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Kultur Joachim Radkau stellt sein Buch zur „Geschichte der Zukunft“ vor
Nachrichten Kultur Joachim Radkau stellt sein Buch zur „Geschichte der Zukunft“ vor
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02:16 15.06.2018
Mit „vagabundierendem Blick“: Joachim Radkau (rechts) mit Jens Meyer-Kovac. Quelle: Schacht
Hannover

Um die Zukunft ist es nicht gut bestellt, wenn schon im Gespräch darüber straffes Fragekorsett und gedankliches Vagabundieren in Widerstreit geraten. Das straffe Regiment führt auf dem Podium Jens Meyer-Kovac, für den „vagabundierenden Blick“ plädiert Joachim Radkau als Gast des Literarischen Salons. Doch wann immer der alte Herr zu vagabundieren beginnt, geht der Moderator mit einem „Dazu kommen wir später“ dazwischen.

Viele Erörterungen bleiben auf diese Weise Zukunftsprojekte, dabei soll es genau darum gehen. Denn der Bielefelder Historiker hat ein Buch über die „Geschichte der Zukunft“ (Hanser-Verlag, 544 Seiten, 28 Euro) geschrieben. Der Titel klingt grundsätzlicher als es der darin gesetzte Rahmen der Nachkriegszeit eigentlich zulässt, und so greift das Werk nicht auf die sozialen Utopien seit dem Freiheitsversprechen der Aufklärung zurück, sondern beschränkt sich weitgehend auf die eher technischen Visionen der Jahre seit 1945. Damals ist nach Radkau ein „Antiutopismus“ rückkehrender Exilanten auf einen aus der Hitler-Erfahrung erwachsenen „Antiutopismus“ der Dagebliebenen getroffen. Enttäuschte Utopisten allenthalben? Müsste man nicht zwischen Utopie und Ideologie unterscheiden? Doch diese Unterscheidung gehört offenbar nicht zu Radkaus Begriffsinstrumentarium. Und Meyer-Kovac ist ohnehin weniger bei seinem Gesprächpartner als bei seinem Fragekorsett.

Viele Fragen bleiben offen

So bleiben auch andere Fragen offen – und ziemlich seltsame Behauptungen im Raum stehen. „Man weiß wenig über die Zukunftsideen der 68er“, behauptet Radkau da. Und ebenso unwidersprochen bleibt der erratische Satz: „Eine wissenschaftlich fundierte Zukunftsforschung kann es nicht geben.“ Ist es ein Zufall, dass Dennis Meadows, der Autor der ersten computergestützten Zukunftsstudie „Grenzen des Wachstums“, im Register von Radkaus Buch unerwähnt bleibt?

Statt dessen gibt es an diesem Abend einiges von jener „hämischen Besserwisserei aus der Rückschau“, die Radkau ausdrücklich vermeiden zu wollen vorgibt. Doch er bietet Spott über eine eigens mitgebrachte Vision von 1910, nach der man Liebe einst wie Radioaktivität werde messen können. Genüsslich zitiert er Ernst Blochs Illusionen über die Atomkraft aus den Fünfzigerjahren. Und Walter Ulbrichts Glauben an die Bedeutung von exklusiven Großrechnern, die sich nur wenige leisten können. „Ulbricht wusste eben nichts von den Ipads und Smartphones, die heute jeder hat“, sagt Radkau mit genüsslichem Lächeln. Glaubt der Bielefelder Historiker, dass Google & Co. die Daten der Tablet- und Smartphone-Nutzer mit Smartphones verwalten?

Nichts als Prophetie?

Was die Gäste im nach der Pause merklich geleerten Conti-Foyer mehr interessiert als sein Zukunftsbuch, wird erst bei ihren Fragen am Schluss deutlich. Einem großen Publikum bekannt geworden ist Radkau ja vor allem durch Bücher wie „Aufstieg und Krise der deutschen Atomindustrie“ (1983), eine Bestandsaufnahme, die er in „Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft“ (2013) noch einmal aktualisiert hat. Ob der Kritik der Atomkraftgegner nicht ganz realistische Zukunftsängste zugrundelägen, will eine Zuhörerin wissen. Ja, es fehle noch das „große, wohlabgewogene Standardwerk zur deutschen Anti-AKW-Bewegung“, sagt Radkau. Nur ein Gast will wissen, ob am Ende doch die Bibel recht behalte, die als Zukunftsvisionen ja die Apokalypse und Paradies zu bieten habe. Nein, räumt Radkau ein, als bloße Prophetie wolle er die Zukunftsentwürfe doch nicht abkanzeln. Na dann.

Von Daniel Alexander Schacht

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