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Kalkofe: „Wer es nicht nötig hat, schaut nicht mehr fern“
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Interview Kalkofe: „Wer es nicht nötig hat, schaut nicht mehr fern“

Oliver Kalkofe über das Fernsehen, warum es ihn wütend macht – und über seinen Bühnenfreund Achim Mentzel. Ein Interview mit dem ehemaligen Hannoveraner.

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Oliver Kalkofe langweilt das aktuelle Fernsehprogramm.

Quelle: dpa (Archivbild)

Hannover. Herr Kalkofe, Sie touren mit dem Ost-Entertainer Achim Mentzel. Diese Beziehung hat eine lange Geschichte. Wann sind Sie einander zum ersten Mal begegnet?
Das hat in den Neunzigern angefangen. Ich habe ihn damals für „Kalkofes Mattscheibe“ entdeckt. Ich wusste nicht, dass es so eine Gestalt wie ihn überhaupt wirklich gibt, und habe ihn zuerst für eine Computeranimation gehalten. „Achims Hitparade“ und das gesamte MDR-Programm – das entdeckte ich alles damals zum ersten Mal, es war phantastisch! Dann habe ich ihn in der Mattscheibe dem West-Publikum vorgestellt, er wurde schnell zum Running Gag.

Und – hat er sich beschwert?
Nein, er hat übers Fernsehen zurückgegrüßt.

Wie das?
Achim hatte in seiner Sendung eine große Schultafel aufgestellt, auf der stand: „Kalki ist doof“. Da wussten wir, dass er Bescheid weiß! Daraus haben wir wieder eine Nummer gemacht und via Mattscheibe zurückgegrüßt. Das war die Erfindung des interaktiven Fernsehens.

Sind Sie Freunde geworden?
Es ist eine echte Männerfreundschaft. Da muss man sich nicht dauernd gegenseitig anrufen, sondern freut sich einfach, wenn man sich sieht. Ich habe sogar seine riesige Familie kennengelernt. Er hat ja acht Kinder von fünf Frauen und 34 Enkel oder so, über die Dunkelziffer will ich gar nicht reden ... Ich lerne jedes Mal neue Familienmitglieder kennen. Nein, im Ernst: Solche netten Menschen trifft man in der Branche nicht oft.

Im Moment sind Sie auf dem Bildschirm nicht so präsent ...
Wenn man gerade nicht im Fernsehen zu sehen ist, denken die Leute oft, man hat nichts zu tun. Dabei ist das die Zeit, in der man am meisten arbeitet. Wir bereiten gerade intensiv „Triple WiXXX“ vor (den dritten Teil der „Wixxer“-Filmreihe, d. Red.). Auch „ Kalkofes Mattscheibe“ soll weitergehen. Das ist viel Planung und Schreibarbeit, da schließt man sich komplett weg und sitzt fast nur am Schreibtisch. Hinzu kommt, dass beim Fernsehen Projekte immer wieder verschoben werden, was auch die Planung von Liveterminen schwierig macht. Man muss beim Fernsehen vor allem warten können. Das fällt schwer, wenn man eine gute Idee hat.

Ist das Fernsehen ein Kreativitätsgrab?
Im Fernsehen ist es mittlerweile fast unmöglich, kreative Ideen unterzubringen. Es gibt so viele gute Leute bei uns, Autoren, Schauspieler, Comedians. Aber wenn man zu einem Fernsehsender kommt mit dem Satz „Ich hab eine neue Idee“, wird man nicht mal reingelassen. Sondern nur mit Sätzen wie „Das ist ungefähr wie ...“ oder „Das hat im Ausland auch schon ...“

Wann hat das angefangen?
Im Grunde schon vor langer Zeit, aber in den letzten vier Jahren, seit die Wirtschaftskrise auch in den Medien zuschlug, haben die Privatsender ihre Fiction-Produktionen um etwa 80 Prozent runtergefahren. Privatsender funktionieren nur noch als Geschäftsmodell. Da ist kein Wunsch mehr, richtig Fernsehen machen zu wollen, sondern nur noch, finanziell erfolgreich zu sein.

