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Kestnergesellschaft feiert 100-Jähriges

Kunstverein in Hannover Kestnergesellschaft feiert 100-Jähriges

Die Kestnergesellschaft in Hannover, einer der größten deutschen Kunstvereine, feiert an diesem Wochenende ihr 100-jähriges Bestehen. Am Freitagabend treffen sich Prominente aus der Stadtgesellschaft beim großen Festakt zum Jubiläum in der City. 

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Quelle: Schaarschmidt

Hannover. Die Rückschau ist natürlich wichtig bei der Feier zum 100. Geburtstag. Und um die bemühten sich viele der Redner beim Festakt am Freitag zum 100-jährigen Bestehen der Kestnergesellschaft. Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach von dem schwierigen Zeitpunkt der Gründung: 1916, mitten im Ersten Weltkrieg; Uwe Reuter, der erste Vorsitzende der Kestnergesellschaft, wies darauf hin, dass die Kestnergesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus ein Symbol für Zivilcourage und Widerstand war, und Niedersachsens Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajic erinnerte an den Aufbruch der Kunst in den Zwanzigerjahren. Spannender als die Rückschau ist jedoch der Ausblick auf das, was kommen könnte. Und den lieferte Chris Dercon, bis Anfang 2016 Direktor der Londoner Tate Modern.

Die Kestnergesellschaft feiert ihr 100-jähriges Bestehen.

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Der Stargast der Geburtstagsfeier fragte sich, wie die Kestnergesellschaft wohl im Jahr 2022 aussehen würde. Der Mann ist als Weit(er)denker bekannt, deshalb soll er auch Nachfolger des scheidenden Intendanten Frank Castorf an der Berliner Volksbühne werden. Er ist ein mutiger Vordenker, der Grenzen überwindet und Sparten zusammenführt, deshalb ist die Entscheidung, ihn, den Kurator und Museumsmann, zum Theaterleiter zu machen, auch so umstritten. Er ist einer, der Institutionen verändert.

Seine Ideen zur Kestnergesellschaft 2022 sind diskussionswürdig: Nicht allein die Suche nach innovativer Kunst werde die Kestnergesellschaft bestimmen, sagte er. Neue Besuchergruppen werden in den Kunstverein kommen, und sie werden ihn nicht nur besuchen, sondern Teil von ihm sein. Die gemeinsame Erfahrung werde eine wichtige Rolle spielen. Kunst werde „geistiges Eigentum vieler“ statt „im Besitz weniger“ sein. Handwerk, Laienkunst und Nichtkunst würden sich mit Kunst mischen. Die Besucher und Mitglieder werden hier viel Zeit verbringen, und eine Vielzahl von Aktivitäten (nicht nur der pure Kunstgenuss) werde hier möglich sein. Das Ausstellungshaus werde wie ein Campus sein, über den der Geist der Kooperation weht. Und Kuratoren werden die wichtigen kulturellen Persönlichkeiten der Zukunft sein. 

Davon war beim Festakt der Kestnergesellschaft noch wenig zu sehen. Die wichtigen kulturellen Persönlichkeiten der Gegenwart jedenfalls scheinen aus dem Bereich der Wirtschaft zu kommen. 256 Gäste waren beim Festakt der Kestnergesellschaft – viele davon sind auch potente finanzielle Unterstützer des Kunstvereins. 

Werden sie auch die von Chris Dercon propagierte Begegnungskunst der zukünftigen Kestnergesellschaft finanzieren? Das ist nicht sicher. Immerhin geht Dercon davon aus, dass sich im Jahr 2022 auch die Stadt Hannover maßgeblich an der Finanzierung der Kestnergesellschaft beteiligen müsse. Denn die Stadt gehört bislang nicht zu den Unterstützern. Der Löwenanteil der öffentlichen Finanzierung kommt vom Land Niedersachsen, das nach den Worten des Kestnergesellschaftsvorsitzenden Uwe Reuter 40 Prozent der Finanzierung beisteuert. Allerdings war dieser Anteil einmal um 10 Prozentpunkte höher; der Rückgang der Förderung ist ein Problem – auch wenn Reuter betont, diese Finanzlücke sei „durch privates Engagement“ ausgeglichen worden. 

„In der Kestnergesellschaft waren stets Künstler zu sehen, die ohne sie nicht den Weg nach Hannover gefunden hätten“, begründete Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajic die besondere Förderung des Landes. In Niedersachsen gebe es mehr als 40 Kunstvereine, und 24 davon erhielten eine Sonderförderung ihres Ministeriums. „Aber die Kestnergesellschaft wird als einziger dieser Kunstvereine auch institutionell gefördert – und wer ihre Ausstellungen erlebt, sieht: Das ist gut angelegtes Geld.“ 

Ebenso wie Heinen-Kljajic erinnerte auch die auf Bundesebene für Kultur zuständige Staatsministerin Monika Grütters an das beispielhafte Agieren der Kestnergesellschaft während der Nazizeit. Und sie lobte auch, dass die Kestnergesellschaft jetzt erstmals in ihrer Geschichte eine Frau an ihrer Spitze hat. Christina Végh, seit 2015 Direktorin, redete einer Vernetzung ganz im Sinne von Dercon das Wort. „Wir brauchen die Kunst, und wir brauchen die Debatte darüber – deshalb brauchen wir die Kestnergesellschaft und wir brauchen auch Zeitungen als Orte der Debatte“, sagte sie und fügte unter Hinweis auf das Werk des Künstlers Alberto Garutti in dieser Zeitung noch einen Appell hinzu: „Besorgen Sie sich die HAZ – Sie werden Garuttis Arbeit darin entdecken und sie wird Ihren Alltag unterbrechen.“ 

Immerhin 22 künstlerische Arbeiten gab es danach, über die Ausstellung mit Werken von Monika Baer hinaus, noch zu entdecken – bei einer Benefizauktion zugunsten der Kestnergesellschaft, die 274 000 Euro erbrachte.

Feiern mit der Kestnergesellschaft

Von 12 bis 18 Uhr lädt die Kestnergesellschaft am Sonnabend jedermann ein. Eingebettet in das Fest, bei dem von 13 Uhr an unter anderem Oberbürgermeister Stefan Schostok und Kestner-Direktorin Christine Végh sprechen und anschließend in größerer Runde diskutieren werden, ist die Eröffnung der Ausstellung von Monika Baer mit dem Titel „Große Spritztour“. Die Ausstellung „100 Jahre Kestner Gesellschaft“ führt die internationale Bedeutung der Kestnergesellschaft vor Augen. Führungen, Kinder-Workshops und eine Nostalgie-Fotoaktion runden das Programm ab.

Von Ronald Meyer-Arlt und Daniel Alexander Schacht

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