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„Hannover ist für mich eine zweite Heimat“

Komponistin Kats-Chernin „Hannover ist für mich eine zweite Heimat“

Die Komponistin Elena Kats-Chernin spricht über ihre Oper „George“, die bei den Kunstfestspielen Herrenhausen im September uraufgeführt wird.

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Komponistin Elena Kats-Chernin hat 14 Jahre in Hannover gelebt.

Quelle: Körner

Hannover. Frau Kats-Chernin, Sie haben Anfang der achtziger Jahre in Hannover bei Helmut Lachenmann studiert und insgesamt 14 Jahre in der Stadt gelebt. Wie ist es, hierher zurückzukehren?

Hannover ist für mich eine zweite Heimat. Es heißt ja, man hänge an der Stadt, in der seine Kinder geboren worden sind. Meine Kinder sind hier auf die Welt gekommen, in den Kindergarten, einige Jahre zur Schule gegangen. Ich habe bis heute Freunde in Hannover. Wenn ich zurückkehre, schwelge ich in Erinnerungen, werde fast ein wenig melancholisch. Die Zeit in Hannover war für meine persönliche Entwicklung sehr wichtig.

Ihre neue Oper „George“ wird im September in Hannover uraufgeführt. Darin begegnen dem Publikum Georg Friedrich Händel und König George I., der erste Hannoveraner auf dem britischen Thron, als zentrale Figuren. Ein Stück sowohl für das Jubiläum der Personalunion als auch für Hannover?

Ganz genau. Ich habe es als große Ehre empfunden, die Oper komponieren zu können. Klar, ich bin keine gebürtige Hannoveranerin, aber ich habe die Stadt sehr ins Herz geschlossen. Danya Segal, die Produzentin, hatte die Idee dazu schon vor einigen Jahren. Jetzt, zu diesem tollen Jubiläum, setzen wir sie um.

Worum geht es in „George“?

Das ist eine gute Frage. Es geht um ein paar Ereignisse aus Händels Leben am Londoner Hof. Er schreibt eine Oper für König George I., die dem zunächst nicht gefällt. Das ist ein wichtiges Thema für jeden Komponisten, auch für mich - man schreibt ein Stück, und es gefällt nicht, einem selbst, seinem Auftraggeber, dem Publikum. Händel trifft in der Oper auch mit seinem Vater und mit seinem Freund, dem Sänger Sino, zusammen. In einer zentralen Szene gibt es ein Sänger- Casting. Es geht um Finanzen, um die Entstehung eines Werkes. Ein wenig wie Oper in der Oper.

Welche Bedeutung hat der Komponist Händel für Sie?

Schon immer habe ich Händels Musik geliebt, aber ich kannte vor der Arbeit an „George“ nicht viel von ihm. So bin ich jetzt fast ganz frisch an Händel herangegangen und habe ihn als Komponisten für mich entdeckt. Seinen Reichtum an harmonischen und rhythmischen Wendungen empfinde ich manchmal als sehr modern. Es ist für mich wunderbar, daran etwas Neues zu lernen. Das gibt mir das Gefühl, noch jung zu sein und mich immer weiterentwickeln zu können.

Ihr Stück ist eindeutig als Oper angekündigt, die Titelpartie, Händel, wird von einem Schauspieler verkörpert. Wie kommt das?

Mir hat diese Idee von Anfang an gut gefallen. Ich fände es schwierig, den großen Komponisten Händel Musik singen zu lassen, die nicht von ihm selbst komponiert ist. Es ist ja nicht neu oder ungewöhnlich, dass in Opern Sprechrollen vorkommen.

Kommt denn etwas Händel bei Ihnen vor?

Bei der Figur des Sino habe ich mich ein wenig an Händel orientiert. Aber es bleibt natürlich meine eigene Musik, die ganz anders ist.

Was ist Ihnen beim Komponieren wichtig?

Für mich als Hörerin ist es das Allerwichtigste, dass mich Musik berührt, und genau das möchte ich auch bei meinen Hörern erreichen. Musik muss Spuren hinterlassen, sie darf nicht einfach so vorbeigehen. Allerdings soll meine Musik nicht in dem Sinne berühren, dass sie irritiert, weil sie beim Anhören wehtut. Musik braucht ein Ziel, auf das sie zuläuft. Dabei muss sie die Zuhörer mitnehmen.

Denken Sie also beim Schreiben von Musik an Ihre Hörer?

Unbedingt, es ist unverzichtbar, das Publikum zu respektieren. Und es nicht zu unterschätzen. Neulich erst habe ich wortwörtlich von einem Komponisten gehört, es sei ihm egal, was das Publikum denke, Hauptsache, die Musiker würden so spielen, wie er es wolle. Das scheint mir sehr arrogant. Ich existiere als Komponistin doch, weil das Publikum dafür bezahlt, meine Musik zu hören.

Wie haben Sie das in „George“ umgesetzt?

Zum ersten Mal habe ich mich getraut, sehr sparsam zu instrumentieren. Es gibt kein großes Orchester, dafür ein Kammerensemble mit zehn Musikern. Alle Instrumentengruppen sind vertreten. Die Gesangstimmen werden manchmal nur von einem einzelnen Instrument begleitet. Ich liebe die menschliche Stimme, die möchte ich nicht zudecken. Insgesamt ist die Musik in „George“ sehr harmonisch, sehr melodisch.

Sie möchten also, dass die Menschen sich mit Ihrer Musik wohlfühlen. Ist Ihnen schon einmal vorgeworfen worden, nicht modern genug zu sein?

Na klar, oft. Nicht wirklich vorgeworfen, man hat es mir durch die Blume mitgeteilt. Über meine Art zu komponieren, über ähnliche Stile anderer Komponisten habe ich oft gelesen, solche Musik sei irrelevant, ohne Fortschritt. Manche Leute sagen, meine Musik sei im Vergleich zu früher sehr weich geworden.

Wie gehen Sie damit um?

Es ist ja nicht so, dass ich immer und nur tonal komponiere. Dennoch gefällt mir das Tonale einfach am besten. Ich versuche schon, mit meiner Musik etwas Neues zu sagen, aber nicht um des Neues-Sagens willen. Das wäre mir zu eitel. Ich kann nur die Musik schreiben, die meinem Inneren entspricht. Wenn mir gesagt wird, das sei nicht modern genug, dann bedeutet mir das heute nicht mehr so viel. Ich stehe mit beiden Beinen in meinem Leben.

Interview: Christian Schütte

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