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Nachrichten Kultur Die wandernde Reporterin aus Burgdorf
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00:16 27.01.2016
Von Christiane Eickmann
Auf ihrer „Wortwalz“ machte Jessica Schober auch Halt in ihrer Heimat Burgdorf. Quelle: Seibert
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Eine alte Journalistenweisheit lautet: Wer schreibt, der bleibt. Dieser Satz ist mittlerweile ebenso altmodisch wie falsch. In vielen Redaktionen sind es eher die Blattmacher, Layouter und Organisatoren, die bleiben. Den Inhalt liefern immer häufiger freiberufliche Schreiber.

Die Journalistin Jessica Schober wollte gar nicht erst bleiben. Schon als Burgdorfer Schülerin hatte sie für die Heimatzeitung geschrieben, später bei „Zish“, der Jugendredaktion der HAZ. Mit 24 Jahren hatte sie das geschafft, wovon viele nur träumen: Sie hat studiert, die renommierte Münchner Journalistenschule besucht und eine Festanstellung bei der „Cosmopolitan“ ergattert. Doch wohlgefühlt hat sie sich dabei nicht. Zu viel Hamsterrad, zu wenig Freiheit. Ein Gespräch mit einer reisenden Bäckerin hatte in Schober einen Wunsch geweckt, was sie gern sein wollte: „eine Vagabundin“. Sie wollte auf die Walz gehen, so wie es Handwerker seit dem Mittelalter nach festen Regeln und geheimen Riten tun. Ist denn Journalismus nicht auch ein Handwerk?

Im vergangenen Jahr schließlich setzt sie die Idee um. Nicht drei Jahre und einen Tag wie die Handwerker, aber immerhin drei Monate und einen Tag wollte sie allein durch die deutsche Provinz tippeln, bei Lokalredaktionen ihre Arbeit anbieten, unter freiem Himmel schlafen oder dort, wo ihr Kost und Logis angeboten werden. Am Ende dauerte ihre Wanderung vier Monate. Über ihre Erlebnisse in dieser Zeit hat Schober auf ihrem Blog „Wortwalz“ berichtet, nun erscheint das gleichnamige Buch.

„Es ist ein Hippiebuch geworden“, schreibt die inzwischen 27-Jährige. Gar nicht so falsch, auch wenn die Protagonistin freilich nicht im Drogenrausch durchs Land trampt. In einer Mischung aus Roadmovie, Entwicklungsroman, Tagebuch und teilnehmender Beobachtung gibt Schober Einblicke in ihre ganz eigene Variante der „Walz“. Zuvor hatte sie sich darüber sehr intensiv bei Handwerksgesellen informiert. Das zweite große Thema des Buchs ist Schobers Liebe zum Lokaljournalismus („Gerade dort, bei den Provinzblättern, kann man die große Welt im Kleinen beobachten“). Schilderungen von hilfsbereiten Menschen, von ihren Stationen unter anderem beim „Anzeiger für Burgdorf und Lehrte“ und von aberwitzigen Alltagssituationen ergänzt sie durch kleine Reportagen, die während der „Walz“ entstanden sind.

Manchmal reißt sie die eigene Begeisterung über das Erlebte ein wenig zu sehr mit, dann geht schon mal eine Metapher daneben. Auch kommen die kräftezehrenden Aspekte des Abenteuers ein wenig zu kurz. Doch man verzeiht das der Reporterin, die wie eine Art „Jessica im Glück“ von Ort zu Ort gelangt und immer wieder mit offenen Armen aufgenommen wird.

Journalisten, die seit 30 Jahren tagein, tagaus aus demselben Dorf berichten, werden Schobers Faible für Kaninchenzüchter und vollgequalmte Dorfkneipen wahlweise für bewundernswert oder schrullig halten. Allerdings: Die schwierigen Arbeitsbedingungen von Lokaljournalisten im Zeichen der Printkrise beschönigt sie an keiner Stelle.
Dass sie mitreißend schreiben kann, beweist Schober vor allem im letzten Teil des Buches, in dem sie die gemeinsame Zeit mit der ­toughen Schreinerin Heike beschreibt. So nah wie Heike kommt sie keiner anderen Figur in ihrem Buch, über sie schreibt sie Sätze wie „Sie ist stark und zart, sie ist schnodderig und schön, sie ist verstrahlt und klug.“ Und darum ist es doch ein wenig schade, dass Schober sich selbst auferlegt hat, nicht zu viel über die Bräuche und Verhaltensweisen der reisenden Handwerksgesellen zu schreiben und zu verraten.
Schober hat übrigens noch nicht genug vom Reisen. Nach der „Wortwalz“ hatte sie sich als Bloggerin der „Rhein-Zeitung“ auf Burg Sooneck versucht, brach das Experiment aber nach vier Monaten wieder ab. Die feste Verankerung auf der Burg hatte ihr nicht behagt. Andere Blogger warfen ihr mangelnde Aktivität vor. Schober hat das nicht lange aus der Bahn geworfen. Ihre „Walz“ aber wirkt bis heute nach. Die 27-Jährige, die in Frankfurt (Oder) geboren wurde und in Burgdorf bei Hannover zur Schule gegangen ist, hat zuletzt ihre Wohnung in München aufgelöst und wohnt zurzeit bei Freunden „auf dem Sofa“. Länger an einem Ort verweilen möchte sie vorerst nicht. Das Fernweh ist zu groß.

Zu Gast bei der HAZ

Schon auf ihrer „Wortwalz“ machte Jessica Schober Halt in bei der HAZ in Hannover – nun kommt sie noch einmal wieder: Am Mittwoch, 3. Februar, ist die Journalistin zu Gast im Anzeiger-Hochhaus. Sie wird aus ihrem Buch lesen und anschließend im Gespräch mit der stellvertretenden Chefredakteurin der HAZ, Hannah Suppa, von ihrer Tour durch den Lokaljournalismus in Deutschland berichten. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr in der Schalterhalle des Anzeiger-Hochhauses, Einlass ist ab 19 Uhr. Die Karten kosten an der Abendkasse 10 Euro, mit der AboPlus-Karte der HAZ sowie für Studenten ermäßigt 7 Euro.

Jessica Schober: „Wortwalz. Von einer die schreibt und nirgends bleibt – eine Reporterin auf Wanderschaft.“
Edel Verlag, 256 Seiten, 14,95 Euro

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