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Kultur Nigel Kennedy gibt den netten Rüpel
Nachrichten Kultur Nigel Kennedy gibt den netten Rüpel
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00:15 10.09.2016
Von Stefan Arndt
Bad Boy als Gentleman: Nigel Kennedy beim Braunschweiger Festival „Kultur im Zelt“. Quelle: Hübner
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Braunschweig

Das Publikum hat die Wahl: laut oder leise? Mit der Zugabe im ausverkauften Zirkuszelt im Braunschweiger Bürgerpark stellt der Geiger Nigel Kennedy auch die Instrumente zur Diskussion, die er an diesem Abend gespielt hat: Soll er noch einmal die E-Geige nehmen, die den kaum vorhandenen Resonanzkorpus durch großzügige Verstärkung mehr als wettmacht, oder doch lieber die edle Guarneri von 1735? Die Abstimmung im Saal fällt nicht ganz eindeutig aus. Also fragt Kennedy die Dame aus der ersten Reihe. Und die mag es lieber ruhiger.

So gibt Kennedy die E-Geige dem diskreten Helfer zurück, der ihm den ganzen Abend über die Instrumente und auch mal ein frisches Handtuch angereicht hat, nimmt die kostbare italienische Violine und spielt irische Volksweisen. Und weil die rund 1200 Zuhörer weiterhin lautstark ihrer Begeisterung Ausdruck verleihen, schiebt er noch ein Stück von Django Reinhardt hinterher. Ansonsten aber gehörte der Abend dem Komponisten, mit dem der Geiger sich seit fast einem Vierteljahrhundert intensiver beschäftigt als mit Bach und Beethoven: Jimi Hendrix.

Es passt zwar zum Image dieses „Punk-Geigers“, sich publikumswirksam mit einer Ikone der Rockmusik auseinanderzusetzen. Aber Kennedy wird in diesem Jahr 60 Jahre alt und ist seit Langem einer der erfolgreichsten Musiker der Welt. Er hat es nicht nötig, irgendetwas fürs Image zu tun. Er spielt lieber damit: mit unverdrossen hochgegelten Haaren und schlabberigen Fußball-Shirts; mit dem Bier in der Hand und einem Mix aus britischer Förmlichkeit und Gossen-Slang, mit dem er Handküsse verteilen und die glücklich applaudierenden Zuhörer als „Motherfucker“ bezeichnen kann, ohne dass jemanden das eine oder das andere zu stören scheint. Kennedy gelingt ein sonderbares Spagat: Er ist Bad Boy und Gentleman zugleich.

Vor allem aber ist er ein interessanter Musiker. Beim Braunschweiger Festival „Kultur im Zelt“ präsentiert er sich zwar nicht mehr als großer Geiger - mancher Lauf ist inzwischen eingerostet, und in den hohen Lagen sitzt längst nicht mehr jeder Ton an der richtigen Stelle. Aber was er mit der Musik von Hendrix anzufangen weiß, übersteigt bei Weitem den Rahmen des gefälligen Arrangements. Kennedy will sich nicht mit leicht verdaulichen Cross-over-Klängen einem neuen Publikum öffnen. Er bohrt sich vielmehr in die Tiefe dieser dröhnenden Kammermusik - Hendrix hat seine Stücke schließlich für ein Trio aus Bass, Gitarre und Schlagzeug geschrieben. Bei Kennedy sind mit Doug Boyle und Julian Buschberger gleich zwei Gitarristen mit von der Partie, dazu kommen Schlagzeuger Adam Czerwinski und Bassist Tomas Kupiec. Alle zusammen verknüpfen in Stücken wie „Little Wing“, „Fire“ und „Voodoo Child“ ihre Improvisationen zu einem immer dichteren Klanggeflecht, das die Zuhörer immer fordert und manchmal überwältig: Kennedys Geige heult und jault dann in schriller elektronischer Verzerrung und trifft doch fast immer einen Nerv. Sicher vermischt er unterschiedliche musikalische Welten. Halbe Sachen aber gibt es bei ihm nicht.

Das Festival „Kultur im Zelt“ mit Auftritten unter anderem von Element of Crime, Bodo Wartke und Nils Wülker endet am 25. September, Karten und Programm unter Telefon (05 31) 2 80 18 18.

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