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Der amerikanische Patient

Enthüllungsdrama „Erschütternde Wahrheit“ Der amerikanische Patient

Der American Football bringt seine Spieler um: Hollywood-Superstar Will Smith im Enthüllungsdrama „Erschütternde Wahrheit“.

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Wahrheit braucht Mut, auch in Amerika: Gugu Mbatha-Raw, Will Smith.

Quelle: Sony

Wenn Super Bowl ist in Amerika, dann stehen die meisten Räder still. Als die Denver Broncos jüngst im kalifornischen Santa Clara gegen die Carolina Panthers antraten, waren 75 000 Menschen im Stadion, 167 Millionen Amerikaner schalteten ihre Fernsehapparate ein - Rekord. Die Gladiatoren traten ins Licht - lebende Bulldozer bei bejubelten Bodychecks und dem „Glockenläuten“ genannten Kopf-gegen-Kopf-Crash. In der Halbzeit sangen Beyoncé, Bruno Mars und Coldplay, die Aufführung jedes winzigen Werbespots kostete Millionen. Football ist der Super-Goliath des amerikanischen Sports, Football ist Amerika.Und wenn da ein David zum Ans-Bein-Pinkeln des Weges kommt, wird er weggeschnippt. So möchte man jedenfalls meinen.

Zum „Glockenläuten“: Krachen zwei Footballerköpfe gegeneinander, ist das wie der wuchtige Hieb eines Felszertrümmerers mit dem Vorschlaghammer. Auch in den Rüstungen der Sportplatzritter nur schwer wegzustecken. Bis zu 70 000 solcher Schläge, so führt der aus Nigeria stammende Arzt Dr. Bennet Omalu (Will Smith) in Peter Landesmans Enthüllungsdrama „Erschütternde Wahrheit“ aus, machten aus dem Footballstar Mike Webster (David Morse), dem Center der Pitsburgh Steelers und viermaligem Super-Bowl-Gewinner, ein Wrack. Das an Depressionen litt, das ungestüme Aggressionen auslebte, das Demenz und Parkinson ausbildete. Schließlich starb Webster den Herztod mit 50, in der Mitte des Lebens. Omalu untersuchte das Gehirn, fand eigenartige Veränderungen, die auf eine chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE) schließen ließen. An diesem Fall und den Folgefällen entspinnt sich das Drama, das auch ein Thriller werden könnte. Denn nichts kann einer mächtigen Liga mehr in die Quere kommen, als dass sich ein multipler, gesundheitlicher Horror als Berufskrankheit herausstellt. Die fälschlich Winston Churchill zugeschriebene Redensart „Sport ist Mord“ bekommt Brisanz, wenn sich Websters ebenfalls hirnversehrter bester Footballkumpel als Geisterfahrer auf dem Highway in den Gegenverkehr wirft.

Service

„Erschütternde Wahrheit“, Regie: Peter Landesman, 123 Minuten, FSK 12 Astor, Cinemaxx, Cinestar

Vom Berufsrisiko eines Mediziners, der Nützliches für die Menschheit, aber Schädliches für sich herausfindet, weil seine Erkenntnisse dem fortgesetzten Wohl einer Lobby entgegenstehen, kündet in „Erschütternde Wahrheit“ Will Smith. Dessen möglicherweise leicht geschönte Darstellung des wackeren Pathologen Omalu gehört zum Besten, was er in seiner Karriere abgeliefert hat. Setzt der Blockbustermann Smith demnächst wieder auf eine gleich doppelte Belebung seines erfolgreichen Haudrauf-Buddy-Franchise „Bad Boys“, spielt er hier einen leisen Verfechter der Wahrheit, der indes in der Darstellung des guten Doktors den Hollywood-Schmalztiegel vermeidet.

Der zugehörige Film aber läuft zu sehr wie am Schnürchen: Der Held kämpft, die Liga schäumt, der naive Held versteht die Welt nicht mehr. Omalu weiß, dass er hier dem Amerikanischen Goldenen Kalb mit dem Vorschlaghammer an die Beine geht. Aber er sagt doch die Wahrheit und das im Wahrheitsland Amerika! Omalus Braut Prema (Gugu Mbatha-Raw) wird denn auch von einem Auto verfolgt. Paranoia! Und wird es jetzt spannend? Nein, ein Thriller wird nicht aus diesem Film, dann würde man die National Football League (NFL) ja offen kriminalisieren. So weit wollte man nicht gehen. Sie erscheint als Beschwichtigerin, Schönfärberin. Vertuscherin. Es gibt bombastische Musik, viele Streicher, einiges Trommelgedöns, was die Ernsthaftigkeit des Anliegens unterstreicht.

Es ist, als schultere Landesman die Bürde allein Smith’ Figur und der des früheren Mannschafsarztes Cyril Wecht (Alec Baldwin) auf, der Omalus Erkenntnisse ernst nimmt. Und als filme er selbst gefühlsgebremst, um das Kalb nur ja nicht mehr als höchstens ein bisschen zu verbeulen. Der Frontalangriff wäre möglich gewesen, die NFL ist längst in Verteidigungshaltung, hat die Kopframme verboten, und der übertragende Sender zeigt „Glockenläuten“ auch nicht mehr in der glorifizierenden Zeitlupe. „Erschütternde Wahrheit“ hätte für Football werden können, was Michael Manns „Insider“ für die Tabakindustrie wurde. Und ist statt Menetekel eine nicht ganz lahme Ente geworden. Aber das ist vielleicht auch nur der deutsche Eindruck. Immerhin war im Hollywoodkino der Footballer (ähnlich wie der Baseball-Spieler) der strahlende Held. Jetzt ist er der amerikanische Patient geworden.

Amerika war geschockt. Auch wenn Landesman den Filmemacherfäustel nur mit halber Kraft schwang. Dafür, dass man Will Smith nicht für den Oscar nominiert hat, wurde verhohlener Jury-Rassismus ins Feld geführt. Verschwörungstheoretiker sollten neu ansetzen. Denn zum Super Bowl wurde Smith auch nicht mehr eingeladen. Er hat es wie ein Mann genommen - mit einem Schulterzucken und einem Grinsen.  

Von Matthias Halbig

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