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Konfetti für alle

Von Wegen Lisbeth im Lux Konfetti für alle

Vom Erwachsensein und Erwachsenwerden: Von Wegen Lisbeth lassen am Freitagabend das Lux hüpfen – und zeichnen mit ihrem Gute-Laune-Indie-Pop nebenbei ein kritisch-liebevolles Generationenporträt der Mittzwanziger. Während sich die geladenen Gäste beim Capitol–Geburtstag nebenan in Abendgarderobe an gute alte Zeiten erinnern.

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"Denn dass diese Welt nicht zusammenfällt liegt nur allein an deinen Beinen": Die Berliner Band Von Wegen Lisbeth fordert im ausverkauften Lux zum Tanz auf.

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Es gibt so Sätze, die hätte man früher auf Häuserfassaden gekritzelt oder in den Schultisch geritzt – jetzt sind es Sätze für den Whats-App-Status: „Lina! Ich will dein Sushi gar nich seh’n, warum ist dein Leben so prima und du immer so wunderwunderschön?“. Was Von Wegen Lisbeth sagen wollen: Dieses perfekt inszenierte Leben in sozialen Netzwerken im Internet nervt und verstellt den Blick auf das Wirkliche. Als Zustimmung lässt das Publikum es im Lux am Freitagabend in Hannover Konfetti regnen. Isso!

Diese junge Berliner Band ist der Durchstarter in Deutschlands feiner Indie-Szene. Man kann sagen: Läuft bei denen. Von Wegen Lisbeth sind auf ihrer ersten eigenen Club-Tour, sie haben ein großes Label gefunden, konnten gerade erst im Vorprogramm von Element of Crime und AnnenMayKantereit das ernsthafte Publikum überzeugen, im Frühjahr geht es dann schon ganz alleine in größere Hallen. Ein Schnellstart? Kommt auf die Perspektive an: Die fünf Freunde Matze, Doz, Julian, Robert und nochmal Julian machen seit der 7. Klasse gemeinsam Musik – sind jetzt Mitte 20 und erinnern sich altersmilde an ihre ersten musikalischen Versuche bei MySpace (das war mal was im Internet). In der Zeitrechnung der Digital Natives heißt das in etwa: Steinzeit. So gesehen haben sie die musikalische Ochsentour bereits durchlaufen. Das Debüt heißt dann auch selbstbewusst: "Grande".

Junger Indie-Pop aus Berlin: Die Band "Von Wegen Lisbeth" spielte am Freitagabend im Lux in Hannover.

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Man kann Von Wegen Lisbeth wohl am ehesten mit Indie-Pop beschreiben, weil Pop ja immer irgendwie alles fasst und das Präfix noch sagt: Ist aber cooler als der andere Kram. Die Berliner Jungs holen den Deutsch-Pop aus der gefühlsduseligen Bosse-Poisel-Silbermond-Ecke heraus und machen’s sich da gemütlich, wo Wanda, Bilderbuch oder Trümmer sich schon seit einiger Zeit eingenistet haben. Mit weniger Arroganz, dafür mit reichlich guter Laune. Die bringen bei Lisbeths schon die Instrumente: Rassel, Triangel, Glockenspiel, bunte Kinderinstrumente, Casio-Keyboard, Megafon – irgendwo knarzt, scheppert, klimpert, trötet es immer, während Drums und Gitarren den Beat unaufhörlich stampfen lassen. Das Lux nimmt das Angebot an – und tanzt. Das hatte es zuvor schon bei der überraschend guten Vorband Giant Rooks aus Hamm gemacht – die 18-Jährigen waren noch schnell von der Matheklausur nach Hannover geeilt. Die volle Stimme des Sängers Frederik klingt dann eher nach Jahren durchzechter Nächte als nach Klassenarbeit.

"Voll nice hier": Lisbeth-Sänger Matze.

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Und worum geht’s hier bei den Lisbeths? Nicht darum, dass man was erreichen muss. Nicht um das ideale Leben. Es geht eher darum, so klar zu kommen im Alltag und nicht alles so ernst zu nehmen. Tocotronic wollten mal Teil einer Jugendbewegung sein. Bei den Lisbeths will keiner so richtig irgendwas. Höchstens: „Mach mal dein Ding / mit Herz und Blut / Mach dich glücklich / Mach dich traurig / Mach, mach, mach es gut“.

Ein bisschen Glitzer- und Sommergefühl

Es ist nicht so, dass die fünf Berliner die Egal-Haltung und Oberflächlichkeit mancher ihrer Altersgenossen gut fänden, im Gegenteil: Sie besingen Lebenslaufoptimierung, die Bürde der Chancen, sich sorgende Papas, glutenfreie Ernährung, Instagram-Obsession und Berliner Drogen-Clubnächte. Stets nicht belehrend, eher verwundert. Und vor allem: sehr gut beobachtet. Es geht um Lina, Linda, Lisa und wie sie so die Welt sehen. Im Lux hüpft das durchweg textsichere Publikum, es fliegt Konfetti, immer und immer wieder. Die kleinen Papierschnipsel sind wohl die Überbleibsel aus dem Festival-Rucksack – und unterstreichen die Leichtigkeit des Lisbeth-Seins: Ein bisschen Glitzer und Sommergefühl im gefühlten 40-Grad-heißen Club. Nebenan feiern die Älteren der Stadt 30 Jahre Capitol – mit Abendgarderobe. So geht dann wohl Erwachsenwerden.

Alles nur Spaß? Nicht nur: Es soll dann kurz politisch sein als Sänger Matze von der Wahl in Berlin erzählt: Irgendwas mit, nein gegen die AfD, was genau nochmal? Die Aussage ist auch egal, der Titel des Songs spricht für sich und wird so oder so bejubelt: „Untergang des Abendlandes“. Mit Pegida und Rechtspopulismus hat das dann wenig zu tun, eher mit Dingen, die einem Mittzwanziger heute den Tag vermiesen: Schlechtes Internet beim Filme-Streamen, der nervige Flirt bei der Dating-App Tinder. Und zwischen den Zeilen steht: Kommt mal klar, es gibt Schlimmeres. Hatten so nicht „Wir sind Helden“ auch einmal angefangen? So eine Zeile wie in „Bitch“ könnte jedenfalls auch von Judith Holofernes kommen: „Um drei Minuten vor halb Acht, hab ich kurz nicht an Dich gedacht“. So simpel, so romantisch.

An der Dramaturgie muss die Band bis zur größeren Tour im Frühjahr noch feilen: Immer wenn das Publikum gerade heiß gehüpft ist, muckeln die fünf auf der Bühne etwas zu lange rum bis es wieder weitergeht. Doch wie füllt man jetzt so einen eigenen Club-Abend? Irgendwann, da ist etwa eine gute Stunde gespielt, sind die Songs alle. Album durch, EP durch. Also Flucht nach vorn: „Wir hätten jetzt noch einen Uralt-Song oder einen, den wir noch so gar nicht gut können“. Von Wegen Lisbeth spielen einfach beide. So oder so: Konfetti. Ganz schön „nice“.

„Von wegen Lisbeth“ kommen im Februar wieder nach Hannover: Am 3.2. spielen sie im Musikzentrum. Karten gibt’s hier bei der HAZ. Wer so lange nicht warten will, dem seien bis dahin Trümmer am 12. Oktober ebenfalls im Lux empfohlen.

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