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Kultur Klassikfestivals auf neuen Wegen: Landpartie mit Cello
Nachrichten Kultur Klassikfestivals auf neuen Wegen: Landpartie mit Cello
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12:04 12.08.2018
Raus aus dem Konzertsaal, rein in die Dörfer: Viele Festivals gehen inzwischen neue Wege, um ihr Publikum zu begeistern. Quelle: FMV
Malchow

Ein halbes Dutzend verschiedener Orgeln, intoniert mit Werken von Buxtehude bis Vierne binnen 40 Minuten: Andächtig lauschen die Besucher den Königinnen der Instrumente im Orgelmuseum Malchow.

Und während sich danach mancher noch im benachbarten einstigen Kloster von Goldschmied Michael Voss durch sein Atelier führen lässt – “hier hat früher immer die Domina des Damenstifts gewohnt“ –, schlendern die übrigen zwischen Rosengehölzen hinab zur Anlegestelle, um kurz darauf zur Vier-Seen-Schifffahrt rund um das kleine Inselstädtchen in der Mecklenburgischen Seenplatte abzulegen.

Auftakt zu einer Landpartie der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern (FMV), die am Abend mit einem Klavierrecital des jungen Brendel-Schülers Filippo Gorini in der schlichten Fachwerkkirche des Dörfchens Nossentin enden wird. Ein Konzert, eingebettet in das Gesamterlebnis der idyllischen Region: Die Landpartien sind eines von rund einem Dutzend neuer Konzertformate des drittgrößten deutschen Klassik-Reigens.

“Musiker werden Teil des Dorfes“

“Als Festival können wir Anstöße geben, wie man Musik im 21. Jahrhundert veranstalten sollte“, skizziert FMV-Intendant Markus Fein. “Das ist schon immer eine Aufgabe von Festivals gewesen und ein Pfund, mit dem sie wuchern können.“ So wie mit der Reihe “Stars im Dorf“, für die Schlagzeuger Alexej Gerassimez schon Monate vor seinem Konzert in den 100-Seelen-Ort Steinfurth im tiefsten Vorpommern gereist ist, mit Alt und Jung dort diskutiert, gegrillt und Fußball gespielt hat.

“Es ist Teil unserer DNA, mit Stars in ländliche Räume zu gehen – hier werden Musiker nun sogar Teil des Dorfes, bringen sich ein, und umgekehrt sind die Menschen dort Gastgeber“, erklärt Fein. Mit dem Ergebnis, dass beim abschließenden Auftritt im Kulturhaus auch “viele Besucher sitzen, die erstmals im Leben im Konzert sind“.

Ein Erfolg, den auch Christian Kuhnt allsommerlich bei den “Musikfesten auf dem Lande“ beim benachbarten Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) verzeichnen kann. “Mit diesen moderierten Konzerten an ungewöhnlichen Orten samt kulinarischem Angebot haben wir viel neues Publikum erreicht“, sagt der SHMF-Intendant.

Klassik trifft auf Kulinarik: Motiv vom Schleswig-Holstein Musik Festival. Quelle: Olaf Malzahn

Klassik und Kulinarik jenseits der heute üblichen trockenen Pausen-Brezeln hat die Menschen eben schon seit dem Mittelalter zu locken vermocht – und ist bis heute eine Kombination, die alljährlich auch für ausverkaufte Konzerte beim Rheingau Musik Festival (RMF) sorgt.

Sei es bei der 800 Meter langen Steinberger Tafelrunde, wo sich 1350 Besucher bei Riesling, Spundenkäse und Blasmusik vergnügen, oder auch bei dem Format der “Fahrenden Musiker in Weingütern“, die anknüpfend an die Spielleute der Renaissance in halbstündigen Blöcken Saiten- und Gläserklang wechseln lassen. Was natürlich schon “sehr spezifische Konzertformate“ sind, wie RMF-Intendant Michael Herrmann feststellt: “Auf den Konzertalltag lassen die sich nicht übertragen.“

Anders ist das bei der Idee “2x Hören“: Einst von Fein bei den Sommerlichen Musiktagen Hitzacker kreiert, haben die beiden norddeutschen Festivals den Gedanken der vertiefenden Rezeption weiterentwickelt. Während auf Schloss Ulrichshusen Schuberts “Arpeggione“-Sonate einmal für Hammerflügel und einmal für Klavier und Viola erklang, nimmt in Rendsburg das SHMF-Orchester für sein “Zoom“-Format das Publikum für Dvoraks Neunte zum Zuhören in seine Reihen auf – um danach die Sinfonie nochmals in gewohnter Sitzordnung zu spielen.

