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Kultur Raus mit Applaus im Opernhaus?
Nachrichten Kultur Raus mit Applaus im Opernhaus?
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00:15 29.06.2016
Von Stefan Arndt
„Sie bleiben mir immer in Erinnerung und im Herzen“: Karen Kamensek verabschiedet sich aus Hannover. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Da hat sie noch einmal alle um die Finger gewickelt. Das heißt, eigentlich wickeln sich die Zuhörer beim Konzertfest zum Abschied von Hannovers Generalmusikdirektorin Karen Kamensek im seit Langem ausverkauften Opernhaus sogar selbst um die Finger: Beim letzten Stück hat sich der ganze Saal erhoben, und das sonst eher distinguierte Opernpublikum tanzt, einander am kleinen Finger umschlingend, höchst ausgelassen zu den aufreizenden Rhythmen keltischer Blockflötenklänge. Dann marschiert am hinteren Bühnenrand auch noch eine Dudelsackgruppe auf – die Begeisterung im Saal kennt jetzt keine Grenzen mehr. Mittendrin steht Kamensek auf dem Dirigentenpodest und wagt sichtbar glücklich und bewegt ein paar Tanzschritte. Viel mehr zu tun hat sie ja auch nicht - das Orchester sorgt nur noch für beiläufigen Klanghintergrund.

Kamensek hat sich mit diesem Programm und vor allem mit der Zusammenarbeit mit dem spanischen Folkmusiker Carlos Núñez und seiner Band einen Herzenwunsch erfüllt. Das Konzert sei ihr Abschiedsgeschenk an das Publikum und die Musiker, sagt sie, als sie kurz vor Schluss zum ersten Mal selbst das Mikrofon ergreift. An der exponierten Stelle des letzten Auftritts überreicht, ist dieses Geschenk ein deutliches, zweischneidiges Statement.

Zum einen ist es natürlich ein Ereignis, wenn ein Sinfonieorchester Folkmusikern von der überragenden Qualität eines Carlos Núñez die große Bühne bereitet. Mit Breitwand-Streicherklang und dunkel dräuenden Akkorden der Hörner wirken die keltischen Weisen, die der Spanier auf Flöte und Dudelsack vorträgt, noch ein bisschen mitreißender und noch mehr zu Herzen gehend. Und nicht alle Tage erlebt man einen Solisten wie den kanadischen Geiger Jon Pilatzke, der so spielt und sich verhält wie David Garrett auf Drogen. Mit seiner grell gemusterten Karohose, mit seinen wilden Tänzen und Schreien ist er ein Sinnbild für den frischen Wind, der in klassischen Konzerten immer wieder eingefordert wird. Natürlich ist das schräg. Aber Spaß macht es schon.

Man kann sich angesichts dieser mit voller elektronischer Verstärkung wie entfesselt aufspielender Band aber auch fragen, warum überhaupt ein Orchester zugegen sein muss. Während andere Chefdirigenten zum Ende ihrer Amtszeit gern noch einmal alle Kräfte ihres Hauses bündeln, um Solisten, Chöre und Orchester in einem möglichst großsinfonischen Werk glänzen lassen, hat Kamensek sich nach fünf Jahren am hannoverschen Opernhaus für das Gegenteil entschieden: Abgesehen von ein paar Showstücken von Leroy Anderson sieht sich das in starker Besetzung angetretene Niedersächsische Staatsorchester in der Rolle einer Begleitcombo. Nicht jedem im Orchester scheint das zu gefallen: Der Unmut ist einzelnen Musikern deutlich ins Gesicht geschrieben.

Und auch wenn die Gründe dafür vielleicht nichts mit der Person Kamenseks zu tun haben: Es wirkt geradezu unhöflich, wenn das Orchester beim letzten Zusammentreffen mit seiner Chefin mit einem Gast als Konzertmeister spielt: Die Dirigentin muss so nach jedem Stück einem fremden Mann die Hand reichen. Und auch der Beifall für die Leiterin, den mindestens einmal zu spenden statt sich selbst zu erheben bei Orchestermusikern eigentlich Konvention ist, bleibt am Sonnabend aus. Die Liebe, die Kamensek in ihrer Ansprache noch einmal beschwört, ist zwischen diesen Musikern und ihrer Dirigentin offenbar abgekühlt. So schön dieser außergewöhnliche Abend war: Für Kamensek war es wohl auch höchsten Zeit zu gehen. Schade für alle Beteiligten.

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