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„The Forbidden Zone“ Zwischen den Welten

Livefilm und Bühnenspiel: Die britische Regisseurin Katie Mitchell zeigt die Multimediaproduktion „The Forbidden Zone“ in Salzburg. Auf einer Leinwand ist das Ergebnis als einfühlsamer Film zu sehen.

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Räume ohne vierte Wand, doch mit Leinwand, Kameras und Filmprojektion: Katie Mitchell bringt in Salzburg ein filmisches Spektakel auf die Bühne.

Quelle: Stephen Cummiskey

Salzburg. Clara Immerwahr ist die erste deutsche Frau mit einem Doktortitel im Fach Chemie. Sie erschießt sich im Jahr 1915 – einen Tag, nachdem ihr Mann Fritz Haber das von ihm erfundene Giftgas im Krieg gegen die französische Armee einsetzte. Ihre Enkelin Claire Haber, ebenfalls Wissenschaftlerin, nimmt sich 1949 auf einer öffentlichen Toilette in Chicago das Leben, weil die Familienschuld sie nicht loslässt. Der junge britische Dramatiker Duncan Macmillan verwebt die Geschichten dieser zwei historischen Figuren in seinem Stück „The Forbidden Zone“ mit dem fiktiven Schicksal einer Krankenschwester, die ihren Geliebten und Soldaten im Ersten Weltkrieg durch einen Giftgasangriff verliert und in den vierziger Jahren mit Claire in einem Labor in Chicago zusammenarbeitet. Die Ältere wird Mentorin der Enkelin des Wissenschaftlers, der für den Tod des Mannes verantwortlich ist – eine spannende Konstellation.

Die Uraufführung des Stückes bei den Salzburger Festspielen gestaltet die britische Regisseurin Katie Mitchell auf der Perner-Insel als Livefilm. Sie ist mit diesem Gestaltungsprinzip zum Star geworden: Mit choreografischer Feinmechanik wird das Bühnenspiel wie eine Livefußballübertragung zusammengeschnitten. Auf einer Leinwand ist das Ergebnis als einfühlsamer Film (Bildregie: Leo Warner) zu sehen. Das Bühnenspiel bricht dabei die Illusion fortwährend. Das ist ein reizvoller Effekt. Die Faszination speist sich aus der Präzision, mit der eine ganze Horde von Kameraleuten Bilder aus verschiedenen Perspektiven aufnimmt, die nahtlos ineinandergreifen.

Die Bühne (Lizzie Clachan) wird von einer Straßenbahn beherrscht, die mit ihren flirrenden Lichtern und den Fahrgeräuschen eine eigentümliche Atmosphäre erzeugt. Die Bahn ist ein starkes Bild dafür, dass die Figuren sich zwischen den Zeiten (und Weltkriegen) befinden, zwischen den Orten (Deutschland und den USA) und zwischen allen Stühlen. Die Bahn ist ein Raum der Reflexion: Während die Kamera auf die verängstigten Augen von Jenny König (Claire) hält, werden als hörbar gemachte Gedanken Sätze aus Texten von Virginia Woolf, Simone de Beauvoir, Hannah Arendt und Mary Borden eingespielt. Aus den Erinnerungen dieser amerikanischen Krankenschwester stammt auch der Titel „Die Verbotene Zone“. Die Texte kreisen um die zentrale Frage: Wären Frauen an der Macht, würde es Vernichtungskriege geben?

Auch Luigi Nonos Oper über die Geschichte des Kommunismus, „Al gran sole“, beleuchtete Mitchell 2009 bei den Salzburger Festspielen aus der Perspektive der fünf Frauengestalten. Eine so alltägliche Handlung wie Brotschneiden wurde – wiederum live abgefilmt und auf eine Projektionswand überspielt – zur revolutionären Handlung. In der Berliner Schaubühne behandelte die Regisseurin in „Die gelbe Tapete“ (2013) das Thema postnatale Depression. Ihre Filmtechnik und der Zoom auf Gesichter, Augen und zitternde Hände ermöglichen ihr einen tiefen Einblick in die Seele ihrer Protagonistinnen.

Wozu dann noch Theater? Das Bühnenspiel bleibt essenziell für Mitchells Arbeit, übrig bliebe andernfalls nur ein x-beliebiger Film. Theater als Making-Of. Das fesselt, man kann sich aber vorstellen, dass das wiederkehrende Film-Prinzip beim fünften Mitchell-Abend zu langweilen beginnt. Zu „The Forbidden Zone“ passt es insofern, als es auch im Stück um (wissenschaftliche) Genauigkeit und die Erforschung technischer Möglichkeiten geht.

Dass die Regisseurin auch ohne Video inszenieren kann, bewies sie 2013 an der Schaubühne Berlin – ebenfalls mit einem Stück von Duncan Macmillan. Seine Tragikomödie „Atmen“ über den Kohlendioxidausstoß des Einzelnen illustrierte sie mit Schauspielern, die während des gesamten Abends fahrradfahrend Strom erzeugten. Für ihr Stück in Salzburg spendete das Publikum lärmenden Beifall samt Fußtrommeln.

Die Koproduktion „The Forbidden Zone“ ist vom 28. August an auch an der Berliner Schaubühne zu sehen.

Von Nina May

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