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Kultur James Ehnes und Andrew Manze spielen Beethoven
Nachrichten Kultur James Ehnes und Andrew Manze spielen Beethoven
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17:48 04.10.2016
Arbeit am Detail: Andrew Manze und die Radiophilharmonie proben mit dem Solisten James Ehnes im Funkhaus. Quelle: Eberstein
Hannover

Manche spielen nur barfuß, andere schwören auf schulterfreie Roben. Sie tragen Jacketts von japanischen Designern oder zumindest ein schwarzes Hemd, das lässig über der Hose hängt. Aber im Frack, der im Tarifvertrag festgeschriebenen Dienstkleidung der Orchestermusiker, präsentieren sich Geigensolisten eigentlich schon seit Jahren nicht mehr. Insofern ist der Kanadier James Ehnes, der das traditionelle Kleidungsstück jetzt für seinen Auftritt bei der NDR Radiophilharmonie im Funkhaus gewählt hat, auf den ersten Blick als Ausnahmemusiker zu erkennen. Dazu sind dem 40-jährigen Geiger jegliche extrovertierten Bewegungen fremd. Er steht und spielt. Und wenn er nicht spielt, klemmt er die Stradivari unter den Arm und hört zu. Keine theatralischen Augenaufschläge, kein Mitwippen. Ehnes unterstreicht sein Spiel kaum durch die üblichen Musikergesten. Darum dauert es auch einen Moment, bis man bemerkt, wie sensationell es ist.

Immerhin kann man bei Beethovens Violinkonzert gleich in den ersten einsamen Tönen des Solisten, einem mit weit ausholenden Vorschlägen drei Oktaven durchmessenden Septakkord, Ehnes’ außergewöhnlich ebenmäßigen Klang bewundern. Egal, ob er in tiefer oder in hoher Lage spielt: Seine Geige tönt überall auf eine fast altmeisterliche Weise voll und rund. Natürlich phrasiert er sehr sorgfältig und differenziert, aber nie schärft er Töne so an, dass der Bogen auf den Saiten kratzt oder einzelne Noten im schnellen Lauf verschwimmen.

Ehnes gestaltet Beethovens komplizierten Solopart so klar und übersichtlich, dass man ihn sofort mitschreiben könnte. Es ist, als habe der Geiger seine Interpretation so lange von jeglichem Ballast befreit, bis jeder Ton genau die Luft und den Raum hat, den er braucht, sich zu entfalten. So etwas passiert nicht nebenbei: Seine Beethoven-Version ist nicht nur eine Summe von Inspiration und Talent, sondern mehr noch das Ergebnis detailversessener Arbeit.

In dieser Herangehensweise ähnelt der Geiger dem Dirigenten Andrew Manze, der zuvor schon in Beethovens achter Sinfonie und „Coriolan“-Ouvertüre demonstriert hat, wie weit er in der Feinarbeit mit der Radiophilharmonie gekommen ist. Die Musiker sitzen in kleiner Besetzung inzwischen so eng beieinander, dass sie kaum den halben Platz auf der Bühne im ausverkauften Funkhaus benötigen. Die neue Nähe scheint sich auszuzahlen: Das Orchester hat einen ganz eigenen Beethoven-Sound gefunden, der immer präzise, aber nie scharf ist. Kontrabässe und Pauken sorgen für einen tragfähigen Untergrund, über dem sich licht- und schnörkellos die Melodiestimmen erheben. Selbst einzelne Akkorde, deren Klangbalance so oft dem Zufall überlassen wird, sind hier bis in kleinste Nuancen austariert. Die schnellen Wechsel zwischen laut und leise tönen so viel weniger schroff, als man es gewohnt ist, und ergeben plötzlich weite Bögen und Zusammenhänge, die man sonst nur ahnen kann.

Es wird immer deutlicher, dass Manze in Hannover verschiedene Ideale des Musizierens verbindet: Seine Musiker spielen so genau, klar und emotionsbetont, wie es bei den besten Alte-Musik-Ensembles üblich ist, denen Manze in seiner vorherigen Karriere als Geiger selbst lange angehört hat. Gleichzeitig pflegen sie einen tiefenbetonten und abgerundeten Orchesterklang, der vermutlich auch einem Herbert von Karajan nicht peinlich gewesen wäre. In dieser Synthese scheinbarer Gegensätze, die gerade bei Beethoven wunderbar zutage tritt, liegt eine neue, große Stärke des Orchesters. 

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