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Kultur Kappacher mit Georg-Büchner-Preis geehrt
Nachrichten Kultur Kappacher mit Georg-Büchner-Preis geehrt
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20:44 31.10.2009
Der österreichische Schriftsteller Walter Kappacher. Quelle: ddp

„Sollen wir nicht vorher eine Pause machen?“, fragt der 71-Jährige, nur halb im Scherz wie es scheint. Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung lacht und drückt Kappacher die Urkunde für die bedeutendste Literaturauszeichnung Deutschlands in die Hand.

In dem kurzen Text auf der Urkunde wird der österreichische Schriftsteller als „poetischer Realist“ gewürdigt, in dessen erzählerischem Werk die Stille hörbar werde. Die einer großen Tradition verbundene Genauigkeit des melancholischen Blicks auf Welt und Menschen verweigere falschen Trost und wirke gerade deshalb tröstlich, heißt es weiter. Die Literatur von Kappacher wird gern als leise bezeichnet, auch er selbst strahlt Ruhe aus - ein schlanker Herr im grauen Anzug und mit sorgsam gekämmtem Haar. In seiner Dankesrede gibt Kappacher einen Einblick in sein Leben.

Der Autor berichtet von seiner Kindheit in Salzburg, davon, wie in einem frostigen Winter im Schlafzimmer einige Scheiben fehlten und er fast an Keuchhusten gestorben wäre. Er schildert, wie er eine Lehre als Motorradmechaniker absolvierte und bald danach das Interesse verlor. Wie er das Theater für sich entdeckte und eine Schauspielschule besuchte. Dabei beschreibt er sich als Außenseiter, spricht von „feinen jungen Damen und Herren“, deren wohlklingendes Hochdeutsch er bewundert habe.

Ernüchtert sei er nach Hause zurückgekehrt. Er sei ratlos gewesen: Keine Freunde, keine berufliche Zukunft, keinen Lebensweg vor Augen. „Es war die Literatur, die mir Halt gegeben hat, mir ein Dach über dem Kopf war“, betont Kappacher. Zwei Bücher seien für ihn wegweisend gewesen, als er mit dem Schreiben begonnen habe: Kafkas „Prozess“ habe ihm deutlich gemacht, dass der Protagonist kein Held sein müsse, der Abenteuer zu bestehen habe, kein Liebesdrama. Und der Essay „Der Erzähler“ von Walter Benjamin habe ihm aufgezeigt, dass man nicht unbedingt auf einer Universität gewesen sein müsse, um das Recht zum Schreiben zu erhalten.

Zwischenzeitlich verdiente Kappacher seinen Lebensunterhalt in einem Reisebüro, doch das Schreiben wurde für ihn immer wichtiger. Ab 1967 veröffentlichte er Kurzgeschichten, 1975 erschien sein erster Roman „Morgen“. Drei Jahre später wagte er den Schritt und arbeitete fortan als freier Autor, zuletzt erschienen von ihm die beiden Romane „Selina“ (2005) und „Der Fliegenpalast“ (2009).

In seiner Laudatio berichtet der Schriftsteller Paul Ingendaay, wie er das Manuskript zum „Fliegenpalast“ mit ein paar Zeilen des Lobs an ihm persönlich bekannte Lektoren geschickt habe. Das Wort Lob greife dabei zu kurz. „Ich halte den ’Fliegenpalast’ für einen literarischen Glücksfall und eines der herausragendsten Bücher der letzten Jahre“, betont er. Das Werk sei ein kluger, lange nachklingender Roman über den Riss, der durch ein Künstlerleben gehe. Auch die Lektoren hätten einhellig geantwortet, dass es sich um ein wunderbares Buch handele. Leider, so hätten sie kleinlaut hinzugefügt, müssten Bücher auch verkauft werden, und das ändere das Bild.

Er habe die Welt nicht mehr verstanden, sagt Ingendaay: „Denn es schien sich zu bewahrheiten: Wenn die Leute ’Kunst’ wittern, laufen sie davon. Literatur als ’Kunst’ ist ein Ladenhüter.“ Zum Glück habe sich bald ein anderer Verlag gemeldet und der Höhenflug des Romans habe begonnen. Die Kritiken seien phänomenal gewesen. Es habe sich wiederholt, was zuvor bereits mit dem Roman „Selina“ geschehen sei: „Es gab keine Misstöne, nur Staunen und Begeisterung über Walter Kappachers Kunst.“ Ingendaay dankte der Jury für ihren Mut und ihre Klarsicht. Sie habe für die lesende Öffentlichkeit gesprochen, nicht für die rechnende.

Als sich Kappacher am Ende der Veranstaltung für den mit 40.000 Euro dotierten Preis bedankt und tosender Beifall losbricht, verbeugt er sich wie ein Theaterschauspieler nach dem Finale - und lächelt glücklich.

ddp

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