Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Jens Gundlach: "Heinz Brunotte"
Nachrichten Kultur Jens Gundlach: "Heinz Brunotte"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:33 22.10.2010
Von Simon Benne
Heinz Brunotte prägte nach dem Krieg die Evangelische Kirche. Quelle: Handout

Die Todesanzeige ist nicht das ehrlichste aller literarischen Genres. Sie schönt und schweigt oft versöhnlich. Doch als Heinz Brunotte 1984 starb, gab die Evangelische Kirche in ihrer Todesanzeige fast eine politische Ehrenerklärung ab: „In schwieriger Zeit erwies er sich als unbestechlicher Zeuge des Evangeliums.“ Vielen galt der Verstorbene als NS-Widerständler. Jedoch nicht allen.

Brunotte war seit 1949 im deutschen Protestantismus eine prägende Figur gewesen. Er hatte die Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit ausgearbeitet, bis 1965 blieb er Präsident der EKD-Kirchenkanzlei. Sein Talent, Kompromisse auszuhandeln, bewährte sich unter den Bedingungen der Demokratie. Doch wie eine neue Biografie belegt, wurde gerade sein Hang zu Kompromissen Brunotte vor 1945 zum moralischen Verhängnis.

Der Kirchenmann, geboren 1896 als Lehrersohn in Hannover, wurde liberal und demokratisch erzogen. Der Leibnizschüler pflegte gar Kontakt zu religiösen Sozialisten. Sein Biograf Jens Gundlach, selbst gelernter Theologe und langjähriger Redakteur der HAZ, bricht nicht leichtfertig den Stab über den Kirchenfunktionär. Er würdigt seine Verdienste und verzichtet in seiner akribisch recherchierten und gut lesbaren Dissertation auf die moralische Arroganz, die Nachgeborene manchmal an den Tag legen. Für die NS-Zeit misst er Brunotte nur an Brunottes eigenen Maßstäben. Noch die Kolumnen, die dieser bis 1933 regelmäßig in der „Hildesheimer Allgemeinen“ veröffentlichte, weisen den Theologen als aufgeklärten Liberalen aus.

Viele Kirchenmänner, darunter Martin Niemöller oder Otto Dibelius, sympathisierten anfangs mit NS-Gedankengut und wurden später erbitterte Widerständler. Brunotte hingegen ging eher den entgegengesetzten Weg. Er war selbst zwar kein Nazi. Doch anhand teils unveröffentlichter Quellen belegt Jens Gundlach, wie kurz der Weg vom Kompromiss zur Kollaboration sein kann. Brunotte, der in der NS-Zeit zum mächtigen Oberkonsistorialrat der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei aufstieg, wollte seine Kirche erhalten und ihr gewisse Handlungsspielräume bewahren. Dafür machte er Zugeständnisse: hier eine kleine Loyalitätserklärung, da ein Lippenbekenntnis, dort ein Huldigungstelegramm an Hitler.

Er selbst sah sich als jemand, der dem „bissigen (NS-)Hunde einen Knochen hinwirft, damit er nicht gleich belle, wenn man was von ihm wolle“. Freilich ging er dabei so weit, dass man heute fragen darf, was er eigentlich noch schützen wollte: Er arbeitete an einem Paragrafenwerk mit, das Christen jüdischer Herkunft aus der evangelischen Kirche faktisch aussonderte. Sie sollten nur noch eine Art Gaststatus haben – das war die Einführung des Arierparagrafen in der Kirche.

Im Jahr 1939 war Brunotte dann an der Formulierung der „Fünf Grundsätze“ des Reichskirchenministers Hanns Kerrl beteiligt, die Christen auf die Weltanschauung der Nazis einschwören sollten. Er drängte den hannoverschen Landesbischof August Marahrens, dessen enger Berater er war, zur Unterzeichnung des Dokuments, das die Ideologie der Nazis als vereinbar mit dem christlichen Glauben einstufte. So zählte auch Brunotte zum Kreis derer, die „dem Führer entgegenarbeiteten“, wie der Historiker Ian Kershaw das genannt hat.

Nach dem Krieg wurde Brunotte zunächst entlassen, doch 1949 setzte er seine steile Karriere fort. Von seinen Fehlern distanzierte er sich lange kaum – er beanspruchte sogar die Deutungshoheit über das Geschehen in der NS-Zeit. So verhinderte er 1970, dass eine kritische Dissertation von Wolfgang Gerlach zur Kirchengeschichte gedruckt wurde. Dabei hatte er selbst zuvor eingeräumt, dass die Kirche zu den Gräueltaten der Nazis „nur unzureichend und zu spät“ ihre Stimme erhoben habe. Erst kurz vor seinem Tod 1984 gestand er angesichts seines Schweigens zu den Verbrechen der Nazis auch eine persönliche Schuld ein. Am Ende seines Lebens hatte der liberale Theologe die Kraft gefunden, sich selbst an seinen eigenen Idealen zu messen.

Jens Gundlach: „Heinz Brunotte – Anpassung des Evangeliums an die NS-Diktatur“. LVH. 526 Seiten, 39,90 Euro.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der norwegische Solokünstler Sivert Høyem, früherer Frontsänger der Rockband Madrugada hat das Musikzentrum in Hannover gerockt. Das Publikum hat seinen melancholischen Rock genosssen.

22.10.2010

Die A-cappella-Band "Ganz Schön Feist" hat ein neues Album mit ihren besten Livetiteln veröffentlicht: „The Yellow From Egg“. „Ganz Schön Feist“ ist am Sonnabend, 23. Oktober, um 20 Uhr im Theater am Aegi zu hören.

04.11.2010

Das Helsinki Philharmonic Orchestra unter John Storgårds gastiert am kommenden Dienstag, 26. Oktober, in Hannover bei Pro Musica im Kuppelsaal. Auf dem Programm stehen Schumann, Elgar und Sibelius.

Rainer Wagner 22.10.2010