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Kultur „Wir sind die Spaßmacher“
Nachrichten Kultur „Wir sind die Spaßmacher“
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00:16 03.04.2016
Von Stefan Arndt
Ein Höhepunkt des Jazz: Axel Prasuhn mit der Joe-­Viera-Bigband Mitte der Siebzigerjahre im Kuppelsaal. Quelle: Wilhelm Bauer/Archiv
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Seit einem halben Jahrhundert gibt es den Jazz-Club auf dem Lindener Berg. Ist nicht die Zeit für Jazzkeller langsam vorbei?

Thomas Hermann: Das glaube ich nicht. Im Gegenteil: Ich habe oft genug Besucher gesprochen, die das erste Mal in den Keller gekommen sind und hinterher begeistert waren, weil sie so etwas noch nicht erlebt hatten. Die Stimmung, die Atmosphäre, das Ambiente mit der sehr intensiven Farbe - das ist schon etwas Außergewöhnliches, was es sonst nirgendwo in Hannover gibt. Die meisten, die mal in dem Club waren, kommen gerne wieder. Darum hat der Jazz-Club auch jetzt eine vielversprechende Zukunft.

Aber ganz so schön wie früher ist es doch bestimmt nicht mehr, oder? Herr Thedsen, wann haben Sie die letzte Zigarette im Jazz-Club geraucht?

Uwe Thedsen: Da mussten wir natürlich mit der Zeit gehen. Demokratisch, wie wir organisiert sind, haben wir vor zehn Jahren die Mitglieder gefragt, wie sie das mit dem Rauchen sehen. Und die haben beschlossen, dass nicht mehr geraucht werden soll.

Da haben Sie der heutigen Gesetzeslage sogar vorgegriffen?

Uwe Thedsen: So ist es, ja. Ich denke, es ist auch eine gute Entscheidung. Für die Besucher, aber vor allem für die Musiker, die bei uns auftreten. Man sagt ja immer, zu einem Jazzkeller gehört der Geruch von Bier und Tabak. Aber wir erleben heute, dass uns in diesem Geruchssinne nichts fehlt.

Geruch ist ja ein Stichwort für Ihre Musikrichtung. „Der Jazz ist nicht tot, er riecht nur ein bisschen komisch“, hat Frank Zappa in der Zeit gesagt, als der Jazz-Club gerade gegründet wurde. Wie weit ist die Verwesung denn vorangeschritten?

Nicolas Sempff: Dieser Spruch beinhaltet ja ein paar große Fragen. Was ist eigentlich Jazz? Das ist doch nie richtig zu beantworten. Der Jazz hat sich immer verwandelt und sich immer von allen möglichen anderen Stilistiken befruchten lassen. Darum ging es für den Jazz aus meiner Sicht nie ums Überleben. Er ist nicht alt, aber auch nicht modern - er ist zeitlos.

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Jack Dupree und Mike Gehrke 1971 im Jazzclub.

In einem halben Jahrhundert hat sich diese Musik also stark verändert. Kann man an der Geschichte des Jazz-Clubs auch die Musikgeschichte ablesen?

Nicolas Sempff: In der Rückschau meint man immer, den Club der Sechziger- und Siebzigerjahre mit dem traditionellen Jazz zu verbinden. Aber schon damals hat man nicht auf eine einzige Stilistik gesetzt, sondern versucht, ein möglichst breites Angebot zu machen.

Ist das noch immer so?

Thomas Hermann: Ich habe den Eindruck, dass die Bandbreite der Künstler in den vergangenen Jahren sogar noch größer geworden ist.

Wie wählen Sie die Künstler heute aus?

Nicolas Sempff: Wir haben uns mit den Jahren ein gewisses Renommee erarbeitet. Wir überlegen zunächst sehr genau, welche Qualität wir den Gästen anbieten wollen und können. Danach gibt es verschiedene stilistische und programmatische Überlegungen. Der Wandel, der sich permanent in der Musik vollzieht, soll natürlich auch dabei sichtbar werden.

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Fotograf Harald Koch hielt 1988 den letzten Auftritt von Chet Baker im Jazz Club fest.

Neben solchen gewissermaßen objektiven Überlegungen spielt doch bestimmt auch der Geschmack der Macher eine Rolle. Welche Konzerte haben Sie denn zuletzt besonders beeindruckt?

Uwe Thedsen: Für mich war der Auftritt von Ramsey Lewis vor ein paar Jahren ein Höhepunkt. Eine meiner ersten Jazz-Schallplatten war von diesem Pianisten, und es war für mich schon etwas Besonderes, ihn live zu sehen.

Wie lange mussten Sie darauf warten?

Uwe Thedsen: Ungefähr 40 Jahre. Aber er hat mir diese Platte dann auch sehr liebevoll signiert.

