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00:16 25.03.2016
Zeichen der Hoffnung: „No Land’s Song“ auf der Bühne des Pavillons. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Ist das Reihe 11, Platz 27?“, fragt hektisch eine Besucherin, die kurz vor Konzertbeginn ihren Platz sucht. „Nein, das ist Reihe 10, Platz 27“, antwortet der dort Sitzende.

Der Platzanweiser im Pavillon schreitet ein: „Sie müssen ihren festen Platz einnehmen. Wir sind ausverkauft.“

Ausverkauft! Das ist erstaunlich bei einem Konzert, dessen Protagonistinnen nicht mal als Weltmusik-Experten bekannt sind. Und es auch gar nicht sein können. Denn es ist ihnen - seit der islamischen Revolution von 1979 - verboten, in ihrem Heimatland Iran aufzutreten. Zumindest vor männlichem Publikum. Die weibliche Stimme könnte die Männer erregen. Das wäre nicht gut. Sagt die Geistlichkeit. Eine absurde Situation. Aber Realität in einem Land, das sich nur zaghaft öffnet.

Ein Zeichen der Hoffnung ist der Film „No Land’s Song“, gedreht von dem in Deutschland lebenden Regisseur Ayat Najafi. Er hat ein Konzert dokumentiert, dass die junge Komponistin Sara Najafi, seine Schwester, in Teheran organisiert hat - trotz aller Zensurvorgaben. Immer wieder sprach sie bei religiösen Führern und Beamten des Kulturministeriums vor, um für eine Erlaubnis ihres Konzerts zu streiten. Am Ende gelang die Aufführung nur auf Umwegen. Nun ist der Film zum Konzert in deutschen Programmkinos zu sehen. Und das Konzert zum Film ging im Pavillon über die Bühne. Es ist eines von zwei Konzerten in Deutschland, das andere fand am Dienstag in der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin statt.

Bevor es losgeht, läuft der Trailer zum Film. Wir sehen Najafi, wie sie bei geistlichen Führern vorspricht, mit Musikerinnen diskutiert. Wir sehen Straßenszenen, hören kurze Musiksequenzen. Und wir sehen, wie danach die Band entspannten Schrittes die Bühne betritt. In der Mitte steht ein Schlagzeug. Links davon nehmen die vier Instrumentalisten Platz, rechts davon drei Sängerinnen und ein Sänger. In der Luft hängt andachtsvolle Spannung. „Iranische Solistinnen singen traditionelle Lieder aus persischer und zeitgenössischer Musik“: Das ist für viele Besucher, darunter erstaunlich viele Lokalpolitiker, die wesentliche Information über das Konzert. Anfänglich ist auch spürbar, wie fremd die verhalten arrangierten Lieder auf westliche Ohren wirken. Über die Rhythmik bekommen viele Hörer den Zugang. Erst zaghaft, dann immer intensiver wird mitgeklatscht. Und je länger das Konzert dauert, desto mehr erliegen die Zuhörer der besonderen Strahlkraft der Melodien, deren Wortlaut sie (mehrheitlich) nicht verstehen, deren spirituelle Botschaft sie aber spüren.

Es ist mehr als nur eine Demonstration traditioneller Musik aus dem Iran, Öffnung ist auch das zentrale musikalische Thema des Abends. Schlagzeuger Edward Perraud, Gitarrist Sébastien Hoog und Percussionist Imed Alibi steuern die Musik mit geschickt geschichteten Klangfarben in Richtung Pop. Chakad Fesharaki an der Kamantsche und Rahi Sinaki an Tar lenken sie wieder auf Traditionskurs. Im Mittelpunkt aber stehen die Stimmen: Sänger Ali Kazemian, die 63-jährige Parvin Namazi, die Mezzosopranistin Sayeh Sodeyfi und die Gastsängerin Emel Mathlouthi aus Tunesien, die Stimme des Arabischen Frühlings. Ihr fast schon psychedelischer Solo-Auftritt gegen Ende des Konzertes bricht endgültig das Eis. Danach feiert das Publikum die No Land’s Song Band plus Regisseur und Komponistin mit Applaus im Stehen.

Konzerte mit „verbotenen Stimmen“ haben im Pavillon eine lange Tradition. Kurz nach seiner Ausbürgerung am 2. Februar 1988 spielte der DDR-Liedermacher Stephan Krawczyk sein erstes West-Konzert mit großer Medienaufmerksamkeit (sogar die „Tagesschau“ berichtete) im Pavillon. Anderthalb Jahre später war die DDR Geschichte. Mal sehen, wo die iranischen Sängerinnen in anderthalb Jahren stehen. Vielleicht bekommt ihre Musik einen ähnlichen Auftrieb wie einst der Buena Vista Social Club aus Kuba, ebenfalls Musik aus einer hermetisch abgeriegelten Gesellschaft. Das kulturübergreifende Potential dazu hätte die Musik der Sängerinnen jedenfalls.

Der Film „No Land’s Song“ ist heute um 18.45 Uhr sowie am Sonnabend, 26. März, und Sonntag, 27. März, jeweils um 12 Uhr im Raschplatz-Kino zu sehen.

von Bernd Schwope

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