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Sie wollen doch nur planschen

Kino-Kritik zu „A Bigger Splash“ Sie wollen doch nur planschen

Flirrende Sommerhitze, nackte Haut am Pool, ein schönes Paar, das lasziv in der Sonne schmort und sich zwischendurch im Wasser vergnügt: In Luca Guadagninos „A Bigger Splash“ sind Sinnlichkeit und Kino beinahe ein Synonym. 

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Überraschende Badegäste: Harry (Ralph Fiennes) und Tochter Penelope (Dakota Johnson).Fotos: StudioCanal

Quelle: Jack English

Der erotische Auftakt gibt den Ton vor, ohne dass der in Palermo auf Sizilien geborene Filmemacher ins rein Voyeuristische abdriftet. Hier geht es immer um ein bisschen mehr als nur um Sex. So freizügig hat man Tilda Swinton und Matthias Schoenaerts sowie bald auch noch Ralph Fiennes jedenfalls selten gesehen. Für die Vierte im Bunde, Dakota Johnson, gilt das sowieso. Sie wurde mit dem prüden Fessle-mich-Film „Fifty Shades of Grey“ bekannt und erlebt hier ihre wahre Einführung in Sachen Kinoerotik.

Der Regisseur muss aber auch einiges bieten. Er wagt sich in große Fußstapfen: Guadagnino aktualisiert Jacques Derays „Swimmingpool“-Krimi von 1969, in dem das Traumpaar Alain Delon und Romy Schneider zusammen mit Jane Birkin und Maurice Ronet in Saint-Tropez planschten und sonnenbadeten. Vor ein paar Jahren unternahm François Ozon Ähnliches, betrachtete das Original aber als reine Inspirationsquelle, um mit Charlotte Rampling und Ludivine Sagnier sein eigenes Ding zu drehen.

Guadagnino bleibt näher dran an Derays Vorlage. Er verlegt die Geschichte auf die Mittelmeerinsel Pantelleria. Das eröffnet ihm nebenbei die Gelegenheit, aktuelle Bezüge herzustellen: Immer wieder mal geistern hier Flüchtlinge wie Gespenster über die Insel. Das ist umso erstaunlicher, als dieser Film schon im Vorjahr entstand und im Herbst beim Festival in Venedig im Wettbewerb lief - von der Dringlichkeit der sogenannten Flüchtlingskrise 2016 konnte der Regisseur also noch gar nichts wissen.

Durch die Konfrontation mit der Welt da draußen wird die Selbstbezogenheit der Figuren um so deutlicher. Rockstar Marianne (Swinton) und ihr Fotografenfreund Paul (Schoenaerts) haben sich für einen dringend benötigten Erholungsurlaub auf die Insel zurückgezogen. Marianne darf nach einer Stimmbandoperation nicht sprechen, Paul ist ihr fürsorglicher Liebhaber.

Mit dem wortlosen Einverständnis ist es aber bald schon vorbei: Musikproduzent Harry (Fiennes), ein Relikt aus der wilden Zeit des Rock ’n’ Roll, fällt in die Idylle ein. Mit ihm steigt seine Tochter Penelope (Johnson) aus dem Flugzeug. Und das ist eine noch größere Überraschung: Von der Existenz des beinahe schon erwachsenen Nachwuchses wussten die beiden anderen bis dahin gar nichts.

Kann sie den Avancen standhalten?

Der manische Harry strotzt vor Energie und Tatendurst, übernimmt das Vergnügungskommando und zudem die Rolle als DJ. Aufgeputscht durch Drogen tanzt er auch schon mal halb nackt am Swimmingpool. Weil er auch noch Mariannes Ex-Liebhaber und ein Freund von Paul ist, sind Spannungen programmiert. So ganz hat Harry es noch immer nicht verwunden, dass er Marianne gewissermaßen an Paul weitervermittelt hat. Und wie standhaft ist Marianne wohl gegenüber seinen aktuellen Avancen?

Paul hingegen mag sich noch so sehr auf die Position des abgeklärten Fotografen und Filmemachers zurückziehen, gegen die Reize der äußerst schwer durchschaubaren Penelope ist er doch nicht gefeit. Die scheinbar strikte Paarordnung droht sich in der Hitze aufzulösen. Zerstörerische Triebe, Eifersucht und Machtspiele gewinnen die Oberhand.

Und dann ist auch schon die Polizei vor Ort, zieht ein rot-weißes Flatterband um den Swimmingpool und erklärt diesen notgedrungen zum Tatort: Eine Leiche treibt darin. Mit dieser neuen Situation weiß Regisseur Guadagnino („I am Love“) aber deutlich weniger anzufangen. Oder verweigert er ganz frech die Läuterung des überlebenden Restpersonals, wie dies das Kinopublikum üblicherweise gewohnt ist?

Schauspielerische Naturgewalt 

Freuen können sich die Zuschauer in „A Bigger Splash“ (der Titel ist eine Reverenz an David Hockneys Gemälde) über die schauspielerische Naturgewalt Ralph Fiennes und auch über das vielsagende Schweigen Tilda Swintons. Wenn ihre Marianne doch einmal mit heiserer Stimme krächzt, bekommt man sofort Halsschmerzen. Die beiden anderen bleiben hinter solchen Leistungen zurück. Mit dem Sexappeal eines Alain Delon kann Schoenaerts („Der Geschmack von Rost und Knochen“) beim besten Willen nicht mithalten, Ähnliches gilt für Johnson im Vergleich mit Birkin.

Nichtsdestoweniger bietet „A Bigger Splash“ flirrende (Früh-)Sommerunterhaltung. Bei diesem Urlaub am Pool döst niemand weg. 

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