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Juli Zeh liest aus ihrem Roman "Unterleuten"

Roman und Wirklichkeit Juli Zeh liest aus ihrem Roman "Unterleuten"

Romanfiguren schreiben echte Bücher, fiktive Firmen werben mit echten Internetseiten - Juli Zeh hat rund um ihren neuen Roman "Unterleuten" eine kleine reale Welt erschaffen. Jetzt stellte sie ihren Roman auf der Cumberlandschen Bühne vor.

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Juli Zeh auf der Cumberlandschen Bühne.

Quelle: Kathrin Kutter

Hannover. Die Literaturkritiker hatten anderes zu tun. Als Juli Zehs Roman „Unterleuten“ vor zwei Monaten erschien, reagierte keiner auf das dem Roman vorangestellte Motto. „Alles ist Wille“ war da zu lesen. Geschrieben von einem Manfred Gortz.

Der taucht auch im Roman auf. Manfred Gortz ist der Verfasser des Ratgebers „Dein Erfolg“, den eine der Romanfiguren sehr ernst nimmt. Das Buch gibt es wirklich. Es ist bei Goldmann erschienen. Der Verlag gehört zu Random House, wie auch der Luchterhand Verlag, bei dem Juli Zehs „Unterleuten“ erschienen ist.

Eigentlich, sagt Juli Zeh, hätte die Literaturkritik reagieren müssen. Eigentlich hätte jemand diesen Manfred Gortz googlen müssen. Eigentlich hätte jemand diesen Ratgeber mit dem Roman vergleichen müssen. Aber die Literaturkritiker hatten anderes zu tun. „Die haben alle ihre Hausaufgaben nicht gemacht“, sagt Juli bei ihrer Lesung, die die Buchhandlung Decius wegen des großen Publikumsandrangs auf die Cumberlandsche Bühne des Staatstheaters verlegt hatte.

Vielleicht war das Motto auch einfach nicht interessant genug. Jedenfalls wollte keiner auf der Verwirrspiel der Autorin eingehen. Es war nämlich so, dass Juli Zeh das Buch des erfundenen Manfred Gortz selbst verfasst hat. Der Ratgeber, den man tatsächlich kaufen kann, ist Realität gewordene Fiktion. Aber kein Literaturkritiker wollte der Autorin auf die Schliche kommen. „Ich habe mich gefühlt wie ein Kind, das sich im Garten versteckt, aber keiner kommt, um es zu suchen“, sagt sie.

Dann hat der Verlag reagiert und eine Mail an die Feuilletonredaktionen des Landes verschickt. „Jetzt ist's raus: Juli Zeh ist Manfred Gortz!“ trompetete die Presseabteilung und verriet, dass auch die Internetseiten des Vogelschutzbundes Unterleuten und der Windkraftanlagenfirma Ventodirect Wirklichkeit gewordene Erfindungen seien. Und dass auch die Speisekarte des Gasthauses „Märkischer Landmann“ eine Fälschung sei. Und der Literaturbetrieb? Der reagierte gelangweilt: Ach so? Juli Zeh hatte sich eigentlich mehr Wirbel versprochen.

Im Gespräch mit dem Journalisten Joachim Dicks auf der Cumberlandschen Bühne ging es viel um die Übergänge vom literarischen Leben ins wirkliche Leben; die Frage aber, warum eine Autorin diese ganze Mühe mit falschen Internetseiten, Speisekarten, Biographien und Büchern auf sich nimmt, wurde im Grunde nicht gestellt. Der Moderator gab sich mit Zehs Hinweis auf den Spieltrieb („Schabernack zu treiben gehört zu den positiven Aspekten des Dichterberufs“) zufrieden.

Vielleicht ist es doch nicht nur Spielerei, vielleicht ist es auch eine Investition in die Währung Aufmerksamkeit. Und vielleicht dient die intertextuelle Aufbrezelung auch dazu, Schwächen des Romans zu kaschieren. „Unterleuten“ ist ein 640 Seiten starkes Dorfporträt. Die Autorin beschreibt ein Kaff im Brandenburg. Sie las zwei Passagen: über eine Versammlung im „Märkischen Landmann“ bei der ein Investor ein Windenergieprojekt vorstellt, und eine eher private Szene, in der eine Pathologin über ihren Mann, einen Schriftsteller, nachdenkt, und in der sich das Verschwinden eines Kindes andeutet.

Das ist ganz unterhaltsam, am Ende auch recht spannend. Es klingt ganz elegant, aber… aber... aber es funkelt so selten. Es ist recht humorvoll, aber man muss nicht losprusten vor Lachen, es ist recht originell, aber man ist nicht erstaunt. Im Gespräch mit Joachim Dicks kommt Juli Zeh dann selbst auf diesen merkwürdigen Plauderton ihres Buches zu sprechen. Sie sagt: „Früher habe ich jeden Satz bis zum Erbrechen geprüft, ob er das sagt, was er sagen soll, heute bin ich da viel entspannter.“ Und: „Der Ehrgeiz wird schwächer, je älter man wird.“

Was aber auch ein bisschen schade ist.

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