Ideen jenseits des klassischen Abonnement-Konzertes

“Auf einmal erlebt der Zuhörer die Musik von innen, ein magisches Erlebnis“, erklärt Kuhnt. Ein Konzept, das inzwischen auch über die Festivals hinaus Anklang findet wie im Konzerthaus Berlin: Dort hat Intendant Sebastian Nordmann seit 2009 durch solche Ideen jenseits des klassischen Abonnement-Konzertes die Besucherzahl um 40 Prozent auf zuletzt 180 000 gesteigert.

Nordmann, der bis 2008 die Festspiele MV leitetet, spricht von einer neuen Stufe der Formate: “In den Achtziger- und Neunzigerjahren standen die ungewöhnlichen Spielstätten im Mittelpunkt, es folgte das Thema Education, dann ging es um die Mischung von Profis und Laien – und nun gibt es das individuelle Experiment: Gerade junge Künstler müssen ihren Weg finden, sich ein eigenes Profil aufzubauen“. Sich selbst sieht der 47-Jährige dabei durchaus in der Pflicht: “Wir müssen Künstlern frühzeitig das Vertrauen geben – viele haben tolle Ideen und denen muss man langfristig einen Raum geben, um dann kurzfristig das Konzert zu planen.“

Ein Beispiel für ein originelles Format ist bei den Festspielen MV das 360°-Festival rund um ein bestimmtes Thema, das in diesem Sommer dem Cello gewidmet war und neben Konzerten Live-Eindrücke in eine Cellobauwerkstatt bot, ein Gespräch mit Daniel Müller-Schott über die russische Celloschule und einen Hörvergleich verschiedener Instrumente.

Klarinettist Sebastian Manz schätzt die unmittelbare Verbindung zum Publikum. Quelle: Marco Borggreve

Im Rahmen der Reihe “Unerhörte Orte“ ging es in eine Eisengießerei im vorpommerschen Torgelow, wo aus Werksgeräuschen eine Suite entstand. “Wir möchten diese Orte zum Sprechen bringen und uns Geschichten erzählen lassen“, skizziert Fein seinen dramaturgischen Ansatz. “Denn wir wollen kein austauschbares, sondern ein spezifisches Festival für das Land sein.“

Ideen, die auch im normalen Konzertalltag “viel mehr zum Standard werden müssten“, findet Sebastian Manz. Zwei Tage lang hat der Klarinettist mit dem Doric String Quartet ein Seminar aus Konzerten und Vorträgen zum “Mythos Spätwerk“ im Schloss Schwiessel veranstaltet und ist begeistert. “Die Zeiten des elitären Künstlerdenkens ‚Bist du ein Star, mach‘ dich rar‘ sind vorbei – heute geht es um die unmittelbare Verbindung mit dem Publikum.“

“Das Werk muss zum Menschen sprechen“

RMF-Intendant Herrmann mahnt hingegen zur Vorsicht und plädiert dafür, “nicht jedem Zeitgeist nachzulaufen: Die Leute wollen ein klassisches Konzertformat haben wie im Wiesbadener Kurhaus“. Aber auch das lasse sich aufbrechen, findet sein Kollege Kuhnt vom SHMF: “Warum soll ein Konzert nicht mal nur eine Stunde dauern? So lang sind die Blöcke bei unseren Musikfesten – und dort wird viel weniger gehustet …“

Ob nun kürzere Längen, Moderationen oder Brückenschläge zum Auftrittsort: Entscheidend sei, wie es gelingen könne, die Musik herauszuheben, fasst Fein von den Festspielen MV zusammen. “Am Ende muss das Konzertformat verschwinden und das Werk zum Menschen sprechen.“

Von Christoph Forsthoff

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