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Warum de Maizières Thesen zum Fremdschämen sind

Zehn Thesen von Thomas de Maizières Warum de Maizières Thesen zum Fremdschämen sind

Kurze Sätze, Banalitäten mit dem Klang von Donnerhall: Der Bundesinnenminister fragt nach der deutschen Leitkultur, gibt Historikern falsche Namen und übergeht die Wissenschaft. Eine Analyse von Ronald Meyer-Arlt.

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Innenminister Thomas de Maizière

Quelle: AFP

Hannover. Thomas de Maizière, Bundesinnenminister, hat zehn Thesen zur deutschen Leitkultur vorgelegt. Seinen Text, zu lesen in der „Bild am Sonntag“ und auf der Internetseite des Innenministeriums, hat er einen „Diskussionsbeitrag“ genannt.

Diskutieren kann man über Vieles. Über richtige Verhaltensweisen. Über die Frage, wer dazugehören soll und wer nicht. Und natürlich auch über die Form von Texten.

In den zehn Thesen des Innenministers (warum eigentlich zehn, warum nicht 15 oder, passend zum Lutherjahr, 95?) tauchen auffallend viele Kurzsätze auf. Der erste Satz der Einleitung hat nur drei Worte, der zweite Satz hat fünf, der dritte zwei und der vierte auch wieder nur zwei: „Wer sind wir? Und wer wollen wir sein? Als Gesellschaft. Als Nation.“

Interessant wäre es, nun etwas über den Unterschied von Gesellschaft und Nation zu erfahren, den der Autor machen will. Aber da kommt nichts. Stattdessen verweist er auf die Historiker Neil McGregor und Dieter Borchmeyer, die vor Kurzem Bücher über die Deutschen veröffentlicht haben. Statt Dieter Borchmeyer schreibt er Dietrich Borchmeyer. Schon peinlich, solch einen Fehler im ersten Absatz eines Textes zu machen, der auf der offiziellen Seite des Bundesinnenministeriums erscheint.

De Maizière scheint sehr beeindruckt vom Umfang beider Bücher, deshalb erwähnt er Seitenzahlen: 600 (McGregor) und „über 1000“ (Borchmeyer). Ja, das gehört wohl auch zur deutschen Kultur: sich vom Umfang von Büchern beeindrucken zu lassen. Über 1000 Seiten - die Frage nach dem und den Deutschen scheint also ein kompliziertes Thema zu sein.

Wie geht man das an?

De Maizière entscheidet sich für die ganz schlichte Variante. „Ich finde den Begriff ,Leitkultur’ gut“, schreibt er in seiner Einleitung, „und möchte an ihm festhalten.“ Klar, dass er an dem Begriff festhalten möchte, den er gut findet. Aber ist die Formulierung „Ich finde den Begriff gut“ eigentlich angemessen, wenn man eine intellektuelle Debatte anregen will? Eher nicht. Aber wahrscheinlich will de Maizière auch gar keine intellektuelle Debatte anregen, sonst hätte er wohl auch einen anderen Publikationsort gewählt. Intellektuelle Debatten haben auch ein anderes Format.

In de Maizières zehn Thesen finden sich Sätze wie: „Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. Allgemeinbildung hat einen Wert für sich. Wir fordern Leistung. Leistung und Qualität bringen Wohlstand. Wir sind Erben unserer Geschichte, mit all ihren Höhen und Tiefen. Kirchliche Feiertage prägen den Rhythmus unserer Jahre. Für uns sind Respekt und Toleranz wichtig. Die Nato schützt unsere Freiheit.“

Nichts gegen kurze Sätze - aber originell sollten sie sein. Hier jedoch vernimmt man lauter Selbstverständlichkeiten. Banalitäten mit dem Klang von Donnerhall. Nicht, dass man es sprachlich komplizierter hätte machen sollen - gedanklich aber schon.

Bei der Lektüre kann sich durchaus eine leichte Form des Fremdschämens einstellen. So einfach, so schlicht, so selbstverständlich kann das mit der Leitkultur doch gar nicht funktionieren.

„Für uns sind Respekt und Toleranz wichtig.“ „Die Nato schützt unsere Freiheit.“ Na, danke schön. Neu ist das ja gerade nicht. Muss man das eigentlich erwähnen? Dass der Bundesinnenminister meint, das sei nötig, ist wiederum durchaus bedenkenswert.

„Wir sind nicht Burka“

Auffällig ist, dass sich de Maizière in der umfangreichsten der zehn Thesen mit dem Thema Religion befasst („Unser Land ist christlich geprägt. Wir leben im religiösen Frieden.“) Alle übrigen seiner zehn Thesen - Offenheit, Bildung, Leistung, Geschichte, Kultur, Kompromissbereitschaft, Patriotismus, Westorientierung, Verwurzelung - handelt er kürzer ab. Auch hier gilt: Es ist es die Form, die besonders zum Nachdenken Anlass gibt. Deutschland als Forschungsnation taucht übrigens in seinen zehn Thesen gar nicht auf. Und zum Thema Bildung hat er mit „Allgemeinbildung hat einen Wert für sich“ weitgehend alles gesagt, was er zu sagen hat.

Bei zwei Sätzen fällt auf, dass jeweils der Artikel fehlt: „Wir sind nicht Burka“ und „Wir sind Kulturnation.“ Selbstverständlich müsste es „Wir sind eine Kulturnation“ heißen. Das Fehlen des unbestimmten Artikels hängt wahrscheinlich mit „Je suis Charlie“ zusammen. Der Autor nutzt den Klang eines Slogans, der nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ Solidarität mit Frankreich und den Opfern islamistischer Gewalt ausdrücken sollte, um einer ganz selbstverständlichen Aussage einen irgendwie wütenden Klang zu geben. Genauso bei „Wir sind nicht Burka“. Die Form der Phrase verweist auf die Opfer islamistischen Terrors. Der Inhalt dagegen ist hochgradig banal.

Mit Kultur hat de Maizières Forderung nach bestimmten Verhaltensweisen, nach Einschließung und Ausgrenzung nichts zu tun. In mehrfacher Hinsicht.

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