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Kultur Rat für Rechtschreibung hält sich zurück
Nachrichten Kultur Rat für Rechtschreibung hält sich zurück
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00:19 15.06.2018
Früher Staatssekretär in Hannover, heute Vorsitzender des Rats für deutsche Rechtschreibung: Josef Lange. Quelle: Surrey
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Hannover

Herr Lange, der Rat für deutsche Rechtschreibung, dessen Vorsitzender Sie sind, hat nach seiner letzten Sitzung keine Empfehlung zum geschlechtergerechten Schreiben gegeben, obgleich er das ja vorgehabt hatte.

Das war eine Fehlmeldung. Richtig ist, dass der Rat im November vergangenen Jahres eine Arbeitsgruppe eingesetzt hatte, die sich des Themas geschlechtergerechte Schreibung annehmen sollte. Durch den Wunsch der Bundesjustizministerin, der Rat möge eine Empfehlung zum Gebrauch des Gendersternchen abgeben, ist das Thema politisch aufgeladen worden. Daraus entstand die Erwartung, der Rat würde auf seiner Sitzung in Wien darüber entscheiden.

Sie haben zwar nicht entschieden, aber immerhin über das Thema beraten.

Es war eine intensive und auch sehr kontroverse Diskussion. Am Ende hat die Arbeitsgruppe den Auftrag erhalten, das Thema weiter zu beobachten und größere Mengen an Texten zu durchforsten, um festzustellen, wie sich das Schreiben im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Was man derzeit beobachten kann, ist die Schreibung in weiblicher und männlicher Form, der Gebrauch des Plurals oder von Passivkonstruktionen. Wie sich der Gebrauch des Sternchen, des Binnen-Is oder des Unterstrichs entwickelt, muss jetzt noch weiter beobachtet werden.

All diesen Beispielen ist ja gemeinsam, dass sie mit der gesprochenen Sprache nur wenig zu tun haben und sehr unpraktisch sind.

So ist es. Aus der Sicht des Rates sollte die Schreibung verständlich, lesbar und auch vorlesbar sein. Zur Frage der Vorlesbarkeit – soviel kann ich verraten – gab es eine sehr kontroverse Diskussion. Den Stern und den Schrägstrich kann man ja nicht vorlesen.

Für wen sind Empfehlungen des Rates zur geschlechtergerechten Schreibung wichtig?

Die Empfehlungen haben zwei Geltungsbereiche: Die Schulen und der gesamte Bereich von Verwaltung und Rechtspflege. Hier haben wir es mit unterschiedlichen Entwicklungen zu tun. In Österreicher etwa ist das Binnen-I, das jahrelang vielfach Praxis war, in den letzten Wochen heftig umstritten.

Wann wird es denn eine Empfehlung des Rats für deutsche Rechtschreibung geben?

Der Rat hat der Arbeitsgruppe den Auftrag gegeben, bis zur nächsten Sitzung im November eine Empfehlung vorzubereiten. Ich hoffe, wir kriegen das hin.

Das könnte schwierig werden, denn die Möglichkeiten, Geschlechtergerechtigkeit in Schriftsprache herzustellen, sind ja begrenzt. Großes I oder Sternchen oder die Verwendung von Unterstrich-Innen sind ja alles Mittel, die Schriftsprache nicht gerade schöner machen.

Zur Person

Josef Lange war von 2003 bis 2013 Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur. Seit 1. Januar 2017 ist er Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung. Im Rat für deutsche Rechtschreibung beraten Vertreter aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Liechtenstein und der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens gemeinsam über Fragen der Rechtschreibung der deutschen Sprache. Am Freitag vergangener Woche hat sich der Rat auf seiner Sitzung in Wien mit dem Thema „geschlechtergerechte Schreibung“ befasst. In einer Mitteilung des Rates hieß es: „Der Rat sieht die Schreibentwicklung als nicht so weit gediehen an, dass das Regelwerk der Amtlichen deutschen Rechtschreibung geändert werden sollte.“

Dem kann ich nur zustimmen.

Welche Empfehlungen könnte der Rat in dieser komplizierten Frage denn aussprechen?

Diese Frage kann ich im Moment nicht beantworten. Klar ist, dass Schreibung verständlich, grammatikalisch korrekt, lesbar und vorlesbar und dazu auch noch eindeutig und rechtssicher sein sollte. Und man muss auch an die Kinder denken. Mit welchen einfachen und nachvollziehbaren Regeln sollen Schülerinnen und Schüler das Schreiben lernen? Diese Frage stelle ich jeder Politikerin und jedem Politiker, der die Forderung erhebt, die amtlichen Regeln zu ändern. Wir werden unsere Empfehlungen jedenfalls behutsam abwägen.

Die AfD hat vor der Sitzung des Rates eine Pressemitteilung verschickt. Darin heißt es: „Sollte der Rat für deutsche Rechtschreibung in Wien einen Empfehlungskatalog für die Verwendung des Gendersternchens und Binnen-Is beschließen, werden wir als AfD dagegen mobil machen.“ Sind Sie jetzt vor der AfD eingeknickt?

Bis jetzt wusste ich gar nicht, dass es diese Pressemitteilung gibt. Unsere Aufgabe ist es, die Entwicklung der deutschen Sprache zu beobachten und Vorschläge zur Anpassung des Regelwerks an den allgemeinen Wandel der Sprache zu erarbeiten und wissenschaftlich zu begründen. Das machen wir und dabei knicken wir vor niemandem ein.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Von Ronald Meyer-Arlt

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