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Josef Hader als Wutbürger von trauriger Gestalt

67. Berlinale Josef Hader als Wutbürger von trauriger Gestalt

Feine Studie über verletzten männlichen Stolz: Josef Haders Tragikomödie „Wilde Maus“ feierte Premiere auf der Berlinale. Der Kabarettist erzählt darin einen unaufhaltsam eskalierenden Rachefeldzug – ein über weite Strecken gelungenes Regiedebüt.

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67. Internationale Filmfestspiele in Berlin: Regisseur Josef Hader und Schauspieler Jörg Hartmann.

Quelle: dpa

Berlin. Vielleicht hätte Georg seiner Frau Johanna ganz einfach die Wahrheit sagen sollen. Dann wäre seine gutbürgerliche Existenz sicher nicht so hohl scheppernd in sich zusammengebrochen. Dann hätte er sich nicht irgendwann, bekleidet nur mit karierter Unterhose, mit blutig geschlagenem Gesicht und Whiskyflasche in der Hand auf einem tief verschneiten österreichischen Berghang wiedergefunden.

Der altgediente Wiener Musikredakteur Georg (Josef Hader) hat Johanna (Pia Hierzegger) aber nicht die Wahrheit gesagt, als ihn sein pseudo-jovialer Chefredakteur (Jörg Hartmann) mal eben so als „Kostenfaktor mit altem Vertrag“ aus der Redaktion wegsparte. Und so steht Georg, Mitte fünfzig, nun mit einem Pappkarton voller Büroutensilien auf dem Parkplatz – und setzt zu einem schier unaufhaltsam eskalierenden Rachefeldzug an, den er wohl selbst kaum für möglich gehalten hätte.

Selbstdemontage ohne Bruchlandung

Es beginnt mit zerkratztem Autoblech und führt über eine gruselige Fischleiche im Swimming Pool zu einem wilden Amoklauf in den Bergen. Doch verhilft der Privatkrieg Georg kaum zur inneren Befreiung, wie es wohl in einem US-Film der Fall wäre. Er verwandelt sich bloß in ein lächerliches Abbild seiner selbst.

So eine Selbstdemontage muss man erst einmal hinbekommen, ohne als Karikatur bruchzulanden. Dem österreichischen Schauspieler und Kabarettisten Josef Hader ist dies über weite Strecken gelungen in seinem Regiedebüt „Wilde Maus“, das jetzt bei der Berlinale im Wettbewerb Premiere hatte. Hier und da hat sich allerdings die ein oder andere Kabarettnummer in den Film eingeschlichen, in der Beziehungsgespräche vielerlei Art vorgeführt werden.

Hader hat diesen Georg für sein eigenes Drehbuch erfunden, er spielt ihn auch gleich selbst und nimmt ihn in seinen Nöten ernst. Immer tiefer verrennt sich Georg in seine Verzweiflung und schlägt in blindem Aktionismus um sich. Seine Therapeuten-Frau mit dringendem Kinderwunsch ist keine wirkliche Hilfe fürs angeschlagene Selbstbewusstsein: Johanna sieht in ihrem Ehemann vor allem den Samenspender, der er sowieso nicht sein will. Nur kann er ihr die Zusammenhänge nicht erklären.

Feine Studie über verletzten männlichen Stolz

An seinen nun endlos langen Tagen in Wien trifft Georg im Prater den alten Schulfreund Erich (Georg Friedrich) und findet sich zu seiner eigenen Überraschung alsbald als Mitbesitzer einer maroden Achterbahn wieder, Name: Wilde Maus. Aber so leicht entkommt niemand seinem alten Leben. Der Chefredakteur setzt längst seinerseits zu hinterfotzigen Gegenschlägen an, in die er Georgs Gattin Johanna mit hineinzieht.

Josef Hader liefert eine feine Studie über verletzten männlichen Stolz unter erschwerten österreichischen Bedingungen. Hier scheint die Welt noch ein wenig enger zu sein als anderswo, Großzügigkeit gehört keinesfalls zu den hervorstechenden Tugenden, eine gewisse Hinterfotzigkeit ist an der Tagesordnung. Georg ist ein Wutbürger von trauriger Gestalt und somit eine ausgesprochen zeitgemäße Erscheinung. Die Schwermut, die Georg Hader in den „Brenner“-Kriminalkomödien zum Markenzeichen seines Kommissars entwickelt hat, geht diesem Kinohelden weitgehend ab.

Als grantelnder Kritiker hat Georg manchen Musiker mit bitterem Sarkasmus abserviert. Nun ist er selbst zum Opfer geworden. Auf allzu viel Mitleid darf er nicht hoffen in dieser unterhaltsamen Tragikomödie, die so genau von den zerbröselnden Gewissheiten eines europäischen Mittelstandsmannes erzählt.

Von RND/Stefan Stosch

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