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Kultur Kestner Museum zeigt verlorengegangene Ägypten-Objekte
Nachrichten Kultur Kestner Museum zeigt verlorengegangene Ägypten-Objekte
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15:45 17.02.2014
Die Ausstellung zeigt Fotos, Karteikarten und Vergleichsobjekte zu den im Krieg verschollenen Stücken aus der Ägypten-Sammlung des Kestner-Museums. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Die türkisblaue Perle war nur neun Millimeter groß, doch ihre Bedeutung war gewaltig. Eine winzige, eingeschnittene Inschrift erwähnte die ägyptische Königin Hatschepsut. Damit war klar, dass sie aus dem 16. Jahrhundert v.  Chr. stammen musste. Sie war das älteste datierbare Glasobjekt der Weltgeschichte – und wäre heute eines der Glanzstücke im Museum August Kestner. Doch alles, was dort noch von ihr zeugt, ist eine schlichte Karteikarte mit dem Stempel „Durch Feindeinwirkung vernichtet“.

Die Ägypten-Sammlung des Museums traf es besonders hart: Genau 734 Exponate, fast ein Drittel des Bestandes, gingen im Krieg verloren – Reliefs, Statuen, kostbare Skarabäen. Bei der Antikensammlung waren es nur sechs Prozent. Die Ausstellung „Lost!“ zeigt im Kestner-Museum jetzt, was im Grunde nicht mehr gezeigt werden kann: Sie stellt mittels eindrucksvoll inszenierter Karteikarten und Fotos die verlorenen Stücke aus Ägypten vor. Die Geschichte, die sie dabei erzählt, ist spannend wie ein Krimi – und sie ist möglicherweise noch nicht zu Ende. „Wir hoffen, dass sich jetzt einige Stücke wieder auffinden“, sagt Museumsdirektor Wolfgang Schepers.

Unbegründet ist diese Hoffnung nicht: Im Jahr 1935 kaufte das Museum zu den bereits vorhandenen 1000 ägyptischen Exponaten noch rund 1500 Stücke aus der Sammlung des Münchener Ägyptologen Friedrich Wilhelm Freiherr von Bissing an – zum Schnäppchenpreis von nur 65.500 Reichsmark. Die Neuerwerbungen wurden seinerzeit nicht nur in einer opulenten Ausstellung gezeigt, sondern auch gleich auf Glasnegativen fotografiert. Der Ausstellungskatalog zeigt nun viele dieser Aufnahmen, die den Krieg im Museumsarchiv überstanden haben – und er enthält eine CD mit den alten Karteikarten, auf denen die verschollenen Stücke beschrieben sind. „Wir stellen damit Forschern in der ganzen Welt alle Quellen zur Verfügung, die wir selbst haben“, sagt Museumsägyptologe Christian E. Loeben.

Dieser Verlustkatalog ist der erste, den ein deutsches Museum je für seine Ägypten-Sammlung veröffentlicht hat. Und er ist zugleich eine Art Fahndungsliste. Denn nur wenige Stücke wurden bei der Bombardierung des Museums unwiederbringlich zerstört. Die meisten waren 1943 ausgelagert worden, vor allem in ein Salzbergwerk in Grasleben bei Helmstedt.

Nach dem Krieg drangen die Briten darauf, möglichst rasch eine Ausstellung mit Kestner-Schätzen im Herrenhäuser Galeriegebäude auf die Beine zu stellen. Doch in den Wirren um das Kriegsende hatten sich in Grasleben Anwohner und Zwangsarbeiter über die 135 Kisten hergemacht. Ganz wie 2003 in Bagdad oder Anfang dieses Jahres in Kairo nutzten Kriminelle die historischen Umbrüche aus. Als der Museumsmitarbeiter Ferdinand Stuttmann im November 1945 in den Stollen kam, fand er „die Kisten erbrochen und geplündert“, wie er notierte: „Von ihrem Inhalt war nur noch ein verhältnismäßig geringer Teil aufzufinden, und dieser in einem erbarmungswürdigem Zustand.“ Kostbare Artefakte lagen im Stollen verstreut, manche Stücke hatten die Plünderer in den Salzboden getreten.

Die Ausstellung „Lost!“ zeigt einige der kriegsbeschädigten Exponate. Und sie zeigt, welche Lücken die Kriegsverluste in die Sammlung rissen: So sind in einer Vitrine zwei ägyptische Schuhe aus koptischer Zeit ausgestellt. Zwei ähnliche Schuhe aus der pharaonischen Epoche, die gut dazu gepasst hätten, sind nur noch als Foto zu sehen. Beklemmend ist der Anblick Hunderter Karteikarten der verschollenen Stücke auf einer großen Wand. Daneben ist ein eindrucksvolles, 35 Meter langes Fotopanorama vom kriegszerstörten Hannover zu sehen. Durch 100 Löcher in dem Bild können Besucher auf einzelne Fotos von Krügen, Reliefs oder Skulpturen blicken, die heute verschollen sind.

Wie Direktor Schepers versichert, sind die Bestände des Museums inzwischen komplett nach NS-Raubgut durchforstet worden. Er hofft, dass neben der Provenienzforschung jetzt auch die Verbleibforschung vorankommt. Allerdings sind die Jäger des verlorenen Schatzes auf die Hilfe des Zufalls angewiesen: „Immerhin haben im Jahr 2008 die Kinder eines britischen Sergeants Teile des hannoverschen Ratssilbers zurückgegeben“, sagt Schepers. Die Familie hatte die Tellerchen als Service für Obstsalat benutzt. Gefunden hatte der Soldat das Silber im Juli 1945. Im Salzbergwerk von Grasleben.

„Lost!“ ist bis zum 7. November zu sehen. Nächste Führungen am 24. und 31. Juli, jeweils 11.30 Uhr. Der Katalog „Die Ägypten-Sammlung des Museums August Kestner und ihre (Kriegs-)Verluste“ kostet 24,90 Euro. Infos: 0511-16842120.

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