Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Jenseits der Eitelkeit
Nachrichten Kultur Jenseits der Eitelkeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:18 07.07.2013
Von Johanna Di Blasi
"Adam und Eva mit Spiegel" ist eines von 113 Werke Maria Lassnigs, die bis zum 8. September in Hamburg zu sehen sind. Quelle: dpa
Hamburg

Sie sei nie richtig jung gewesen - und fühle sich jetzt auch nicht alt, sagte Maria Lassnig in einem Interview. Die 93-Jährige malt, als hätte sie nichts mehr zu verlieren oder zu beweisen. Mit zunehmendem Alter schwang sie den Pinsel immer selbstbewusster, freier und wilder. Statt Altersschwäche ist in ihren jüngsten Bildern ein fast jugendlicher Übermut zu spüren.

Für ihre malerische Body Art - Ausgangspunkt sind für die in der österreichischen Provinz aufgewachsene Künstlerin stets subjektive körperliche Empfindungen - erhielt Lassnig Anfang Juni den „Goldenen Löwen für das Lebenswerk“ auf der Biennale in Venedig. Eine riesige Auswahl an „Körperempfindungsbildern“ aus sieben Schaffensjahrzehnten präsentieren jetzt die Deichtorhallen in Hamburg. „Der Ort der Bilder“ lautete der Titel, zu sehen sind 113 Werke von 1945 bis 2012.

Lassnigs Lebensthema ist sie selbst, der Ort ihrer Bilder ist der eigene Körper mit all seinen Empfindungen der Hitze, Enge, Weite, des Gestreckten, Gedehnten, Gestauchten. Für Lassnig gibt es eckige, spitze und zackige Körpergefühle. Nicht die opernhaften großen Emotionen setzt sie in Szene, sondern schwer zu fassende Alltagszustände, die jeder kennt, aber kaum benennen kann. Empfindungen zu malen, sei wie das „Abstecken einer Wolke“, hat die Künstlerin einmal gesagt.

Der überwiegende Teil ihrer Werke sind Selbstporträts. Die Selbstbespiegelungen sind jenseits der Eitelkeit angesiedelt. Mit fast naturwissenschaftlicher Akribie analysiert die Malerin sich selbst und übersetzt Empfindungen zum Teil mit schalkhafter Ironie in Bilder. In den Deichtorhallen sieht man Selbstporträts mit Schwein, mit futuristischem Brillengestell, als violettes Monster oder - in Anspielung auf die ewige weibliche Sorge um die schlanke Linie - als „Große Knödelfiguration“.

Die Ausstellung schlägt den Bogen von abstrakten Aufzeichnungen innerer Zustände aus den späten vierziger Jahren im Stil des Pariser Informel über realistische Bilder der New Yorker Jahre bis hin zum entgrenzten Alterswerk mit zunehmend monumentalen Formaten. Fast schon Kinoleinwandgröße hat das Bild „Nasenflucht in Wasenschlucht“ von 2007: Drei absurde Wesen bestaunen einander in einer idyllischer Wiesenlandschaft mit Pusteblumen. Sie könnten von einem verrückten Wissenschaftler geklont worden sein.

Neben menschlich-animalischen Metamorphosen gibt es bei Lassnig auch Cyborg-artige Mensch-Maschine-Zwitter. Wie ein Kommentar auf die „Augmented Reality“, also die durch Elektronik erweiterte Welt, muten Gegenstände an, die ein skurriles Eigenleben zu führen scheinen. Ein Wasserhahn starrt einen mit Amphibienaugen an, eine banale Küchenreibe probt Verbeugungen. Auch zwei Filme der Künstlerin sind in der Ausstellung zu sehen. Sie habe aus Neid auf Filmkünstler zu filmen begonnen, hat die Künstlerin einmal gesagt. Filmarbeiten würden von Museumsbesuchern nämlich in der Regel etwas länger betrachtet als Gemälde. Ein Maler, der filme, sei aber wie „ein buddhistischer Mönch, der Fahrrad fährt“, findet Lassnig.

Als die Londoner Serpentine Gallery vor fünf Jahren eine Ausstellung ihrer Werke zeigte, sprach der Kritiker des „Guardian“ vom „Schock des Jahres“. Das Londoner Publikum sei von der Wucht der Selbstporträts geradezu „weggefegt“ worden. Ähnlich ergeht es einem auch als Besucher der Hamburger Schau, die mit zahlreichen nie zuvor ausgestellten Werken aus dem Atelier der in Wien lebenden Künstlerin aufwartet. Es ist die erste richtig große Lassnig-Schau im Norden Deutschlands. Eine kleinere Präsentation gab es bereits vor zwölf Jahren, damals in der Kestnergesellschaft in Hannover.

Wie Louise Bourgeois, mit der sie sich in New York für „Women Power“ einsetzte, erlebte auch Lassnig den großen Durchbruch erst im Seniorenalter. Ihre künstlerische Sozialisierung aber erfuhr sie in der Ära der Surrealisten, Tachisten und Kubisten. Sie nahm in den späten vierziger Jahren die „Body Awareness“ vorweg, die später in den siebziger Jahren in der feministischen Kunst eine Rolle spielte.

Nach einem Schwächeanfall im vergangenen Jahr hat sich Maria Lassnig aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogen. Ihren Ehrenlöwen in Venedig hat sie nicht persönlich abgeholt. Verliehen wurde er ihr als „Anwältin für neue Ideen, Diskurse und Trends in der Gegenwartskunst“. Einen Teil der Hamburger Ausstellung wird das New Yorker P.S.1 übernehmen, ein Ableger des Museum of Modern Art, der sich als Agent für Diskurse und Trends der Gegenwartskunst versteht. Genau der richtige Ort für Lassnigs Bilder.

Maria Lassnig: „Der Ort der Bilder“. Bis 8. September, Deichtorhallen, Deichtorstrasse 1-2, Hamburg. Dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, jeden ersten Donnerstag des Monats bis 21 Uhr, Katalog 29,90 Euro. Kontakt: www.deichtorhallen.de; besucherbuero@deichtorhallen.de. Telefon: (040) 32103200.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Maxims neues Album „Staub“ - Lieber bluten als frieren

Maxims neues Album „Staub“ ist alles andere als eine fröhliche Sommerplatte, macht aber dauerhaft gute Laune. HAZ-Redakteur Kristian Teetz hat reingehört.

Kristian Teetz 07.07.2013

Jährlich strömen Zehntausende Besucher zum Tanz- und Folkfestival und lassen Rudolstadt aus allen Nähten platzen. Um noch mehr Weltmusikfans zu erreichen, nutzen die Veranstalter das Internet.

07.07.2013

Die aus der Ukraine stammende Autorin Katja Petrowskaja hat den begehrten Bachmann-Preis gewonnen. Die zweite gute Nachricht: Das drohende Ende des österreichischen Lesefestes ist wieder vom Tisch.

07.07.2013