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Mozarts Glück und Schumanns Albträumerei

Jan Lisiecki in Hannover Mozarts Glück und Schumanns Albträumerei

Am Anfang etwas unbalanciert, doch zum Ende hin haut es die Gäste von den Sitzen: Der 20-jährige Jan Lisiecki und das Zürcher Kammerorchester sind bei Pro Musica im Funkhaus aufgetreten.

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Mit Haltung: Lisiecki und das Züricher Kammerorchester.

Quelle: Ditfurth

Hannover . Auf den ersten Blick ist er leicht zu unterschätzen. Ein junger, schlacksiger Mann, gerade noch 20 Jahre alt. Wenn der Kanadier mit polnischen Wurzeln auf dem Klavierhocker Platz nimmt, sieht es aus, als wolle er mehr als eine Armlänge Abstand von der Klaviatur halten. Aber wenn Jan Lisiecki dann in die Tasten greift, weiß er genau, was er tut.

Und die hannoverschen Musikfreunde wissen zu schätzen, was er macht. Vor vier Jahren war er bei Pro Musica unter der Überschrift „Talente entdecken“ zu hören und bot weit mehr als nur ein Talent, nämlich die Kombination aus Spielwitz und Sinnsuche, ein Musiker, der auch Sturm und Drang entfesseln konnte.

Damals war er noch im Kleinen Sendesaal angetreten, jetzt war der bestens gefüllte Große Sendesaal der Schauplatz. Begleitet wurde er vom Zürcher Kammerorchester, das mit Mozarts knappem Marsch KV 249 signalisierte, dass es beherzt zur Sache gehen kann. Und verwiesen ganz nebenbei auf das marschartige Hauptthema in Mozarts C-Dur-Klavierkonzert KV 467.

Die ersten Takte der Orchestereinleitung zu diesem Konzert gerieten allerdings etwas noch unbalanciert. Mussten sich die gut zwei Dutzend Musiker des Kammerorchesters erst einhören in die Akustik im NDR-Sendesaals? Wer jetzt gefürchtet hatte, der Verzicht auf einen Dirigenten sei hier vielleicht doch riskant, wurde schnell eines Besseren belehrt, weil die Musiker klug auf die kleinen Hinweise ihres Konzertmeisters Willi Zimmermann reagierten. Der Primarius saß auf einem etwas erhöhten Stuhl, was die Übersicht erleichterte, auch wenn der Sichtkontakt zum Pianisten, der schräg vor ihm agierte, dadurch nicht einfacher wurde. Dennoch fanden Lisiecki und die Züricher Musiker immer zueinander, weil der Pianist vor allem mit den Bläsersolisten kammermusikalisch interagierte.

Der Kopfsatz war klar konturiert, das überaus populäre (und gerne als Filmmusik missbrauchte) Andante erklang fast spröde, ganz so, als wollten die Interpreten jeden Kitschverdacht weit von sich weisen. Immerhin kann man im Haupthema Neil Diamonds Hit „Song sung blue“ vorausahnen. Das Allegro erklang so lebendig, wie es Mozarts Vorschrift „allegro vivace assai“ fordert. Ein schmerzensvolles „Andante dolente“, das es aus Versehen als Satzbezeichnung ins Programmheft geschafft hatte, wäre fehl am Platze gewesen.

Das war schön und gut und vor allem bei Lisieckis eigener Kadenz zum Kopfsatz spannend , aber noch nicht das große Mozart-Glück. Das kam noch. Zuvor bewies das Zürcher Kammerorchester mit Schuberts 5. Sinfonie, dass es nicht nur bei seinem derzeitigen „principal conductor“ Roger Norrington gut aufgepasst hat. Vibratoarm die Streicher, kernig die Bläser, das Ganze klassisch bis klassizistisch und dabei straff und lebendig.
Und dann folgte die außerordentliche halbe Stunde des Abends: Mozarts d-moll-Konzert KV 466. Von Lisiecki immer klar gezeichnet, kein Sfumato weit und breit, kein Stimmungsnebel, sondern alles dramatisch bis heroisch. Eine Pathétique der Perlentöne. Wenn Lisiecki in der Romanze traumverloren tönt, dann ist das der lebensbedrohende Traum des Prinzen von Homburg. Das Zürcher Kammerorchester gab die passende Widerworte und war auch im vitalen Rondo der adäquate Partner, an dem sich Lisiecki reiben konnte.

Da riss es viele Zuhörer von den Sitzen, großer Beifall im Stehen. Und als Zugabe eine Schumann-„Träumerei“, wie man sie so bizarr wohl noch nie gehört hat. Nachdem ersten Akkord stockt Lisiecki, als stünde dort eine riesengroße Pause in den Noten notiert. Danach zerfällt die musikalische Form wie Knochen zu Staub, wird das Traumschloss zerlegt in seine Einzelbausteine. Da möchte man gar nicht wissen, was dieser junge Mann so träumt.

Aber wie er spielt, das möchte man schon wiederhören.

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