielt. Und unser Bratscher ist dort ein großer Star. Er wird auf der Straße wegen Autogrammen angesprochen. So etwas haben wir hier in Amerika gar nicht mehr. Als wir den Zyklus aller Beethoven-Quartette gespielt haben, war der Saal voller junger Frauen. Aber wenn es dann losgeht, verschreibt sich unser Bratscher so der Musik wie jeder andere von uns. Ich glaube, es geht nicht so sehr darum, warum die Leute kommen, sondern es geht um die Musik. Wenn man allerdings die Musik selbst ändert, weil man meint, sie dadurch einem Publikum besser vermitteln zu können, ist das nicht fair gegenüber der Musik – und auch nicht gegenüber dem Publikum.

Sie spielen die „Marsick“ Stradivari von 1715. Was ist das für ein Instrument?

Die Qualität, die ich an Stradivaris schätze, ist die unglaubliche Schönheit des Klanges. Und der Klang ist sehr flexibel, sodass ich auch ein großes Repertoire in verschiedenen Stilen spielen kann. Denn ich möchte Mozart ja anders spielen können als Schostakowitsch. Man kann das Instrument in verschiedene Richtungen bringen. Ich spiele diese Geige jetzt schon sehr lange und weiß, was sie leisten kann, und ich weiß: Das Limit setze ich mir selbst, nicht mein Instrument. Ich versuche also immer, ein noch kreativerer und ausdrucksstärkerer Geiger zu werden.

Wie lange haben Sie gebraucht, um herauszufinden, was auf dieser Geige möglich ist und wie Sie es erreichen können?

Viele Leute wundern sich sicher, warum die großen Geigen wie Stradivari und Guarneri so teuer sind und so viele Solisten auf sie zurückkommen. Ich glaube, es liegt nicht nur an ihrem wunderbaren Klang, sondern auch daran, dass sie in ihren Möglichkeiten unerschöpflich sind. Man kann mit ihnen auf eine lebenslange Reise gehen und immer weiter danach streben, mehr zu erreichen.

Interview: Johannes-Daniel Engelmann

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