Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Kelly Family vereint Rock und Kitsch in der Tui-Arena
Nachrichten Kultur Kelly Family vereint Rock und Kitsch in der Tui-Arena
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:27 26.02.2018
Feuer im Programm: Die Kelly-Family in der Tui-Arena.  Quelle: Christian Behrens
Anzeige
Hannover

  Das Logo der Kelly Family leuchtet auf einem Bildschirm über der Bühne der TUI-Arena in den altvertrauten Regenbogenfarben. Schon bevor das Konzert beginnt, wedelt das Publikum enthusiastisch mit leuchtenden LED-Stäben, die von Händlern in der Arena angeboten werden. 

Die Kelly Family ist also wieder da. Und wie. Schon das erste Konzert der aktuellen Comeback-Tournee in Dortmund, das im Mai letzten Jahres stattfand, war innerhalb von 18 Minuten ausverkauft. Die folgenden Konzerte in Köln, Halle und Stuttgart konnten ebenfalls einen großen Andrang verzeichnen, und Hannover bildet da auch keine Ausnahme.

Endlose Liebe

Schon beim ersten Lied, „I can‘t stop the love“, singen die Fans in der fast ausverkauften Tui-Arena mit, wabern die Leuchtröhren zusammen mit den zahlreichen Handy-Bildschirmen vor sich hin. Die Bühne schlingt sich vor drei Bildschirmen als ausladender runder Steg ins Publikum und um es herum. Die Kellys haben seit ihren Zeiten als Straßenmusiker nie den Hang abgelegt, möglichst dicht am Publikum sein zu wollen. „Hannover hat viele Erinnerungen für uns“, sagt John, „gerade damals auf der Straße haben wir hier sehr oft gespielt. Ihr habt uns sehr unterstützt.“

Zur Galerie
Die Kelly Family spielt in der Tui-Arena.

Es geht bei dem Konzert, wie schon auf dem Höhepunkt des Erfolges der musizierenden Großfamilie Mitte der Neunzigerjahre, um mehr als Musik. Der Grunge lag in den Todeszuckungen, der Techno befand sich auf dem Vormarsch. Und die Kelly Family wirkte mit ihrem irisch angehauchten Weltmusik-Folk und Second-Hand-Hippietum wie ein Phänomen, das nicht in die Zeit passte. Genau wie ihre Fans, die damit allerdings auch ein wenig Teil der Großfamilie wurden. 

Das wird immer wieder deutlich, wenn Kathy während des Konzertes Geschichten aus dem Familienleben erzählt, nicht als sei man auf einem Konzert, sondern bei einem jährlichen Weihnachtstreffen mit der Familie, bei dem man sich auf den neuesten Stand bringt. Oder auch einfach mal Liebe bekundet, wie beim Song „We got love“, bei dem eine „Kiss-Cam“ Menschen aus dem Publikum einfängt. „Wenn ihr auf der Kamera seid“, sagt Jimmy „zeigt doch einfach mal, wieviel Liebe ihr habt und knutscht euren Nächsten.“ 

Immer wieder Kitsch

Die Comeback-Tour der Kelly Family kommt zu einem guten Zeitpunkt: Die ganzen damals für ihre musikalischen Vorlieben verlachten Fans sind jetzt zahlungskräftigere Mittdreißiger, die vielleicht auch die bedeutend kleinere Welt der Mitte der Neunzigerjahre mit Nostalgie betrachten, ebenso wie das Zusammengehörigkeitsgefühl der erweiterten Kelly-Family-Pachtworkfamilie. Dazu passt auch, dass im März 2017 das neue Album „We got love“ veröffentlicht wurde, das nur wenige neue Lieder enthält, sondern hauptsächlich neue Versionen alter Hits. Paradoxerweise sind die Kellys aber mit dem Album und ihrer Comeback-Tour in Zeiten umfassender 90er-Jahre-Nostalgie vielleicht sogar zeitgemäßer, als sie es je vorher waren. 

Dabei ist – das zeigt sich vor allem im Akustik-Teil des Konzertes kurz vor der Pause – die Musik der Kelly Family immer Kitsch. Kitsch, wie der akustisch gespielte Song „La famille est une chanson“, Kitsch aber auch wie vorher „First Time“, in dem sich über die Textzeile „Open your heart / and give it to me“ eine triefend vor sich hinmäandernde Flöte legt, oder die aalglatten Schunkel-Höhen, in die sich der Refrain von „An Angel“ aufschwingt, das vom Publikum komplett mitgesungen wird.

Die Kellys sind erwachsen geworden

Gleichzeitig wird es manchmal auch durchaus rockig: Bei „Why, Why, Why“ wummst sich Joey Kelly an einer E-Gitarre durch ein Solo. Bei allem Spott über die „singende Altkleidersammlung“ und aller Kritik an dem 2002 verstorbenen Familienoberhaupt Dan Kelly, dem vorgeworfen wurde, als Familientyrann geherrscht zu haben, war es immer so, dass die Kelly Family musikalisch nie angreifbar war. Die Musik mag kitschig sein, aber es ist – das zeigen die sieben der ursprünglich elf Kellys auch live – handwerklich ausgezeichnet gemachter Kitsch, der auf jahrelanger Praxis und strenger Ausbildung basiert und sich abwechslungsreich an unterschiedlichsten Einflüssen bedient. 

Die Kellys wirken auf ihrem Konzert jedenfalls gefestigter als sie es je waren. Angelo, Jimmy, Joey, John, Kathy und Patricia (unterstützt bei einigen Songs von Paul Kelly, der die Band Mitte der Achtziger verließ) sind erwachsen geworden, so dass sich das Fremdschämen in Grenzen hält. Die hüftlangen Haare sind größtenteils ab, und die Kleidung stammt nicht mehr aus den Kleiderhaufen, die jemand neben dem Flohmarkt vergessen hat. Das Publikum taucht im Regenbogenlicht willig und mit Elan in seine eigene Vergangenheit ein, und die Musik, ja, die Musik ist auch vorhanden.

Von Jan Fischer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Eine Begegnung mit Darsteller-Favorit Franz Rogowski – und ein Festival im Schatten von „MeToo“: Bei der Berlinale wird das Fell des Bären verteilt. Dabei dürften auch deutsche Filme ein Stück abbekommen.

23.02.2018

Ein Bild, das den türkischen Präsidenten Erdogan mit einer Banane im Gesäß zeigt, hat im Rahmen einer Kunstmesse für Diskussionen gesorgt. Nach lautstarken Protesten hat sich ein Galerist dazu entschlossen, das Werk nicht weiter auszustellen. Der Künstler ist empört.

23.02.2018

Korruption ist gegenwärtig Rumäniens größtes Problem. Die Schriftsteller verlieren in ihren Geschichten kaum ein Wort dazu, im persönlichen Gespräch aber schon. Ein Besuch im Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse.

26.02.2018
Anzeige