Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
"Bei uns singt man von der Wiege bis zur Bahre"

Jörg Straube im Interview "Bei uns singt man von der Wiege bis zur Bahre"

Als die Wiederentdeckung Johann Sebastian Bachs Hannover erreichte: Jörg Straube spricht im interview mit HAZ-Redakteur Stefan Arndt über 70 Jahre Bachchor an der Marktkirche.

Voriger Artikel
Frankfurter Museum zeigt Mode als Kunst
Nächster Artikel
Schwarze Kunst

Der Bachhor.

Quelle: Archiv

Hannover . Herr Straube, die Marktkirche steht schon seit Jahrhunderten, doch der Bachchor feiert jetzt erst sein 70-jähriges Jubiläum. Gab es davor keinen Gesang an der Kirche?
Doch, natürlich. Sicher hat es mit dem Bau der Kirche auch gleich Musik gegeben. Das Problem ist, dass man vor 1516, also vor der Einführung der Reformation in Hannover, nicht Schriftliches darüber hat. Spätestens seit diesem Termin gab es aber das typische Kantorenamt, wie man es etwa von Bach kennt: Der Lehrer an der Schule war auch für den Gesang in der Kirche verantwortlich. In den Gottesdiensten war also mindestens immer ein Knabenchor präsent.

Warum feiert man dann nicht lieber im kommenden Jahr das halbe Jahrtausend?
Der entscheidende Knick in der Geschichte kam durch die napoleonische Besatzung 1806. Nach 300 Jahren deutschem Kantorenwesen wurde die Kirche nun von Staat getrennt. Jetzt mussten normale Bürger die musikalischen Aufgaben übernehmen, die bis dahin die Knaben und älteren Jungs der Schule übernommen hatten. An der Marktkirche herrschte dabei aber ein eher unregelmäßiges musikalisches Leben: Mal gab es einen Chor, mal nur eine Singgruppe. Wenn eine etwas stärkere Persönlichkeit da war, etwa Heinrich Molck um 1860 herum, gab es auch größere Aufführungen. Durch die Kriege wurde diese Arbeit aber immer wieder unterbrochen. Erst seit 1945 gibt es wieder ununterbrochen so etwas wie einen Kantor. Und damals bekam der Bachchor als gemischter Chor einen richtigen Namen.

Zur Person

Jörg Straube ist mit 62 Jahren nicht ganz so alt wie der Bachchor, den er immerhin fast sein halbes Leben geleitet hat: 1986 übernahm es das Amt als bislang dritter Kantor von Manfred Brandstetter. Der gebürtige Bremer ist Gründer des Norddeutschen Figuralchores und pendelt seit 20 Jahren zwischen Hannover und Würzburg, wo er Professor an der Musikhochschule Würzburg ist.

Ist es nicht ein bisschen langweilig, einen Chor nach Bach zu benennen?
Nach 1945 war Bach der Hauptbestandteil dessen, was man als evangelische Kirchenmusik verstand. Das war eine neue Sichtweise: Gustav Sasse, der erste Kantor nach dem Krieg, war auch Dozent an der Kirchenmusikschule und sorgte dafür, dass die Renaissance des Komponisten, die einige Jahre zuvor von Leipzig ausgegangen war, auch Hannover erreichte.

Für Hannover wurde eine Tradition begründet, die sich bis heute erhalten hat: die regelmäßigen Aufführungen der großen Bach-Werke. Würden Sie inzwischen nicht lieber einmal etwas anders in den großen Konzerten aufführen?
Sagen wir mal so: Die Nachfrage beim Publikum nach den Stücken von Johann Sebastian Bach ist gerade in Hannover beim Publikum sehr, sehr groß. Wenn wir die „Matthäus-Passion“ oder das „Weihnachtsoratorium“ aufführen, ist die Kirche dreimal komplett voll. Allein geschäftlich gedacht muss ich diese Stücke also anbieten, um die Aufführung von anderen Werken finanzieren zu können – die von den Zuhörern dann unter Umständen ganz anders aufgenommen werden. Stücke aus der Wiener Klassik wie etwa Beethovens „Missa solemnis“ können bei uns nur mit Mühe eingeführt werden. Trotzdem bemühen wir uns stark um eine Vielfalt im Repertoire.

Vielfalt gibt es ja inzwischen auch beim Chor selbst, der Ableger gebildet hat. Wie gehören diese Ensembles zusammen?
Sie sind eigentlich als Einheit gedacht. Und wir wollen jetzt ein Kantorat an der Marktkirche schaffen, das den Bedürfnissen unser Zeit entspricht. Seit sieben Jahren leite ich auch einen Seniorenchor, die Kantorei St. Georg, die sich an Leute über 60 wendet und vielleicht nicht ganz so leistungsbetont ist wie der Bachchor. Seit zehn Jahren gibt es die Kinderarbeit von Lisa Laage-Smidt, die im Rahmen der Landeskirche organisiert wird. Das soll nun von der Gemeinde übernommen werden. Es gibt also wichtige organisatorische Veränderungen. Der Kirchenvorstand zeigt nun, wie wichtig ihm diese Arbeit erscheint. Immerhin kann man bei uns praktisch von der Wiege bis zur Bahre singen. Und das tun auch viele Menschen: Jede Woche proben hier in allen Chören rund 300 Leute.

Der Bachchor feiert das Jubiläum mit einem Konzert am Sonnabend, 18. Juli, um 18 Uhr in der Marktkirche. Neben dem Bachchor singen auch die Kantorei-St.-Georg und der Kinder-Konzertchor.

Interview: Stefan Arndt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Milow spielt im Capitol