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So will James Rhodes Klassik unters Volk bringen

„Schubert würde sich totlachen“ So will James Rhodes Klassik unters Volk bringen

Der britische Pianist James Rhodes bringt frischen Wind in die Klassikwelt – auch mit seiner dramatischen Biografie. Im Interview spricht er darüber, wie er die klassische Musik unters Volk bringen möchte. Am Sonntag spielt Rhodes im Pavillon in Hannover.

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Eigentlich hätte dieser Mann nie Pianist werden können – doch James Rhodes hat es trotz widrigster Umstände geschafft.

Quelle: Anset

Hannover. In England ist der Pianist James Rhodes unter den Musikern, was Jamie Oliver unter den Köchen ist: ein Superstar mit eigener Fernsehshow, der weit mehr Menschen für sein exotisches Metier zu interessieren vermag, als dies auf den herkömmlichen Wegen möglich ist. Und wie Jamie Oliver seine Mitmenschen für gutes Essen begeistern will, hat auch James Rhodes eine Botschaft: Er möchte klassische Musik, die er in einer Nische des Kulturbetriebs verstauben sieht, wieder unters Volk bringen. 

Zur Person

James Rhodes ist 1975 in London geboren und einer der erfolgreichsten britischen Pianisten. Am Sonntag, 9. Oktober, spielt er um 20 Uhr im hannoverschen Pavillon. Karten gibt es unter Telefon (05 11) 2 35 55 50. Sein Buch „Der Klang der Wut“ (320 Seiten, 22,90 Euro) ist bei Nagel & Kimche erschienen.

Dass er damit tatsächlich auch Gehör findet, liegt zum Teil an seiner schrecklichen Lebensgeschichte: Rhodes wurde als Grundschüler jahrelang von seinem Sportlehrer missbraucht. Sein Leben geriet danach für Jahrzehnte vollkommen aus der Bahn. In seinem jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buch „Der Klang der Wut“ schildert er sehr berührend (und drastisch detailliert), wie er den Missbrauch lange verschwieg und sich in Drogen und Alkohol flüchtete, sich ritzte, Selbstmordgedanken hegte und Monate in geschlossenen Anstalten verbrachte. Erst die Musik, beteuert Rhodes, habe ihn gerettet.

Entsprechend spät hat seine Karriere begonnen: Erst mit 28 Jahren beschloss Rhodes während eines Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik, Pianist zu werden. Richtig Klavier spielen konnte er da noch nicht. Trotzdem gab er drei Jahre später sein erstes öffentliches Konzert – und erwies sich so als der bislang kaum gekannte Fall eines spät entwickelten Wunderkindes.
 
Herr Rhodes, Sie erzählen sehr offen, wie Sie als Kind missbraucht worden sind und deshalb später viele Probleme hatten. Viele Menschen im Publikum wissen daher intimste Dinge aus Ihrem Privatleben. Das ist bei Konzertpianisten sonst eher nicht der Fall. Glauben Sie, dass das Ihre Auftritte verändert?

Auf jeden Fall. Ich wünschte, andere Kollegen würden das auch so machen. Ich würde zum Beispiel wirklich gern mehr über Krystian Zimerman oder Martha Argerich erfahren. Ich glaube, dass es für einen Künstler wichtig ist, sichtbar und transparent zu sein. Man sollte sich nicht verstecken und Geheimnisse bewahren. Und in meinem Buch spreche ich ohnehin Dinge an, die dringend einmal angesprochen werden müssen. Nicht nur der Missbrauch und die daraus resultierenden Probleme. Es geht auch um die Probleme der klassischen Musik. Das Buch ist für mich ein Liebesbrief an diese Musik.

Sie sehen das klassische Musikleben in einer Krise. Warum?

Es ist wichtig, dass wir die Klassik aus der geheimen Ecke holen, zu der nur Zugang hat, wer viel Geld hat, den richtigen Anzug und eine Krawatte trägt und alles über die Komponisten und die Musik weiß. Das ist doch Quatsch! Wenn Schubert heute zu einem Konzert mit seiner Musik gehen würde, würde er sich totlachen. Man findet natürlich immer ein Publikum für Christian Thiemann und Bayreuth, für die großen Orchester und all die berühmten Solisten und Dirigenten. Aber der Anteil von Leuten, die nicht wissen, wie und was sie mit Klassik anfangen sollen, ist nun einmal viel, viel höher. Es ist eine Schande, sie von etwas auszuschließen, das so ungeheuer wertvoll ist.

Und wie wollen Sie das erreichen?

Das Wichtigste ist zunächst, eine Sache nicht zu verändern: Ich lasse die Stücke so, wie sie sind. Crossover ist doch meistens Mist. Die Musik, von der wir hier reden, ist wirklich vollkommen. Aber um die Musik herum gibt es eine Menge Dinge, die sich ändern müssen. Ich spiele zum Beispiel nicht nur in den klassischen Konzertsälen, sondern auch auf Rock-Festivals und in Clubs. Ich spreche das Publikum bei meinen Konzerten an und erzähle ein bisschen was zu den Stücken, die ich spiele. Keine kulturgeschichtlichen Essays, sondern etwas Persönliches von den Komponisten: Was passierte gerade in Beethovens Leben, als er das Stück geschrieben hat? Das erscheint mir sinnvoller, als über die Sonatenhauptsatzform zu referieren. Ich habe Jeans an, wie die meisten Zuhörer auch. Wenn ich spiele, ist es im Saal ganz dunkel und ich erwarte nicht, dass das Publikum viel über Musik und den Konzertbetrieb weiß: Es kann klatschen, wann es will, oder einfach die Augen schließen und genießen.

In der kommenden Woche sind Sie das erste Mal auf Tournee in Deutschland. Was erwarten Sie hier?

Ich finde das sehr spannend: Bach, Beethoven, Brahms – viele meiner Helden kommen aus Deutschland. Deutschland ist die Heimat der Musik, die ich seit meiner Kindheit liebe.

Glauben Sie denn, dass Sie hier noch das Deutschland von Beethoven und Brahms finden werden?

Klar, das hoffe ich. Es ist dort nun einmal ein Teil der Kultur. Es ist fantastisch, in den Städten aufzutreten, in denen solche Komponisten gelebt haben. Leonard Bernstein hat gesagt, er habe die Beethoven-Sinfonien erst richtig verstanden, als er sie in Wien aufgeführt hat. Ich bringe jetzt eine späte Beethoven-Sonate mit nach Deutschland: Ich bin gespannt, was passiert.

Sie kommen auch nach Hannover. Berühmte Komponisten haben wir hier nicht zu bieten. Aber eine tolle Musikhochschule: Fast alle bekannten Pianisten haben Kontakt zu mindestens einem der Lehrer hier. Wie ist das bei Ihnen?

Anders: Ich habe nie eine Musikhochschule besucht. Das ist heute manchmal schwierig für mich, aber am Ende wahrscheinlich doch eine gute Sache. Als ich 18 war, habe ich aufgehört, Klavier zu spielen. Zehn Jahre lang habe ich keine Taste angerührt. Erst mit 28 habe ich die Sache dann ernsthaft betrieben. Das ist sehr, sehr alt für einen Musiker. Aber vielleicht wirkt es deshalb auch glaubwürdig.

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