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Kabarettist Dietrich Kittner ist tot
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Hannoversches Urgestein Kabarettist Dietrich Kittner ist tot

Er begann mit einem "Studenten- und Dilletanten-Kabarett" in Göttingen und wurde zu einem der streitlustigsten Spötter und Politaktivisten des Landes. Jetzt ist der hannoversche Kabarettist Dietrich Kittner im Alter von 77 Jahren in seiner Wahlheimat Österreich gestorben.

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Der Kabarettist Dietrich Kittner ist im Alter von 77 Jahren gestorben.

Quelle: dpa

Hannover. Die Wut hält mich jung“, sagte der Kabarettist Dietrich Kittner, als er 70 Jahre alt wurde. Fünf Jahre später durfte er sich 2010 in das Goldene Buch der Landeshauptstadt Hannover eintragen und schloss mit den Worten: „Signieren ja. Resignieren nein.“ Das war das Motto seines Lebens, das am Freitagmorgen in seiner österreichischen Wahlheimat zu Ende gegangen ist. Wie seine Frau, Partnerin und Kampfgefährtin Christel Kittner, mitteilte, ist Dietrich Kittner sanft entschlafen und hatte keine Schmerzen.

Geboren wurde er am 30. Mai 1935 in Oels (Schlesien). Nach dem Krieg und der Flucht nach Westen besuchte der Sohn eines Zahnarztes und dessen Frau die Humboldtschule Hannover. Während seines Jurastudiums, das er später abbrach, gründete er 1960 in Göttingen das Kabarett „DIE LEID-ARTIKLER“. 1961 meldete er beim Ordnungsamt Hannover einen Gewerbebetrieb „zur Herstellung politischer Satire“ an – und wurde zu einem der streitlustigsten Spötter und Politaktivisten des Landes. Mehr als 40 Jahre lang prägte er den Kabarettstandort Hannover: 1961 gab er seinen erste Vorstellung im Künstlerhaus, weshalb er aus alter Verbundenheit seine Silvestervorstellungen immer dort spielte. Und seine Jahres-Abrechnung war jahrzehntelang Kult in Hannover. Weil Kittner gerne weit ausholte, besuchten Kenner gerne die Nachmittagsvorstellung, die er rechtzeitig beenden musste, um für die Abendvorstellung noch einmal antreten zu können. Kittner selbstkritisch: „So lange Reden gibt es nur noch bei Fidel Castro und bei mir.“

Kittner brachte es auf bis zu 220 Auftritte im Jahr

1963 traten die „Leid-Artikler“ im festen Haus in Hannover, dem Kabarett Mehlstraße, auf. Seit 1966 war Dietrich Kittner ausschließlich mit Soloprogrammen an festen Spielstätten in Hannover und auf Tourneen zu sehen: im Kabarett club voltaire (1968), im Theater an der Bult – tab (1975) und schließlich im Theater am Küchengarten, dem TaK, bis 2006. In seinen besten Jahren brachte er es auf 190 bis 220 Soloauftritte. Das brachte ihm den Deutschen Kleinkunstpreis, den Deutschen Schallplattenpreis und den Erich-Mühsam-Preis ein.

Mit Gasmaske am Kröpcke

Kittner provozierte nicht nur auf der Bühne, sondern gerne auch mit Aktionen. 1965 wurde er im Garten des hannoverschen Café Kröpcke mit NS-Luftschutzhelm und Gasmaske festgenommen, als er gegen die sogenannten Notstandsgesetze protestierte. Als Mitbegründer des Clubs Voltaire in Hannover 1968 und Mitinitiator der Aktion „Roter Punkt“ gegen Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr (1969 bis 1973) gewann er in seiner Heimatstadt Hannover auch über seine künstlerische Arbeit hinaus Popularität. Fast schon staatstragend war seine Teilnahme an der 13. Bundesversammlung, in die er 2009 vom Niedersächsische Landtag gewählt wurde: Er war dabei, als am 23. Mai 2009 in Berlin Horst Köhler zum Bundespräsident gewählt wurde.

Kittner, der Mitte der sechziger Jahre aus der SPD ausgeschlossen wurde, vertrat ein stark links orientiertes Kabarett, dessen Ziel er vor allem in der politischen Aufklärung sah. In den 1970er Jahren gehörte er mit Franz Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp und den Mitgliedern der Gruppe Floh de Cologne zu jenen Liedermachern und Kabarettisten, die kommunistische Positionen vertraten und den real existierenden Sozialismus in Osteuropa prinzipiell befürworteten. Zwischen 1973 und 1989 absolvierte er als einer von wenigen Westkünstlern auch mehrere große DDR-Tourneen. Für Günter Wallraff war Kittner „der Einzelkämpfer und Partisan, der sich wesentlich weiter vorwagt auf feindliches Terrain als alle etablierten – früher mal politischen – Kabaretts zusammen.“

Im öffentlich-rechtlichen westdeutschen Fernsehen hatte er seit 1973 quasi „Fernsehverbot“, aber das machte er durch seine flächendeckende Bühnenpräsenz, durch Bücher, Mitschnitte und DVDs wett. 1993 übergab Kittner die Leitung des bis dahin sechs Jahre durchgängig ausverkauften Theaters am Küchengarten (TaK) an eine GmbH. 2007 kam es wegen „unüberbrückbarer künstlerischer und organisatorischer Differenzen“ zum Bruch mit dem TaK. Schon 1990/91 hatte er sich entschieden, nach Österreich umzuziehen, und startete seine Deutschland-Tourneen von dort aus. Er mischte sich auch von dort aus entschieden ein. Wenn er und seine Christel sich nicht um ihren eigenen Wein kümmerten, dann zapfte Dietrich Kittner sein „Frustschutzmittel“ an: die Wut. Schmerzen

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Zum Tod von Dietrich Kittner

Dietrich Kittner hatte nicht nur treue Fans, sondern war auch für viele Kabarettisten ein Vorbild. Einer von ihnen ist Matthias Brodowy. Der hannoversche Pianist und Kabarettist, Jahrgang 1972, erinnert sich an den im Alter von 77 Jahren verstorbenen Kittner.

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