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Kultur Ein junger Jude rechnet mit Deutschland ab
Nachrichten Kultur Ein junger Jude rechnet mit Deutschland ab
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10:37 10.06.2014
Schriftsteller Yascha Mounk in New York. Quelle: Carl Schoonover/dpa
New York

Schon am ersten Schultag wurde es für Yascha Mounk kompliziert. Sein Lehrer wollte die Schüler für den Religionsunterricht einteilen. „Evangelisch oder Katholisch?“, fragte er auch Mounk. „Also, ich glaube, ich bin so eine Art ... Jüdisch.“ Die ganze Klasse der Schule in der baden-württembergischen Kleinstadt Laupheim lachte schallend. Juden gebe es doch gar nicht mehr, schrie ein Schüler dazwischen. „Ich hatte jede nur mögliche Reaktion erwartet, aber nicht diese“, schreibt Mounk rund 25 Jahre später in seinem jetzt in den USA erschienen Buch „Stranger in My Own Country“ (auf Deutsch etwa: „Fremder im eigenen Land“).

Seine ganze Kindheit und Jugend über habe er sich in Deutschland als Jude fremdartig und exotisch gefühlt, resümiert der 1982 geborene Mounk, der gerade an der Elite-Universität Harvard an der US-Ostküste seine Doktorarbeit in politischer Theorie schreibt, in seinem ersten Buch. Mit Unwissenheit und Ablehnung habe er noch am ehesten umgehen können – und Trotz und Stolz auf seine Religion als Gegenreaktion entwickelt. Der Philo-Semitismus aber, die betont wohlgesinnte Haltung gegenüber allem Jüdischen, sei für ihn schwer zu ertragen gewesen, genau wie die vom Schriftsteller Martin Walser angestoßene Schlussstrich-Debatte und die Verordnung von Normalität. „Wie auch bei anderen deutschen Juden bestand die mir zugeteilte Rolle nur allzu oft darin, als lebendes Objekt dem demonstrativen Wohlwollen des Gegenübers zu dienen.“

Mounk, dessen Mutter, eine Tochter polnischer Juden, einst nicht ohne Widerwillen zum Studium nach Deutschland gekommen war, kehrte seinem Geburtsland den Rücken und lebt seit einigen Jahren in den USA, wo er derzeit zwischen New York und der Harvard-Universität im Bundesstaat Massachusetts pendelt. Hier in den USA – wo so viele verschiedene Familiengeschichten aufeinanderprallen – sei er endlich nicht mehr exotisch, und sei damit frei, schreibt Mounk, der sich selbst als nicht religiös bezeichnet. „Der Ort, an dem ich aufhören kann, ein Deutscher zu sein, aufhören kann, ein Jude zu sein, und anstelle dessen einfach nur noch zu Hause sein kann, dieser Ort ist für mich New York.“

In den USA hat das Anfang des Jahres erschienene Buch bereits für reichlich Diskussionen gesorgt und ist von renommierten Zeitungen, darunter der „New York Times“, besprochen worden. Derzeit bereitet Mounk eine deutsche Fassung vor, die frühestens im kommenden Jahr auf den Markt kommen könnte.

In seinem Buch nennt Mounk Namen, zum Beispiel von prominenten deutschen Juden, die er nicht immer nur positiv sieht, und von prominenten deutschen Zeitungsredakteuren, die ihn bei der Bewerbung für ein Praktikum auffällig außergewöhnlich behandelt haben sollen, und er nimmt auch sonst kein Blatt vor den Mund.

Über Mounk selbst und seine Erfahrungen erfährt der Leser allerdings vergleichsweise wenig, was schade, aber Absicht ist. Die Analyse steht im Vordergrund und die zieht sich von der direkten Nachkriegszeit bis hin zur Eurokrise. Das wirkt zwar meist kenntnisreich und gut recherchiert, aber auch ein wenig zu ausufernd und nicht wirklich nötig, um die Kernthesen des Buches zu stützen.

„Die Theorien von Herrn Mounk über die Auswirkungen der Nachkriegs-Scham auf Angela Merkels Management der Eurokrise hätte es nicht unbedingt gebraucht“, kritisierte auch die „New York Times“. „Das liest sich als wäre sein Doktoranden-Superego auf die Seiten geflossen.“ Auch Mounks Theorie, dass die Erfahrungen der Juden möglicherweise ähnlich denen der Afro-Amerikaner in den USA seien, lehnt die Zeitung ab. Insgesamt aber sei Mounks Debüt ein „in Teilen starkes Buch“.

Eine Lösung für das Problem des unnatürlichen Umgangs mit den Juden in Deutschland hat Mounk nicht. „Ich gebe offen zu, dass ich keine Lösung zu bieten habe. Das liegt daran, dass ich auch nach viel Nachdenken glaube, dass es keine einfache Lösung gibt.“ Trotzdem könnte sein Buch mit den vielen Anstößen zu Selbst-Reflektion und Diskussion ein hilfreicher Schritt auf dem langen Weg zur sicherlich von vielen Seiten sehnlichst erhofften natürlichen Normalität sein.

dpa

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