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Innehalten, bitte

Musik von Chopin
im Sprengel-Museum Innehalten, bitte

Die Zuschauer im ausverkauften Lux schauen still zur Bühne, andächtig fast. Kein Protest auch, als der Sänger Jochen Distelmeyer aus Angst vor einer Erkältung die Lüftung im Klub ausstellen lässt und es zu der Zeit eigentlich schon arg warm und stickig ist.

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„Lange nicht gehört“: Jochen Distelmeyer.

Quelle: Kutter

Hannover.  Für viele ist Distelmeyer ein Held der Jugend, der mit seiner früheren Band Blumfeld in den neunziger Jahren Poprock mit Haltung und Ironie verband – die Hamburger Schule.
Richtiges Leben im falschen? Schwierig. Das war der Ton, das war die These. Den Sänger scheint die Stille zu Beginn ein wenig zu irritieren. „Alles gut bei euch?“, fragt er das Publikum. „Wir sind aufmerksam“, ruft einer zurück. Na dann ist ja gut.

Jochen Distelmeyer stand mit seiner Gitarre und seinem Keyboard im Lux und hat sein neues Album "Songs from the Botton" performt.

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Jochen Distelmeyer ist mit der Akustikgitarre unterwegs, neben ihm sitzt Daniel Florey am Keyboard. Die beiden spielen die Lieder vom Album „Songs from the Bottom Vol. 1“, zwölf Interpretationen von englischsprachigen Liedern, ohne zwingenden roten Faden. Als Distelmeyer mit seinem Romandebüt „Otis“, einer Transformation der Odyssee in die Moderne, auf Lesereise ging, da faszinierte er die Besucher nicht nur mit dem freien Vortrag seines Werkes, sondern auch mit Popcovern, Füllstücken, so dachten die Zuschauer damals. Weil er bei der Lesereise immer wieder nach den Cover-Songs gefragt wurde, ging Distelmeyer danach gleich ins Studio.

Zitat und Selbstzitat, das waren immer wichtige Mittel bei Blumfeld, schon auf der ersten Platte „Ich-Maschine“, die 1992 erschien. Und so interpretiert Jochen Distelmeyer auch im Lux nicht nur Songs, die er nett findet, er zeigt auch die kleinen und großen Zusammenhänge. Bee Gees „Tragedy“ etwa kommt bei ihm ohne Falsett und ohne Kitsch daher, und doch mit Seele. Der Song sei ja eigentlich, man solle mal auf die zweite Strophe achten, eine männliche Masturbationsphantasie, jaja.

Die Punkband Wilco, deren Song „Shot In The Arm“ er später spielt, habe sich ja nach dem Gitarristen von Dr. Feelgood benannt. Rockpile, kennt noch jemand, ja? „Ist das hier ne Klausur, von wegen Hamburger Schule?“, sagt Distelmeyer und lacht.

Der Abend ist wie ein Mixtape. Eine Mischung aus „Lange nicht gehört, aber tolles Stück“-Liedern wie „Bitter Sweet Symphony“ von The Verve oder Lana del Reys „Video Games“, das ja eigentlich durch Heavy Rotation auf Jahre unhörbar ist, das man aber in Distelmeyers Version durchaus wieder dufte finden kann. Es ist auch ein Beispiel dafür, wie einmalig Distelmeyers Stimme ist und wie gut andererseits diese Stücke sind, die selbst noch als Gerüst funktionieren, zentraler Elemente beraubt wie die Streicher bei The Verve. Distelmeyer schlüpft in diese Songs herein, als seien sie ein Anzug. Auch live schrammelt er die Stücke nicht in Richtung Rock, er lässt sie stehen und wirken. Und der Kitsch bleibt wie immer nur ein Nachbar des Musikers.

Die Zugabe kommt schnell an diesem Abend, und dauert dafür fast genau so lange wie der erste Teil des Abends. Jochen Distelmeyer singt Lieder, die er geschrieben hat – darunter „Wir sind frei“. Die Tyrannei der Heuchler sei vorbei, singt Distelmeyer da. „Es gibt kein Müssen und kein Soll’n / Wenn wir nicht woll’n“.

Zum Ende dann, das Wippen und Kopfnicken der Fans ist heftiger geworden mit diesen alten Heldenstücken, da fordert nun Jochen Distelmeyer Stille ein. Er habe gerade vor dem Konzert gehört, wie die meisten hier wohl, dass Prince gestorben sei, und er wisse noch gar nicht so recht, was er sagen solle. Also innehalten, bitte. Für zehn Sekunden ist alles still, Distelmeyer sagt Danke, und spielt noch eine fast gehauchte Version von „Free As A Bird“, den Lennon-Song, den die Rest-Beatles lange nach dessen Tod veröffentlichten.

Heute um 20 Uhr im Lux: Leaves & Trees.

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