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„Operette hat meist die bessere Musik“

Jonas Kaufmann im Interview „Operette hat meist die bessere Musik“

Am Mittwoch gastiert der weltberühmte Opernsänger Jonas Kaufmann mit einem Operettenprogramm in Hannover. Ein Gespräch über die Flucht in Traumwelten, Nostalgie und den Puccini-Faktor.

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Jonas Kaufmann.

Quelle: Gregor Hohenberg

Hannover. Herr Kaufmann, bislang waren Sie eher als Opern- und Liedinterpret bekannt. Wie kamen Sie auf die Idee zu einem Operettenprogramm?

Sie entstand 2011, als ich mit Anna Netrebko und Erwin Schrott ein Konzert in der Berliner Waldbühne gab. Da habe ich als Zugaben „Freunde, das Leben ist lebenswert“ und „Du bist die Welt für mich“ gesungen. Wir haben uns gefragt: Warum solche Evergreens immer nur als Zugaben, warum nicht ein ganzes Programm damit?

Tenöre wie Richard Tauber oder Fritz Wunderlich haben viele Melodien von Stolz, Lehár und Kálmán erst berühmt gemacht. Wie passt der Tenor Jonas Kaufmann in diese Reihe?

Ganz gut. Tauber war ja als Opern- und Liedsänger weltberühmt, bevor er all die großen Hits von Franz Lehár aus der Taufe hob und selbst eine Operette verfasste. Joseph Schmidt war als Opernsänger ein Begriff, bevor er mit „Ein Lied geht um die Welt“ zum Filmstar wurde. Die Opernsänger Rudolf Schock und Fritz Wunderlich haben mit großem Erfolg auch Operetten und Filmschlager gesungen. Ich folge also einer großen Tradition, die in den letzten 25 Jahren leider nicht mehr so gepflegt wurde wie noch in den Sechziger- und Siebzigerjahren.

Zur Person

Jonas Kaufmann wurde 1969 in München geboren, wo er auch studierte. Seit seinem Sensationsdebüt 2006 an der Metropolitan Opera in New York als Alfredo in Verdis „La Traviata“ ist er auch international ein Topstar. Die „New York Times“ bezeichnete Kaufmann 2014 als wichtigsten und vielseitigsten Sänger seiner Generation. In Hannover singt er am Mittwoch im Kuppelsaal, begleitet vom Münchner Rundfunkorchester, von 19.30 Uhr an ein Operettenprogramm. Es gibt noch Karten: (05 11) 12 12 33 33.

Haben Sie einen persönlichen Bezug zu den Stücken? Als sie uraufgeführt wurden, waren Sie ja noch nicht geboren ...

Aber ich bin damit aufgewachsen: Meine Großmutter kannte das ganze Repertoire und sang es gern vor sich hin. In der großen Plattensammlung meines Vaters durften bei den Tenören natürlich auch diese Hits nicht fehlen.

Wie erklären Sie sich den gegenwärtigen Erfolg der Operette? Ihre Operetten-CD ist ein Publikumsrenner ...

Wir sind damit sogar in die Pop-Charts gekommen. Inszenierungen von Michael Sturminger, Josef Köpplinger und Barrie Kosky haben gezeigt, dass populäre Stücke wie „Die Csardasfürstin“ und auch Ausgrabungen wie „Ball im Savoy“ großen Anklang beim Publikum finden, wenn sie mit Liebe, Witz und gutem Handwerk präsentiert werden. Warum soll man nur in Musicals investieren? Operette hat meist die bessere Musik.

Spielt beim Publikum auch das Bedürfnis nach Weltflucht mit?

Flucht in die Traumwelt - das war sicher ein entscheidendes Motiv, gerade in der großen Zeit der Berliner Traumfabrik von 1925 bis 1933. Allein wie viele Operetten, Filme, Songs den Begriff „Traum“ im Titel tragen! „Ein Walzertraum“,„Im Traum hast du mir alles erlaubt“... Sicher sehnen wir uns nach Charme, Esprit, nach der Romantik, die aus diesen Stücken klingt. Der Nostalgie-Faktor ist nicht zu unterschätzen.

Gab es zu all den alten Titeln noch Noten?

Bei den populären Operetten liegt das komplette Material vor, bei den Filmschlagern gab es teilweise nur Klavierauszüge. Wo originales Orchestermaterial fehlte, hat Andreas Tarkmann ein Arrangement verfasst, das sich an den Aufnahmen der Uraufführungssänger orientiert. „Modernisierte Fassungen“, wie sie leider für viele Fernseh-Operetten der Siebzigerjahre erstellt wurden, wollten wir auf keinen Fall.

Sie sollen einmal gesagt haben, Sie halten die großen Tenorpartien von Lehár und Kálmán für genauso anspruchsvoll wie die von Puccini?

Das ist wohl wahr. „Dein ist mein ganzes Herz“ oder „Freunde, das Leben ist lebenswert“ fordern den Sänger nicht weniger als die Hits aus „Tosca“ und „Turandot“. Auch wegen der dichten Orchestrierung spricht man in diesen Fällen oft von „Puccini-Lehár“.

Sie haben in Ihren Anfangsjahren auch Partien wie den Alfred aus der „Fledermaus“ oder den Caramello in „Nacht in Venedig“ gesungen. Hilft Ihnen das jetzt?

Ich möchte diese frühen Bühnenerfahrungen nicht missen. Aber helfen können sie nicht, weil ich heute ganz anders singe als damals. Ich hatte ja gleich in meinem ersten festen Engagement in Saarbrücken eine massive Stimmkrise; ich hatte nicht gelernt, meine eigene Stimme zu benutzen, sondern war darauf geschult, so zu klingen, wie ein deutscher lyrischer Tenor klingen soll.

Wie änderte sich das?

Gott sei Dank fand ich einen Lehrer, der mir beibrachte, die eigene Stimme zu benutzen: Michael Rhodes in Trier. Die Umstellung der Technik war ungefähr so, wie wenn man von einer Ente auf einen Lkw umsteigt. Man denkt, man würde das erste Mal Auto fahren und ist entsprechend unsicher auf der Straße. Es hat mich auch einige Nerven gekostet, aber ich wusste instinktiv: Das ist der richtige Weg zum Ziel.

Gibt es eine Partie, die Sie noch nicht gesungen haben, und sich für die Zukunft wünschen?

Otello! Nachdem ich für mein Verdi-Album zwei Szenen aus „Otello“ aufgenommen hatte, hätte ich am liebsten sofort die ganze Partie gesungen, so sehr hatte mich der Sog dieser Musik erfasst! Da muss ich höllisch aufpassen, dass ich mich von der Emotion nicht total wegreißen lasse. Mein Rollendebüt ist geplant für Juni 2017.

Interview: Jutta Rinas

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