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Klingebiel-Zelle im Sprengel Museum

Dauerhafte Ausstellung möglich Klingebiel-Zelle im Sprengel Museum

Die atemberaubende Klingebiel-Zelle, Kunst des Ausnahmekünstlers und Langzeitpsychiatrie-Insassen Julius Klingebiel, könnte dauerhaft ins Sprengel Museum Hannover gelangen. Einen kompletten Raum dauerhaft in ein Kunstmuseum aufzunehmen wäre eine Besonderheit.

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Klingebiels Zelle in Göttingen.

Hannover. „Ausbruch in die Kunst“ - unter dieser Überschrift bemühen sich Bewunderer des Ausnahmekünstlers und Langzeitpsychiatrieinsassen Julius Klingebiel (1904-1965) seit Jahren, dessen Werk bekannter zu machen - und es vor dem Zerfall zu retten. Im Zentrum steht die Bemalung von Klingebiels seit 2012 unter Denkmalschutz stehender Zelle Nr. 117. In der neun Quadratmeter kleinen Zelle wurde der psychisch Schwerkranke jahrzehntelang wie ein Gefangener gehalten.

Mit Wandmalereien und Zeichnungen öffnete Klingebiel den Raum optisch ins schier Unendliche. Eine uferlose, flackernde Bilder- und Symbolfülle bricht über den Betrachter herein, gewebt aus Fantasiewesen, Weltkriegsorden, wilden Tieren, verdrehten Hakenkreuzen, Frauenbildern und Porträts von Hitler, Goebbels und Wilhelm II.

Jetzt scheinen die Weichen für die Rettung des Werks gestellt zu sein: Die niedersächsische Landesregierung unter Ministerpräsident Stephan Weil, der 2013 die Klingebiel-Zelle besuchte, sieht sich in der Verantwortung, die Wandbilder zu sichern und öffentlich zugänglich zu machen. Der Direktor des Sprengel Museums, Reinhard Spieler, ist daran interessiert, den Raum in die Sammlung des Sprengel Museums aufzunehmen.

„In der Tat würden wir gerne die Klingebiel-Zelle übernehmen“, bestätigte Spieler und erklärte: „Es handelt sich um ein herausragendes Raumkunstwerk, einen ganz eigenen malerischen und weltanschaulichen Kosmos.“ Gerade im Rahmen der Neupräsentation der Sammlung im Zuge des Erweiterungsbaus könne die Arbeit „hervorragend in den Sammlungskontext eingebaut werden“, sagt Spieler. Er möchte Klingebiel in der Nachbarschaft einzigartiger Künstlerräume wie dem Merzbau von Kurt Schwitters und dem „Abstrakten Kabinett“ von El Lissitzky zeigen.

„Die niedersächsische Landesregierung hat großes Interesse, die Zelle eins zu eins ins Museum zu überführen“, sagte Michael Rüter, Bevollmächtigter des Landes Niedersachsen, bei der Eröffnung einer Ausstellung mit Klingebiel-Malereien sowie einem begehbaren Modell der Zelle mit fotografischen Reproduktionen der Wandbilder im Kleisthaus in Berlin. Die Finanzierung und technische Einzelheiten seien allerdings noch zu klären.

Die kompletten Wände, das steht schon fest, passen nicht in den Fahrstuhl des Sprengel Museums. Eventuell müssten Raumöffnungen vorgenommen werden. Für eine denkmalgerechte Überführung nach Hannover ist mit Kosten im sechsstelligen Euro-Bereich zu rechnen. Für den Psychiater Andreas Spengler vom Förderverein Sozialpsychiatrie Moringen wäre die Unterbringung im Sprengel Museum die Ideallösung. Derzeit sei die Zelle nicht öffentlich zugänglich, weil in der ehemaligen Verwahrungsanstalt bis heute Patienten des Maßregelvollzugs untergebracht seien.

Für Klingebiel wäre es eine späte Heimkehr

Er wurde 1904 in Hannover als Sohn eines Postbeamten geboren, arbeitete in Hannover als Schlosser, war verheiratet und trat in die Wehrmacht ein. Kurz nach Kriegsausbruch brach eine psychische Erkrankung aus. Er war verwirrt und erregt, fühlte sich bestrahlt, beeinflusst, verfolgt und bedrohte seine Familie. Klingebiel wurde im Alter von 35 Jahren als „gefährlicher Geisteskranker“ eingewiesen, zwangssterilisiert und landete auf einer Tötungsliste der Nationalsozialisten. Psychiater retteten ihn. Auch nach 1945 wurde er, ohne juristische Grundlage, geschlossen untergebracht.

An der hellsten Stelle seiner Zelle findet sich ein Bild des auferstandenen Christus. Klingebiel hoffte vergeblich auf Rettung. Innerhalb der sogenannten Outsider-Art gibt es wenig Vergleichbares, und nur selten wurden komplette Räume geschaffen. Klingebiels Symbolfülle reicht an Adolf Wölfli heran, einen der bedeutendsten Künstler dieser Richtung. Mit ihren einzig aus dem Inneren geschöpften Bildern erinnert die Klingebiel-Zelle an Höhlenmalerei, wo ebenfalls in einem dunklen, bergenden Raum Projektionen des Außerhalb, der Pflanzen und wilden Tiere, auf Wände geritzt und gemalt wurden. Die Tiger, Löwen und Hirsche seiner Bilder dürften Erinnerungen an Besuche des hannoverschen Zoos in den Zwanzigern entstammen. Faszinierend ist, dass bei Klingebiel maximales Chaos in den Details mit einer glasklaren Struktur und Ordnung einhergeht, wenn man das Werk als Ganzes betrachtet.

In den vergangenen Jahren wurde in zahlreichen Ausstellungen moderne Kunst mit Outsider-Art in Beziehung gesetzt. Einen kompletten Raum dauerhaft in ein Kunstmuseum aufzunehmen wäre aber etwas Besonderes.

Johanna di Blasi

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