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Kultur Könnten Sie einen Roboter lieben, Clemens Setz?
Nachrichten Kultur Könnten Sie einen Roboter lieben, Clemens Setz?
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08:06 14.04.2018
Studierter Mathematiker und Germanist: Clemens Setz mag neben Literatur auch Computerspiele. Quelle: Max Zerrahn

Ihr jüngstes Buch “Bot“ ist entstanden, weil Sie nach eigener Auskunft nicht in der Lage waren, Ihre Gedanken im direkten Gespräch zu verbalisieren. Muss ich mir für dieses Interview Sorgen machen?

Ja. Zumindest, wenn Sie sich von mir lange Geschichten über mein Schreiben erhoffen. Das ist sehr schwierig für mich. Wer über seine Gefühle und Motivationen als Autor frei sprechen kann, der ist ein wirklich besonderer Mensch. Gesprächsbände sind deshalb auch meist schwer zu lesen, mit einer Ausnahme: der mit Joseph Brodsky, dem russischen Literaturnobelpreisträger.

“Bot“ ist kein klassischer Interviewband, denn auf die Fragen der Suhrkamp-Lektorin Angelika Klammer antworten nicht Sie persönlich, sondern Ihr Journal in Form eines Word-Dokuments. Welchen Charakter hat dieses?

Es besteht aus mehr als 1500 Seiten. Seit neun Jahren schreibe ich täglich etwas hinein. Fundstücke, Zitate aus Wikipedia, peinliche Erlebnisse, kleine Betrachtungen. Ich weiß, dass man das nicht veröffentlichen kann.

Aber Sie haben es trotzdem gemacht!

Ja, in Auszügen aber nur. Womöglich gibt es doch einen Adressaten dafür. Den Gott der Literatur vielleicht oder den, der immer da ist, wenn alle fehlen.

Weshalb ein Word-Dokument statt eines Notizblocks?

Ich beherrsche die Schreibschrift nicht, nur Blockbuchstaben. Dabei stimmt es wohl, dass Autoren, die mit der Hand schreiben, bessere Schriftsteller sind. Ich bin nur eben schlecht darin.

Sie bezeichnen das Dokument als “ausgelagerte Seele“. Inwiefern trifft das zu?

Es ist lang genug, dass man mich anhand dessen posthum oder auch schon zu Lebzeiten rekonstruieren könnte. Ich glaube, dass man die meisten Menschen nachbauen kann. Vielleicht nicht in ihrer Albernheit oder in den cholerischen Momenten, aber in ihrer intellektuellen Natur. In der Zukunft wird es Bots geben, die uns an längst verstorbene Menschen erinnern. Das klingt jetzt wie eine Folge der dystopischen Zukunftsserie “Black Mirror“. Aber ich glaube, das wird sehr normal werden, dass wir uns mit Vertreterseelen abgeben.

Löst dieser Gedanke eher Angst oder Faszination bei Ihnen aus?

In einem Universum, das dermaßen von Vernichtung bestimmt ist, heiße ich jede Form von Fortbestand willkommen.

Wie haben Sie die Antworten aus dem Word-Dokument den Fragen zugeordnet?

Nach einer einfachen Reizwortsuche im Volltext. Mein Vorbild war dabei ein Roboter, den man 2005 posthum dem Science-Fiction-Schriftsteller Philip K. Dick nachempfunden hat. Wenn man dem Fragen stellte, hat der in den hinterlassenen Schriften des Autors nach Stichworten gesucht, also eine ganz rudimentäre Software der künstlichen Intelligenz. Und trotzdem hatten die Leute damals den Eindruck, ein unglaublich erhellendes Gespräch zu führen. Passenderweise ging der Roboterkopf 2006 während eines Fluges verloren. Die künstliche Intelligenz hat sich also selbstständig gemacht.

Clemens J. Setz in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse 2018. Quelle: Kempner

Zum Stichwort Wikipedia lautet Ihre Antwort: “1567: Hans Staininger, der Stadthauptmann von Braunau, brach sich das Genick, als er über seinen eigenen Bart stolperte. (Aus dem Wikipedia-Eintrag über ungewöhnliche Todesfälle.)“ Wenn man sich Ihren neuen Bart so anschaut, könnte man meinen, Sie eiferten ihm nach.