Aber die Sender vermelden Gewinne.
Ja, aber die entstehen nur dadurch, dass man nichts mehr ausgibt. Wenn man das Programm so weit runterfährt und so billige Produktionen sendet, dass am Ende ein Plus übrig bleibt und die Aktionäre sich freuen, dann zerstört man damit langsam das Medium an sich. Die Öffentlich-Rechtlichen steuern nicht dagegen, sondern machen es nach und jagen jedem Trend hinterher, immer mit großer Entfernung. Es gibt zwar viele kleinere Sender, die gern ein gutes Programm machen würden, aber denen fehlt dann meistens das Geld. Es ist eine schwierige Phase.

Und es wirkt wie eine Abwärtsspirale.
Definitiv. Das Fernsehen spielt im Grunde schon keine große Rolle mehr, es zerstört seine eigene Relevanz. Die jüngere Generation wächst auf mit Fernsehen als einem Programm von vielen. Wer es nicht nötig hat, schaut nicht mehr fern, sondern nutzt den Fernseher als Abspielgerät. Was nicht kapiert wird: Alle Quellen sind abhängig von gutem Material! Was im Netz heruntergeladen oder gestreamt wird, sind meist tolle Serien und Filme, allerdings meist aus dem Ausland. Keiner zahlt für Müll.

Das Fernsehen hat keine absoluten Verkaufs- oder Downloadzahlen, sondern misst in repräsentativen Quoten. Ist das noch zeitgemäß?
Es ist totaler Blödsinn, aber leider die einzige Währung, die das Fernsehen anerkennt. Die Quote wird gemessen mit knapp 6000 Geräten, wobei das Fernsehen genutzt werden muss wie früher, also meist das Gerät im Wohnzimmer. Irgendjemand hat die Kiste immer an, dadurch gibt es auch immer einen Marktanteil, egal was läuft. Aufnahmen, zeitversetztes Sehen, Mediathek und alle anderen Wege werden nicht gemessen, aber gerade von Menschen, die sich noch für die Inhalte interessieren, werden diese Wege hauptsächlich genutzt. So ergibt sich eine endlose Absurditätenkette, das ist wie vergiftetes Futter fressen. Man müsste komplett umdenken und das System ändern, aber das will keiner. Das ist, als ob man eine Religion infrage stellte.

Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten?
Als Erstes würde ich jeden Redakteur und Programmverantwortlichen zwingen, sich das eigene Programm in voller Länge anzugucken. Die meisten schauen sich einen Großteil der Scheiße überhaupt nicht an, die sie verantworten, wie zum Beispiel fast das komplette Nachmittagsprogramm. Dann heißt es meist: „Klar, das kann man zwar nicht ertragen, aber die Leute wollen das ja.“ Eben nicht! Wenn die Redakteure ihr Programm selbst angucken müssten, würden sie sofort ein besseres machen, um nicht die eigene Lebenszeit damit zu verschwenden. 

Das wäre Ihr einziger Vorschlag?
Ich würde auch das Quotensystem brechen. Es ist allerdings schwer, gegen die Meinung anzugehen, die Quote hätte irgendeine Aussagekraft.

Was wird tatsächlich passieren?
Die großen Sender werden unbedeutender, das Fernsehen, besonders in Deutschland, wird an Relevanz verlieren. Kreativität wird aus den kleinen Sendern entstehen, aber nur in kleinen Schritten. Auch im Radio wird man übrigens merken, dass es nicht schadet, mal wieder in ganzen Sätzen zu sprechen. Aber wie gesagt: Qualität kostet auch Geld.  

Das klingt enttäuscht bis wütend.
Ja! Denn ich bin ja Fan des Fernsehens. Und wenn man dann merkt, wie banal alles wird und für wie blöd man gehalten wird, dann werde ich ehrlich wütend.

Geht Ihnen das beim Radio genauso?
Absolut! Ich war ja bei ffn damals. Da arbeiteten jede Menge Verrückte, die wirklich Radio machen wollten – und heraus kam ein phantastisches Programm, das war eine wunderbare Zeit, für uns wie auch für die Hörer. Bis das seelenlose Formatradio übernahm. Da kann man schon mal melancholisch werden.

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