Thomas Hermann: Mich hat zuletzt das Konzert mit dem Schlagzeuger Jonas Hellborg und dem Gitarristen Keith Leblanc sehr beeindruckt. Es war toll zu sehen, wie zwei Musiker so gut harmonieren können, obwohl sie erst am Abend zuvor zum ersten Mal seit Langem wieder zusammengespielt haben. Leblanc ist ganz kurzfristig für das Konzert eingesprungen.

Nicolas Sempff: Eines der bemerkenswertesten Konzerte war das von dem jungen Brad Mehldau. Die Entwicklung von Künstlern verfolgen zu können, ist sehr interessant. Es gibt Konzerte, bei denen man in etwa weiß, was einen erwartet. Mich faszinieren mittlerweile Dinge, die Erwartungen durchbrechen und neue Horizonte eröffnen.

Das klingt anspruchsvoll. Geht das Publikum auch solche Wege mit?

Thomas Hermann: Das funktioniert meistens sehr gut: Das von mir erwähnte Konzert zum Beispiel war fast ausverkauft, die Besucher sind bis zum Schluss geblieben und waren begeistert.

Thomas Hermann (57, Mitte) ist Bürgermeister der Stadt und seit 2015 Erster Vorsitzender des Jazz-Clubs Hannover. Seine Kollegen Uwe Thedsen (69, geschäftsführender Vorstand, rechts) und Nicolas Sempff (47, Referent und Booking-Manager) sind seit elf Jahren – seit dem Tod von Mike Gehrke, der den Jazz-Club über Jahrzehnte entscheidend geprägt hat – federführend in dem Verein aktiv. Quelle: Tim Schaarschmidt

Sie haben ohnehin eher ein Problem, über das sich andere Veranstalter freuen würden: Sie könnten oft viel mehr Karten verkaufen, wenn mehr Platz wäre. Kommen Sie da nicht in Versuchung, es mit einem größeren Ort zu versuchen?

Uwe Thedsen: Wir können stolz sein, dass gut die Hälfte unserer Konzerte ausverkauft ist. Den Gedanken zu verfolgen, man bräuchte mehr Platz, ist verführerisch, aber auch gefährlich: Der Jazz-Club lebt ja gerade von der besonderen, intimen Atmosphäre.

Nicolas Sempff: Unsere Stärke ist es, Künstler zu bringen, die man hier gar nicht mehr erwartet. Zum Beispiel John Scofield, der sonst eher in großen Hallen spielt. Als der bei uns war, hat er seine jungen Mitmusiker im Club herumgeführt und gesagt, sie sollten sich alles gut ansehen, weil sie so etwas nicht oft zu sehen bekämen. Ab einer gewissen Größe spielen solche internationalen Musiker eigentlich nicht mehr in Clubs. Das verwundert manche, wie wir das hinbekommen.

Wie bekommen Sie es denn hin?

Nicolas Sempff: Wir sind nett und freundlich zu den Künstlern. Das klingt banal, ist aber ganz wesentlich. Es hat sicher auch mit gutem Management und verbindlichen Strukturen zu tun.

Ist so etwas nicht selbstverständlich?

Nicolas Sempff: Bei kleineren Veranstaltern ist das nicht immer so. Es fehlt dann an professionellen Strukturen. Das war bei uns ja am Anfang nicht viel anders. Aber es hat sich längst erstaunlich weit herumgesprochen, dass es bei uns funktioniert.

Und wie steht es um die Anbindung der hannoverschen Musiker?

Nicolas Sempff: Es ist toll zu sehen, wie sich das hier entwickelt hat. Ich denke, wir haben eine gute Beziehung auch zur Musikhochschule. Die Art des Umgangs zwischen hannoverschen Musikern und dem Jazz-Club macht einfach Spaß.

Uwe Thedsen: Die gute Stimmung im Club wird ja erst durch die Konzertbesucher erzeugt, die zu uns kommen.

Nicolas Sempff: Wir arbeiten daran, das zu ermöglichen. Wir bereiten den Teppich, damit Musiker und Publikum einen guten Abend haben. Man könnte sagen: Wir sind die Spaßmacher.

 

Viele Leser sind unserem Aufruf schon gefolgt und haben uns Fotos und kleine Geschichten zu 50 Jahren Jazz in Hannover gesendet – von Swinging Hannover bis zu Sessions in der Altstadt, von Schnappschüssen bis zu professionellen Pressebildern, die manchmal spontan im Jazz-Club entstanden. Die Sichtung wird noch bis zum 6. April dauern, viele Bilder der Fotogalerie sind aber bereits online. Wenn Sie noch mitmachen möchten, schicken Sie Ihre Bilder heute noch ab. Die Aufnahmen können Sie hier hochladen oder per Post an die HAZ-Redaktion, Stichwort Jazz, August-Madsack-Straße 1, 30 559 Hannover geschickt werden. Die schönsten Aufnahmen belohnt der Jazz-Club mit Eintrittskarten.

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