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20:32 23.02.2016
Alte Lieder, neue Aufgaben: Jochen Distelmeyer. Quelle: Sony
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Hannover

Britney Spears ist letztlich keine Frau, die man verstehen könnte. Doch man kann sie mögen, weil sie auf eine Weise grandios ist, die mit dem grauen deutschen Denken nicht vereinbar scheint. Sie ist blond und bodenlos künstlich, aber ihr Stück „Toxic“ (2003) hat wie ein Herzschrittmacher gewirkt bei Leuten, die mit dem Pop schon abgeschlossen hatten. Der Song hat diese popmüden Menschen wieder ins Boot geholt. Wer zu dem Rhythmus durch den Flur der eigenen Wohnung lief, der hat sich wie ein Mannequin gefühlt. „Toxic“ legt die dunkle Seite in uns frei.

Auch der leicht hüftsteife, kopflastige Jochen Distelmeyer wird das durchlebt haben. Fest steht: Er hat „Toxic“ gecovert, auf eine Weise, die als Huldigung durchgeht. Nur er und seine Gitarre – Distelmeyer macht den Groove des Stückes deutlich, seine akustische Version erklärt uns die Magie des Songs. Vier, fünf Akkorde, und das Lied sitzt. Es atmet nicht mehr diese preiswerte (um nicht zu sagen: billige) Erotik, mit der uns Britney Spears den Kopf verdrehte. Distelmeyer macht aus „Toxic“ eine Doktorarbeit, mit einfachsten Mitteln, ohne jede Fußnote. Er singt, seziert und macht den Hörer willenlos.

Wer hat die bessere Version, Distelmeyer oder Spears? Was für eine dumme Frage. Und trotzdem geht sie uns nicht aus dem Kopf, wenn wir die beiden Lieder nacheinander hören. Leichter Vorteil: Distelmeyer. Doch das gilt nur für Leute über 40.

Jochen Distelmeyer ist ein Mann, der Stoff hergibt für lange Untersuchungen, weil kluge Menschen sagen, Blumfeld, deren Sänger er war und die sich vor knapp zehn Jahren aufgelöst haben, sei die Band von Distelmeyers Generation gewesen. Nun ist er 48 Jahre alt und sucht nach neuen Aufgaben. Er hat einen Roman geschrieben, hat solo gesungen, das alles war kein großer Wurf. Nun spielt er auf dem neuen Album das, was andere schon gesungen haben. Immer gilt: nur er und seine Gitarre. Vom Schöpfer wird er zum Interpreten, natürlich wirkt das auch ein wenig ratlos für einen Vordenker wie ihn. „Songs From The Bottom Vol. 1“ ist ein Album voller Coverversionen, was sich auch deshalb anbot, weil Coverversionen bei Blumfeld-Konzerten oft am lautesten gefeiert wurden.

„Just Like This Train“ von Joni Mitchell singt er, auch „Video Games“ von Lana Del Rey, „Let’s Stay Together“ von Al Green und „Turn Turn Turn“, geschrieben von Pete Seeger, berühmt geworden in der Variante der Byrds. Jochen Distelmeyer schafft das, woran viele scheitern: Er gibt den Songs der anderen eine eigene Note, er singt sie mit Inbrunst und Bewunderung, er predigt sie und säuselt. Da geht es ihm wie Ryan Adams, der gleich das ganze Album „1989“ von Taylor Swift gecovert hat – auch Adams ist ein kluger, womöglich viel zu kluger Mensch des aufgeklärten Rock ’n’ Roll, ähnlich wie Distelmeyer. Er trug die Lieder von Swift auf Händen. Taylor Swift freilich spielt nur teilweise in der Liga von Britney Spears. Sie ist die Klassensprecherin mit Ambitionen auf Karriere, Spears gilt als Mädchen, das heimlich auf dem Klo raucht.

Beide haben die Herzen von älteren Männern gewonnen, hier Distelmeyer, dort Adams. Oft geht so eine Liebe turbulent nach ein paar Atemzügen in die Brüche. Hier hält sie. Weil die älteren Männer angemessenen, ehrfurchtsvollen Abstand halten.

Jochen Distelmeyer: Songs From The Bottom Vol. 1. Four Music/Sony Music. Am 21. April spiel Distelmeyer im hannoverschen Lux, Karten unter Telefon: (05  11) 12 12 33 33.

Lars Grote

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