Neulich hat mir ein Unbekannter im Schwimmbad zugegrinst. Der trug auch Bart. Es ist erstaunlich, worüber sich Gemeinschaft definiert. Zwei sehr bärtige Männer in einem Fahrstuhl schauen sich wie Brüder an. Das verblüfft mich. Als Mann werden Äußerlichkeiten weniger kommentiert, man ist da eher unsichtbar. Ich habe mir den Bart wachsen lassen, weil ich einfach mal sehen wollte, was passiert, wenn das Gesicht explodiert.

Sie sind auch bei Twitter sehr aktiv. Denken Sie in diesen kryptischen Aphorismen Ihrer Tweets?

Ich denke immer Twitter-ähnlicher. Das hat mein Bewusstsein sehr stark befallen. Zum Glück hat man die Zeilenzahl erhöht, seitdem denke ich etwas entspannter. Für mich ist ein Tweet eine genuin poetische Form.

Wir hatten über digitale Kopien gesprochen, die über den Tod Bestand haben. Tweets dagegen sind etwas sehr Vergängliches.

Ja. Solche Wegwerftexte finde ich aber auch manchmal gut. Texte, die dann wieder verschwinden.

Eine Art Snapchat-Text mit kurzer Halbwertszeit?

Ja, genau. Der Autorenberuf wird von der Überheblichkeit begleitet, dass man sich unsterblich machen könnte. Twitter-Poeten haben dieser Vorstellung viel entgegenzusetzen.

Beim Stichwort “Bot“ denkt man an böse russische Hacker. Haben Sie mit denen irgendwas gemeinsam?

Ich glaube nicht. Schade eigentlich, wäre vielleicht spannend. Ich denke bei dem Begriff an Chatbots, eine Sprache generierende Software, die im Stil eines Menschen redet. Das gibt es zum Beispiel mit Werner Herzog. Ich misstraue aber auch echten Twitter-Profilen und denke immer, dass die nur simuliert sind.

Der US-Kurznachrichtendienst hat Ende Februar Tausende Accounts gesperrt, um zu prüfen, ob diese von Social Bots gesteuert sein könnten. Haben Sie sich halb gewünscht, Ihrer wäre auch dabei gewesen?

Das wäre eine schöne Anekdote gewesen! Wenn ein Algorithmus meine Einträge fälschlicherweise als künstlich missgedeutet hätte – ein heiliger Schauder hätte mich erfasst. So wie damals, als das Auto von Google Street View durch das Geisterdorf von Fukushima fuhr. Dort sind keine Menschen, also hat die Software statt Gesichtern Autofelgen unscharf gemacht. Das ist ein tiefer Einblick in eine Intelligenz, die uns völlig fremd ist. Wenn mein Twitter-Account gesperrt worden wäre, hätte ich mich ja quasi in einen Roboter verwandelt. Davon träume ich schon seit meiner Kindheit, damals habe ich mich immer als Roboter verkleidet.

In welchen Lebensbereichen wird künstliche Intelligenz Ihrer Meinung nach bald dominieren?

Im Intimbereich, in der Bekämpfung der Einsamkeit. Wir sind ja Stammestiere, leben aber zusehends atomisiert. Ich habe von einer Studie gelesen, in der man Menschen gefragt hat, auf wie viele Personen man im Notfall zurückgreifen könnte. Vor einigen Jahren war das Ergebnis im Durchschnitt fünf. Heute hat man die Umfrage wiederholt, und die häufigste Antwort war null. Die tröstliche Dimension von künstlicher Intelligenz wird meiner Meinung nach das Einzige sein, das dieser Entwicklung entgegensteuert, traurigerweise. Die westlichen Gesellschaften werden dem Bedürfnis nach einer Stammeskultur nicht mehr nachkommen können.

Können Sie sich vorstellen, sich in einen Roboter zu verlieben?

Ja, es spricht nichts dagegen. Die Menschen haben sich schon in alle möglichen Dinge verliebt, auch in alle möglichen Konstrukte. Also ja, ich könnte mir das vorstellen. Noch ist es aber nicht geschehen.

Haben Sie als Künstler einen besonderen Bezug zur künstlichen Intelligenz?

Ich denke, das hat eher mit der Sozialisation zu tun. Aber als Künstler hat man eine gewisse Egozentrik, und die Beschäftigung mit der künstlichen Intelligenz kann da heilsam sein. Sie macht einen demütiger.

