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Kultur Kirchentag mit Konstantin
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06:13 23.03.2015
„Ich lebe einfach schrecklich gern“: Konstantin Wecker. Quelle: Jan Philipp Eberstein
Hannover

Ganz am Ende wird Konstantin Wecker sogar ironisch, was nicht immer seine Stärke ist. Die fünfte Zugabe ist absolviert, die „Standing Ovations“ wollen nicht enden. Und aus Wecker platzt es heraus: „Ich wollte schon immer wissen, wie es ist, wenn ein Wecker-Konzert zum Kirchentag wird“. Wieso wird? Das ist es schon den ganzen Abend. Eine Mischung aus Predigt, Andacht und gottgefälliger Hingabe an den großen politisch und seelisch bewegten Liedermacher, dessen poetische Preziosen von seinen Anhängern mit großer Leidenschaft aufgesogen werden. Konstantin Wecker, die Lichtgestalt unter den gutmenschelnden Liedermachern des Landes, ist auf „40 Jahre Wahnsinn-Tour“. Der Sendesaal des NDR-Funkhauses ist ausverkauft. Alles ist angerichtet für einen großen Abend mit großen Worten und ebensolcher Musik.

Die Zuschauer, die er „meine Freunde“ nennt, sehen, wie Wecker allein auf die Bühne geht, den tosenden Applaus mit breitem Lächeln genießt und sich hinter den Flügel setzt. Und den „Willy“ anstimmt, seinen ersten großen Hit. Den Song über den Freund, der in der Kneipe von Rechtsradikalen zusammengeschlagen wird. „Gestern habns an Willy daschlogn, und heit, und heit, und heit werd a begrobn“, singt Wecker mit urbayrischem Temperament und thematisiert mit dramatischen Akkorden und durchdringender Stimme das beschriebene Grauen. Nach 40 Jahren aber ist es Zeit, die Wahrheit zu sagen. Der Willy lebt noch. „Er ist mein bester Freund, ist hier im Haus und verkauft im Foyer CDs und Bücher“, gesteht Wecker.

Überhaupt ist es der Abend, um nach 40 Jahren rückschauend mal so richtig aufzuräumen im Leben. Der Wecker hat viel zu erzählen. Und klarzustellen. Über die Zeit im Knast, über den Drogenkonsum, die erste Festnahme wegen „Nachschlüsseldiebstahl“ als 19-Jähriger in Verden (Wecker: „Das klingt gegenüber Drogenbesitz fast schon spießig“). Über seine ersten Anfänge als Chansonnier mit „sado-poetischen Gesängen“ (Wecker) in einer Münchner Schwulenbar. Über seine Großmannssucht. Und natürlich, dass man Autoritäten widersprechen muss. Dass man sich wehren muss. Sich empören. Aber sich auch unheimlich lieb haben darf. Wir erfahren, dass Blockupy trotz Frankfurt eine gute Sache sei. Und dass Wecker etwas - wir ahnen es fast - gegen jegliche Dogmatiker hat. Nicht, dass dies in seinen Songs keine Erwähnung findet. Aber es könnte sein, dass jemand nicht richtig zuhört. Dafür gibt es ja Ansagen.

Wer Wecker für einen vom Guten im Menschen überzeugten Idealisten mit Alt-68er-Romantik hält, der davon schwärmt in einer grenzenlosen Welt zu leben, wird von ihm an diesem Abend keines Anderen belehrt. Dabei ist der Mann ein Meister der Belehrungen. Aber das muss man Wecker lassen. Er besitzt - wie eingangs erwähnt - ein Fünkchen Ironie und schwingt anstelle der antikapitalistischen Moralkeule eher einen Ping-Pong-Schläger gegen alles Unehrliche und Chauvinistische dieser Welt. Mit diesem bringt er, um im Bilde zu bleiben, seinen Aufschlag sicher durch. Die Fans hängen an seinen Lippen, als wäre er die höchste moralische Instanz des oppositionellen, herrschaftsfreien Bewusstseins. Konstantin Wecker Superstar. Irgendwie links, aber nicht zu sehr. Bei seiner didaktisch durchdeklinierten Version der Mutter aller freiheitsliebenden Songs, „Die Gedanken sind frei“, singt der ganze Saal mit.

Behilflich ist ihm dabei eine Begleitband, die das lyrische „Weckerleuchten“ mit interessanten Klangfarben illuminiert. Fany Kammerlander am Cello, der Multiinstrumentalist (Schlagzeug, Mouth Percussion, diverse Zupfinstrumente) Wolfgang Gleixner und Keyboarder, Trompeter, Arrangeur und Weckers langjähriger Begleiter Jo Barnikel changieren gekonnt und stilsicher zwischen Chanson, Jazz, Rock, ein wenig Latin und auch Reggae.

Zwischendurch gefällt Wecker gar mit ein paar Takten ausgefallener Jazz-Improvisation, wandert singend durch die Zuschauerreihen, mustert dabei die Zuschauer, als würde er jeden von ihnen persönlich kennen und zeigt seine Liebe für den Blues. Dabei erfahren wir, dass der Blues eigentlich aus Bayern stammt. „Ein Volk, das Franz-Josef Strauß und Stoiber ertragen kann, muss einfach den Blues haben“, erklärt uns der Protagonist.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht steht Wecker noch immer auf die Bühne. Und lächelt, als könne er locker noch eine Stunde Musik dranhängen. So einer gibt nicht auf. Der denkt noch lange nicht an Abschied. In einem neuen Song kurz vor Ende reflektiert Wecker über die Vergänglichkeit. Sein Fazit ist eindeutig: „Ich lebe einfach schrecklich gern.“

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