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15:56 08.10.2015
Haltung im sakralen Raum: Die Orthesen-Schau „Skoliose“ in der Marktkirche. Quelle: Petrow
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Hannover

Sie kennt das Prinzip aus der eigenen Biografie: Der Körper wird in eine „normale“ Form gezwängt. Das hilft beim „gesunden“ Wachstum. Die Künstlerin, die gerade ein Lehramtsstudium an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig abgeschlossen hat, will, dass sich das Publikum auf ihre Objekte konzentriert. Und die Körper. Schließlich geht es um Schönheit, Mode, Norm und Funktion.

Dass das im sakralen Raum der Marktkirche anders ablaufen würde als in ihrer Prüfung an der Hochschule, war schnell klar. Pastorin Hanna Kreisel-Liebermann hatte im Vorfeld durchaus Bedenken. Nicht so sehr wegen der Nacktheit. Die gehöre doch zur Religion, müsse in einer Kirche Platz finden können. Die Schaulust war das Problem, erzählt Lea Hageroth. Der schmale Grat zwischen Provokation und Spektakel. Die Sorge, das Eröffnungspublikum der „Kestnerschau“ könnte allzu jovial reagieren, erwies sich allerdings als unbegründet.

Vielmehr reichte für viele doch schon die Nacktheit aus, um den Atem anzuhalten. Mancher wusste nicht, wohin mit den Blicken. Offene Entrüstung äußerte niemand. Aber peinlich berührt waren wohl einige, die verunsichert den Blick starr nach vorne richteten, in Richtung Altarraum. Nur nicht den Nackten hinterherschauen. Nicht öffentlich. Nicht in einer Kirche.

Unter Veit Görner, Direktor der Kestnergesellschaft von 2003 bis Ende 2014, haben sich die Begriffe im Kunsthaus etwas verschoben. Volontäre hießen von Beginn ihrer Ausbildung an Kuratoren. Mit dem Titel war ein Mehr an Arbeit, Verantwortung und Erfahrungen verbunden. Von außen sah das immer ein wenig nach einem Marketingtrick aus, nach einer wundersamen Vermehrung des Personals. Andererseits schien es aufrichtig, Positionen nach der jeweiligen Tätigkeit zu benennen.

Die Praktikanten wiederum sind seit damals im interdisziplinären „Kestnerlabor“ zusammengefasst. Bereits zum vierten Mal wurden einige von ihnen jetzt im Rahmen der „Kestnerschau“ in der Marktkirche zu nahezu eigenverantwortlichen Ausstellungsmachern. Zu Kuratoren.

Der Zusammenhang entscheidet über Perspektiven und Zuweisungen. Das ist nicht nur bei Tätigkeitsbezeichnungen so. Die Kirche als Institution und Raum ist ein sehr dominanter Bezugsrahmen. Manchmal muss ein Kontext inszeniert werden, betont oder vermittelt. Manchmal jedoch ist er um so stärker, wenn sich die Dinge subtil ineinander oder übereinander schieben.

Die Begegnung von Kunst und Kirche hat eine Geschichte, in der die Kunst meist beauftragt wurde. Als Schmuck, zur Anschauung, Besinnung oder auch zur Einschüchterung. Die Eröffnung der „Kestnerschau“ kam einem Gottesdienst gleich. Sie war reich an pastoralem Pathos und wohlmeinenden Superlativen.

Es ist ein Erfolg für die jungen Kuratoren wie auch für die jungen Künstler, Studenten und Absolventen der Kunsthochschule Braunschweig, dass die präsentierte Kunst sich in ihrer Lebendigkeit und Eigenständigkeit in der Kirche zu behaupten vermag. Und dass sie sich nicht von der Kirche instrumentalisieren lässt.

Die Ausstellung mit dem Titel „Die Dinge, das sind die Anderen“ zeigt Erhellendes, Verstörendes und Ergreifendes. Sara Wieckenberg lädt zum Beispiel ein, ihr im Video beim trotzigen Scheitern an einer präparierten Treppe zuzusehen. Alina Erdmann reduziert in ihrer Installation Konsumversprechen auf Lebensentwürfe. Enric Fort Ballester entdeckt die „Freiheit“ des Geldes in einer überraschenden Fotografie.

Christina Végh, seit wenigen Monaten neue Direktorin der Kestnergesellschaft, kündigte an, sie werde am Modell „Kestnerschau“ festhalten. Das Potential junger Perspektiven spricht dafür.  Auch wenn bei Görners Nachfolgerin die alten Hierarchien wiederhergestellt sind, Kuratoren Kuratoren heißen und Volontäre Volontäre. Am Ende entscheiden eben die Kontexte.

Am Mittwoch, 9. September, findet um 17 Uhr eine Kuratorenführung statt, am 23. September um 20 Uhr ein Stadtrundgang mit Vertretern der Zentralen Koordinierungs- und Beratungsstelle für Opfer von Menschenhandel Kobra.

Von Thomas Kaestle

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