Das Cover des Buches “Bot - Gespräch ohne Autor“ von Clemens J. Setz. Quelle: Suhrkamp Verlag

Zur Person: Clemens J. Setz

Beim Interview mit Clemens J. Setz stellt sich ein Gänsehautmoment ein. Zum ersten Mal wird die Aufnahmefunktion eines neuen Smartphones verwendet, und die App schreibt das Gesagte gleich mit. Aber nicht wirklich das Gesagte, sondern eine merkwürdige Mischung aus tatsächlich gesagten Wörtern und Erfundenem. Das Ergebnis wirkt wie die Übersetzung einer älteren Variante von Google Translate.

Beide Gesprächspartner werden zwischenzeitlich von diesem sich verselbstständigenden Text so eingenommen, dass sie Testsätze sagen, um zu sehen, wie die Technik reagiert. Die automatische Verschriftlichung ist an sich eine banale Sache. Aber die Episode ist deshalb erwähnenswert, weil sie so gut zum jüngsten Buch des 35-jährigen Autors passt: “Bot“ ist eine Art Interviewband. Nur, dass der Schriftsteller nicht selbst auf die Fragen antwortet, sondern sein als Word-Dokument angelegtes Journal.

Setz sinniert über künstliche Intelligenz wie ein Philosoph, der den steten Gedankenstrom in seinem Kopf in anekdotenhaften Häppchen portioniert. Mit dem österreichischen Akzent wirkt alles gleich noch bedeutungsvoller. Der Geist versponnen, der Bart ungestutzt. Damit sieht der in Graz Geborene nun ein bisschen so aus wie die Hipsterlesergemeinde, die ihn verehrt.

Setz studierte Mathematik und Germanistik, gewann 2008 beim Klagenfurter Wettlesen einen Sonderpreis und wurde für seinen Erzählband “Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ 2011 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Einer seiner bekanntesten Romane trägt den Titel “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ (2015), der ihm die Nominierung für den Deutschen Buchpreis einbrachte. Die Geschichte spielt in einem Wohnheim für behinderte Menschen. Dort betreut die junge Natalie einen Rollstuhlfahrer mit unberechenbarem Temperament.

Jede Woche erhält er Besuch – ausgerechnet von dem Mann, dessen Frau er als Stalker einst in den Selbstmord getrieben haben soll. Natalie versucht hinter das Geheimnis dieser besonderen Beziehung zu kommen. Es ist ein verstörender Roman, der tief in die Abgründe der menschlichen Seele blickt. Besonders schön ist Natalies Wortneuschöpfung “aurig“ für einen verstörenden Zustand: “Unruhe überkam sie, die Hände und Fingerspitzen fühlten sich komisch an, aurig – das war ihr Wort, seit der Kindheit. Es war so, als wäre man in unangenehm heißer, dichter und intimer Verbindung mit der Umgebung.“

Der Autor spricht im Interview genauso kryptisch-rätselhaft und zugleich hochpoetisch, wie es seine Twitter-Nachrichten sind. Seinem Profil ist hier ein Tweet angeheftet, der den Schriftsteller als „Schultriangel der deutschen Literatur“ bezeichnet. Setz pflegt seinen Account sehr rege, derzeit schreibt er hier auf, an welche Details er sich aus der Lektüre sämtlicher Literaturnobelpreisträger erinnert.

Setz ist also sehr belesen, dabei war die Literatur nicht seine erste Liebe. Zuerst kam die Faszination für Computerspiele. “Meine gesamte ästhetische Bildung basiert darauf, das war die erste Art von Kunstform, die mir wirklich etwas bedeutet hat. Die Literatur ist erst später gekommen. Computerspiele sind das Schlüsselloch, durch das ich alles andere wahrnehme“, sagt er.

Am liebsten mag er die frühen Kultspiele wie “Tetris“ und “Super Mario“, aber auch Egoshooter wie “Doom“ oder Spiele von “echten Poeten“ wie “Passage“ von Jason Rohre, den Setz in Anspielung auf den französischen Dichter als “Rimbaud der Computerspielwelt“ bezeichnet. Er findet, dass das deutsche Feuilleton die Kunstform Computerspiel sträflich vernachlässigt. Vielleicht ändert er das ja eines Tages mit einer literarischen Spieleerfindung.

Von Nina May

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