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00:15 25.10.2015
Auftritt des Horror-Zirkus: Regisseur Erik Ulfsby versetzt die Geschichte vom Struwwelpeter in die Manege.   Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Das Zubehör für den Terror stampft als knapp sechs Meter großer Elefant auf die Bühne. Von seinem Nacken aus winkt der Zirkusdirektor, eine Schar Mimen in weißen Strampelanzügen hüpft hinterher. Musiker spielen auf Tuba, Akkordeon und Ukulele ein fröhliches Lied, doch hinter der bunten Fassade lauert schon der Wahnsinn.

Im Originalmusical „Shockheaded Peter“ der britischen Theatermacher Phelim McDermott und Julian Crouch leiden und sterben Struwwelpeter, Paulinchen und der Suppenkasper in einem düsteren viktorianischen Wohnzimmer. Für Regisseur Erik Ulfsby, der jetzt das auf dem Kinderbuchklassiker „Der Struwwelpeter“ basierende Musical für das Staatstheater Hannover inszeniert, ist das noch nicht genug. Er will eine paranoide, übertriebene Grundstimmung schaffen und versetzt den Plot daher in die Glitzerwelt des Zirkus. „Das ist genau die Art von verrückter Umgebung, die das Stück braucht“, erklärt Ulfsby seine Idee. „Zirkus ist völlig überdreht und auch ein bisschen heimtückisch - wie eine Geisterbahn.“ Außerdem habe der Riesenelefant, der eigentlich ein verkleidetes Elektroauto ist, auch einen praktischen Nutzen: Er birgt alle Requisiten für das Stück.

In seiner Heimatstadt Oslo konnte Ulfsby mit seinem Zirkus des Grauens schon punkten. Etwa zwei Jahre lief seine Version von „Shockheaded Peter“ am Det Norske Teatret, an dem Ulfsby Intendant ist. Rund 40 000 Besucher wollten das Stück sehen. Obwohl die meisten die literarische Vorlage vermutlich nicht kennen. Denn „Struwwelpeter“ ist in Norwegen kaum bekannt. Auch Ulfsby hat das Buch erst gelesen, nachdem er das Skript zu „Shockheaded Peter“ studiert hatte.

Wenn Ulfbys Zirkus am 31. Oktober zum ersten Mal auf die Bühne im Schauspielhaus Hannover marschiert, wird das anders sein. Denn in Deutschland ist das Buch, das der Arzt Heinrich Hoffmann 1844 als Weihnachtsgeschenk für seinen Sohn schrieb und zeichnete, noch heute ein vielgelesener Klassiker.

Und auch die veränderte Version, die McDermott und Crouch 1998 als „Junk-Opera“ mit dem Titel „Shockheaded Peter“ für die Bühne adaptierten, ist in Deutschland schon lange erfolgreich. Düsterer und gruseliger wurden die Schicksale vom kleinen Konrad, dem die Daumen abgeschnitten werden, oder der bösen Buben, die gern den frommen Nachbarn drangsalierten. Was im Buch noch mit erhobenem Zeigefinger in Kombination mit einem Augenzwinkern erzählt wird, mutiert auf der Bühne zu blutigem Ernst, der meist tödlich endet. Dazu komponierte die Band The Tiger Lillies Lieder im Stil des Bänkelgesangs, der im Mittelalter Neuigkeiten von Verbrechen unters Volk brachte.

„,Shockheaded Peter‘ ist kein Stück für Kinder“, sagt auch Regisseur Ulfsby. Seine Inszenierung stellt sich zudem auf die Seite der Eltern, die unter den Launen ihrer Kinder leiden. „In Norwegen trug das Stück den Untertitel ,Zehn gute Gründe, keine Kinder zu bekommen‘“, sagt Ulfsby. Hat er denn kein Mitleid mit den aufsässigen Helden, die für ihren Trotz mit dem Leben bezahlen müssen? „Persönlich liebe ich rebellische Kinder“, sagt Ulfsby. Aber die moderne Gesellschaft gebe dem Nachwuchs zu viele Freiheiten. „Es herrscht eine Infantilisierung. Kinder dürfen heute alles, es gibt kaum noch Grenzen.“ Seine Inszenierung solle deshalb auch eine Art humorvoller Zeigefinger für Eltern sein. Nach dem Motto: „Ich hab’s euch ja gesagt.“ Was nicht heißen soll, dass Kinder der Inszenierung fernbleiben müssen. „Meine zwölfjährigen Söhne haben das Stück mehrfach gesehen und sie fanden es toll“, sagt Ulfsby.

Auch Hannovers Theaterintendant Lars-Ole Walburg war von Ulfbys „Shockheaded Peter“ angetan, als er im Februar am Norske Teatret Brechts „Mutter Courage“ inszenierte. Kurzerhand lud er Ulfsby zum Gastspiel nach Hannover ein. Hier entsteht der Zirkus des Grauens nun mit deutschen Schauspielern. Auch der Bänkelgesang ist ins Deutsche übersetzt worden, damit die Zuschauer die zehn Geschichten besser verstehen. Für Ulfsby durchaus eine Herausforderung, obwohl er das Stück auswendig kennt. „Es gibt mir aber die Möglichkeit, Schwächen der ersten Inszenierung auszuräumen.“ Zudem fühle er sich mit dem Thema wohl. „Ich mag völlig übertriebene Geschichten, in denen auch Leute sterben. Die sind wie gemacht für die Bühne.“ Realitätsnähe habe auf seiner Theaterbühne nichts zu suchen.

Die Premiere ist am 31. Oktober im Schauspielhaus. Vorab gibt es zwei Preview-Vorstellungen am 27. und 29. Oktober jeweils um 19.30 Uhr. Karten dafür kosten 15 Euro.

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