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Jetzt staunen auch deutsche Zuschauer über das wundervolle „Shadowland“

Die Verkörperwelten Jetzt staunen auch deutsche Zuschauer über das wundervolle „Shadowland“

Nach Wien und Düsseldorf erobert die Pilobolus Dance Company mit ihrem „Shadowland“ zurzeit Berlin, nach weiteren acht Stationen beschließt das Ensemble im April kommenden Jahres in Hannover die Tournee.

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Wer hat Angst vorm Schattenmann? Das „Dog Girl“ auf seiner Traumreise durch „Shadowland“.

Quelle: dpa

Schattenspiele? Klar, kann jeder ein bisschen. Die Hände kreuzen, die Daumen zusammenlegen und mit den restlichen Fingern winken – ein Vogel. Oder die Hand ausstrecken, Daumen hoch, Zeige- und Mittelfinger einklappen und mit Ring- und kleinem Finger bellen – ein Hund. Hat man als Kind an die Wand geworfen, kurz bevor man vor dem Schlafengehen das Licht ausgemacht hat. Jetzt haben wir 2011, im Kino und auf manchem Fernseher laufen Filme dreidimensional, und wenn es schon 2-D sein muss, dann doch bitte mobil auf dem Telefondisplay. Genau die richtige Zeit also, um mit dem guten, alten Schattentheater im absoluten Publikums-Off zu landen. Sollte man meinen.
Das Gegenteil ist der Fall. Eine amerikanische Tanzgruppe formt mit Licht, Leinwand und sich selbst ein so poetisches Spektakel, dass den Zuschauern vor Staunen der Mund offen steht. Nach Wien und Düsseldorf erobert die Pilobolus Dance Company mit ihrem „Shadowland“ zurzeit Berlin, nach weiteren acht Stationen beschließt das Ensemble im April kommenden Jahres in Hannover die Tournee.

Vier Frauen und fünf Männer nehmen das Publikum mit in die Schattenwelt. Sie reden nicht, sie tanzen, bewegen sich und andere, wachsen zusammen, werden eins, beflügeln die Phantasie und erzählen eine Geschichte. Wenn sie das vor einer mobilen Leinwand tun, erinnert es an modernen Tanz. Sobald sie in das Licht hinter diesem oder einem zweiten, fast bühnenbreiten Vorhang tauchen, verschmelzen die Akteure zu einem Film, sind Protagonisten und Requisiten, verwandeln sich in Autos oder Riesenköpfe, in Pusteblumen oder Elefanten.

Bei "Wetten, dass... ?" waren sie schon zu sehen. Jetzt starten die Schattenspieler vom Pilobulus Dance Theatre ihre "Shadowland"-Tour, die sie auch nach Hannover führt. Die Darsteller bilden akrobatisch hinter einer beleuchteten Leinwand Fantasiefiguren und Gegenstände. Dann zerfallen sie scheinbar wieder und erschaffen neue Figuren.

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Diese Wandlungsfähigkeit hat sie 2006 weltweit bekannt gemacht, als sie in einem Werbespot für den Autobauer Hyundai dessen neues Modell modellierten. Ein Jahr später verkörperten sie bei der Oscar-Verleihung die zu kürenden Filme, wurden zu „Happy Feet“-Pinguinen oder für „Little Miss Sunshine“ zu einem menschlichen Bus inklusive Insassen. Kinderbuchautor und „Sponge Bob“-Erfinder Steven Banks dachte sich schließlich das abendfüllende „Shadowland“ aus. Die Pilobolus-Gruppe, 1971 als Gegenkulturprojekt in einem Walddorf in Connecticut an der US-Ostküste gegründet, formte Banks’ Ideen mit ihren Fähigkeiten und den melancholischen Liedern von Songwriter David Poe zu einem noch nicht da gewesenen Verzauberkunststück voller Schönheit und Anmut. Ein Auftritt bei „Wetten, dass …?“ im April weckte auch hierzulande Interesse. Die Komische Oper in Berlin ist derzeit komplett ausgebucht. Mit offenen Mündern.

75 Minuten dauert die Traumreise des Mädchens ins „Shadowland“, die zeitweilig auch eine Albtraumreise ist. Es beginnt schon damit, dass es von einer riesigen Hand zunächst in einen Hund verwandelt wird. Die anschließende Rückführung gelingt nicht ganz, das Mädchen behält den Hundekopf. Nun erlebt es, wie es ist, anders zu sein als die anderen, abzuweichen, die Kriterien nicht zu erfüllen, unnormal zu sein. Das „Dog Girl“ wird von fiesen Typen gejagt, soll in einem großen Topf gekocht werden, reist mit einem Cowboy im Auto durchs Land, wird von ihm verstoßen, wird wie der Elefantenmensch auf dem Jahrmarkt ausgestellt, flieht, fällt ins Wasser, ertrinkt fast und wird schließlich von einem Zentauren erlöst.

Es gibt keine Brüche in dieser Geschichte, alles fließt auf wundersame Weise, die Szenen, die Musik, die Körper, ob hinter oder vor der Leinwand. Virtuos arbeiten die Tänzer mit Perspektiven, Winkeln und Abständen, sodass auf dem zweidimensionalen Screen tatsächlich ein dreidimensionaler Eindruck entsteht. So können große Finger (nah an der von hinten kommenden Lichtquelle) kleine Mädchen (direkt hinter dem Vorhang) an der Nase stupsen. Mit wenigen Requisiten werden Rahmen gesetzt und Räume erzeugt oder mächtige Canyons gebildet. Zweige, die durch den Lichtkegel gezogen werden, machen glauben, ein aus Körpern geformtes Auto bewege sich. Und als sich zwei Arme vor der „Windschutzscheibe“ hin und her bewegen, weiß man, dass es regnet. Denn der Fahrer hat den Scheibenwischer angeschaltet. Vieles basiert auf ganz einfachen, fast kindlich kreativen Ideen: Der vorgestreckte Ellbogen und Finger über dem Kopf – und aus dem Menschenkopf wird mithilfe eines Arms ein Hundeschädel mit Stehohren. Dass die Akteure zur Kontrolle nur zwei kleine Monitore haben, auf denen sie Größenverhältnisse und Perspektiven verfolgen können, macht die Sache noch erstaunlicher. Und wenn sie sich vor der Leinwand zeigen, erahnt man an den leichten, fast schwebenden Bewegungsabläufen, wie viel Arbeit hinter diesem Spiel steckt.

Fest steht: „Shadowland“ wird Deutschland in den Schatten stellen. Dass es einen Boom auslösen könnte wie die irische Steppshow „Riverdance“, ist in Umrissen zu erkennen. Wie auch sonst.

19. bis 22. April 2012 im Theater am Aegi. Infos und Karten: 0511-444066.

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